Stand: 27.08.2019 18:49 Uhr

Christian Groß: Mit 30 plötzlich Bundesliga?

Christian Groß hat in seiner bisherigen Profi-Laufbahn nie höher als in der Dritten Liga gespielt. Nun darf der Defensiv-Spezialist im Alter von 30 Jahren vom Bundesliga-Debüt träumen. Das große Verletzungspech von Werder Bremen macht es möglich.

Am vergangenen Sonntag hatte Christian Groß der häufig eher triste Regionalliga-Alltag wieder. Als Kapitän führte der 30 Jahre alte Berufsfußballer die U23 von Werder Bremen im Auswärtsspiel beim Aufsteiger HSC Hannover aufs Feld. 450 Zuschauer waren auf der Sportanlage an der Constantinstrasse Zeugen, wie die Reserve des Bundesligisten auf Kunstrasen nicht über ein 2:2 gegen die Feierabend-Kicker hinauskam. Für Groß endete mit dem Schlusspfiff ein aufregendes und kontrastreiches Wochenende. Denn am Vortag hatte der Defensivspezialist noch im Kader des Bremer Erstliga-Teams gestanden, das bei der TSG Hoffenheim mit 2:3 unterlag. Vor 27.333 Schaulustigen im Sinheimer Fußball-Tempel hatte sich der Routinier sogar warmmachen und auf eine Einwechslung hoffen dürfen.

Für Liga vier geholt - nun bei den Profis gebraucht

Trainer Florian Kohfeldt tauschte dann zwar drei andere Akteure ein. Aber schon am kommenden Sonntag in Werders Duell mit dem FC Augsburg (15.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de) könnte Groß erstmals in seiner Laufbahn in der deutschen Beletage zum Einsatz kommen - mit 30 Jahren! Klingt verrückt, und ist es irgendwie auch. Denn eigentlich war der Defensivspezialist vor einem Jahr vom VfL Osnabrück verpflichtet worden, um der viertklassigen U23 mit seiner Routine Stabilität zu geben. Genau das tat der gebürtige Bremer bis zu diesem Sommer auch ausschließlich. Die Bundesliga schien für ihn in weiter Ferne. Unerreichbar. Dann aber wurde das Profiteam von großem Verletzungspech heimgesucht. Groß durfte mit ins Trainingslager des viermaligen Meisters und wusste dort derart zu überzeugen, dass er im Erstrundenspiel des DFB-Pokals gegen den SV Atlas Delmenhorst in der Startelf stand. Jetzt wird vielleicht sein Erstliga-Debüt folgen. Denn Kohfeldt geht langsam sein Defensiv-Personal aus.

Der Werder-Kader für die Saison 2019/2020

Personalnot in der Abwehr immer dramatischer

Am Dienstag teilte Werder mit, dass Neuzugang Ömer Toprak wegen einer Wadenverletzung sechs Wochen ausfallen wird. Die Dortmund-Leihgabe ist bereits der dritte etatmäßige Innenverteidiger neben Sebastian Langkamp und Milos Veljkovic im Bremer Lazarett. Bleiben noch Kapitän Niklas Moisander und Marco Friedl aus dem Profikader für diese Position. Letzterer wird aber als Ersatz für Linksverteidiger Ludwig Augustinsson gebraucht, der nach einer Knie-Operation sogar drei Monate fehlen wird. Die Chancen für Groß scheinen also ganz gut, gegen Augsburg sein Bundesliga-Debüt zu feiern, auch wenn sich Kohfeldt diesbezüglich noch nicht in die Karten schauen lassen wollte. "Ich bin auf keinen Fall blank. Ich muss schauen, was Sinn ergibt", sagte der Coach mit Blick auf seine Abwehrsorgen.

Kohfeldt voll des Lobes über U23-Kapitän

Kohfeldt hat Groß in den vergangenen Wochen immer wieder in den höchsten Tönen gelobt. Gleichzeitig wurde der 36-Jährige aber auch nicht müde zu betonen, dass der U23-Kapitän keine Dauerlösung für die Bremer Probleme sei. "Wir werden unsere Abwehrpläne nicht auf ihm aufbauen, das wäre schon reichlich naiv. Aber wir sind froh, dass wir einen Spieler mit dieser Qualität in unserem Verein haben. Ich habe eine sehr große Wertschätzung für ihn, aber es wäre fahrlässig, jetzt zu sagen: Wir brauchen keinen Abwehrspieler mehr, wir haben ja den Groß. Soweit würde ich jetzt noch nicht gehen", hatte der Trainer vor der Verpflichtung von Toprak erklärt. Letzterer ist nun verletzt, sodass Kohfeldt vielleicht das Risiko mit dem Mann eingehen muss, der in seiner Laufbahn bis dato nie höher als in der Dritten Liga spielte.

Routinier studiert nebenbei BWL und Management

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Christian Groß, hier im Trikot des SV Babelsberg, lief 182 Mal in der Dritten Liga auf.

Er habe es sich bei seinem Wechsel 2018 aus Osnabrück nach Bremen "im Traum nicht vorstellen können", je für die Bundesliga-Mannschaft in Betracht zu kommen, gab Groß nach der Pokalpartie gegen Delmenhorst offen zu. Nach 182 Drittliga-Einsätzen für den VfL, die Sportfreunde Lotte und Babelsberg 03 wollte er seine Erfahrung nun im Regionalliga-Team Werders an die möglichen Stars von morgen weitergeben. Längst hatte der frühere Nachwuchsspieler des Hamburger SV nicht mehr nur auf die Karte Fußball gesetzt. Bei seiner Rückkehr vor einem Jahr in seine Geburtsstadt befand er sich bereits in der Endphase seines Betriebswirtschafts- und Managementsstudiums.

"Es ist eine Momentaufnahme"

Groß hat also bereits für die Karriere nach der Karriere vorgesorgt. Das wird ihn nicht daran hindern, alles dafür zu tun, noch zu einigen oder zumindest einem Bundesliga-Einsatz zu kommen. Aber er gibt sich eben auch keinen großen Illusionen hin. "Es ist eine Momentaufnahme. Mein Alltag heißt Drochtersen-Assel. Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich zur U23 gehe und das ist auch okay. Jetzt will ich den Moment genießen", sagte Groß der "Bild."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 01.09.2019 | 22:55 Uhr

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