Stand: 10.09.2018 06:00 Uhr

Wasserkocher: Gefahr durch Mikroplastik?

von Melanie Stinn
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Aus einzelnen Plastik-Wasserkochern können sich offenbar winzige Partikel lösen.

Elektrische Wasserkocher mit Kunststoffbehälter sorgen in vielen Haushalten täglich für heißes Wasser. Doch beim ständigen Erhitzen und Abkühlen lösen sich offenbar bei einzelnen Geräten winzige Kunststoffteilchen  - sogenanntes Mikroplastik - aus den Innenwänden der Behälter. Wissenschaftler führen die Partikel auf den ständigen thermischen Prozess und die Qualität der verwendeten Kunststoffe beziehungsweise deren Verarbeitung zurück.

Mehrere Wasserkocher, die nebeneinander stehen.

Wasserkocher: Gefahr durch Mikroplastik?

Markt -

Wasserkocher mit Plastik-Innenwand können offenbar winzige Teilchen ans Wasser abgeben. In einer Laboruntersuchung wurden pro Milliliter bis zu 30.000 Partikel nachgewiesen.

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Vier Wasserkocher im Labor untersucht

In einer Stichprobe hat Markt insgesamt vier Plastik-Wasserkocher im Labor untersuchen lassen. Zwei günstige Wasserkocher für weniger als 10 Euro und zwei Markengeräte zwischen 20 und 30 Euro. Zum Vergleich wurde ein Wasserkocher aus Glas untersucht. Alle Geräte wurden vor dem Experiment gemäß Anleitung mehrfach ausgekocht, damit keine Verunreinigungen aus der Produktion das Ergebnis verfälschen. Gefüllt wurden alle Wasserkocher mit destilliertem, also möglichst partikelarmem Wasser.

Bis zu 30.000 Teilchen pro Milliliter Wasser

In allen Proben aus den vier Plastik-Wasserkochern hat sich der Gehalt an winzigen Partikeln deutlich erhöht. Experten gehen davon aus, dass es sich dabei in hohem Maße um Mikroplastik handelt. In einem der günstigen Wasserkocher fanden sich bis zu 30.000 Teilchen pro Milliliter Wasser. Auch bei den zwei teureren Geräten haben sich viele Partikel gelöst. Der günstigste Wasserkocher im Test schnitt noch am besten ab. Im Wasserkocher aus Glas wurden dagegen im Labor kaum Partikel gefunden.

Expertin sieht Gefahr für die Umwelt

Bewertet wurden die Laborergebnisse von Polymerchemikerin Dr. Katrin Schuhen, Leiterin einer Forschungsgruppe zur weltweiten Wasserqualität in Karlsruhe. Ihr Fazit: "Wenn man jetzt sieht, wie viele Wasserkocher verkauft werden weltweit und auch täglich genutzt werden, sind wir dann deutlich in einem Akkumulationsprinzip, das heißt, es entstehen mehr und mehr Partikel und dann haben wir natürlich auch einen größeren Einfluss und eine größere Belastung für die Umwelt." Die Wissenschaftlerin forscht im Rahmen des Projekts "Wasser 3.0" dazu, wie man Mikroplastik wieder aus dem Wasser entfernen und dadurch die Wasserqualität weltweit verbessert kann.

Das sagen die Hersteller

Die Hersteller der Plastik-Wasserkocher äußern sich so zum Ergebnis der Laboruntersuchung:

  • Einige verfolgen die Problematik und zukünftige rechtliche bindende Entscheidungen von Aufsichtsbehörden "mit großem Interesse".
  • Andere wiederum verweisen auf eigene Qualitätskontrollen und schreiben, "dass die vermeintlichen Partikel, die Sie bei Ihrem Test unseres Produktes angeblich gefunden haben, kein Risiko für den Endverbraucher darstellen".

Zwei Arten von Mikroplastik

Mikroplastik hat verschiedene Quellen. Man unterscheidet primäres und sekundäres Mikroplastik

  • Bei primärem Mikroplastik handelt es sich zum Beispiel um kleine Kunststoffteilchen, die sich in Kosmetikartikeln, etwa in Peelings, wiederfinden.
  • Sekundäres Mikroplastik hingegen entsteht durch chemische und physikalische Alterungs- und Zerfallsprozesse. So kann auch aus großen Plastikgegenständen wie Plastiktüten irgendwann Mikroplastik werden, auch der Reifenabrieb auf der Straße ist eine Quelle für sekundäres Mikroplastik.

Experten vermuten, dass sich sekundäres Mikroplastik sehr viel häufiger in der Umwelt befindet als primäres Mikroplastik. Bei den von Markt gefundenen Partikeln in Plastik-Wasserkochern bildet sich offenbar sekundäres Mikroplastik.

Mikroplastik: Gefahr für den Menschen?

Die genauen Gefahren für den Menschen kann heute noch niemand abschätzen. Einen Grenzwert für den Gehalt an Mikroplastik in Wasserkochern und eine vorgeschriebene Methode für den Nachweis gibt es nicht. Die in der Stichprobe gefundenen Partikelmengen sind für Menschen wahrscheinlich unbedenklich.

Mikroplastik kann in Zellen eindringen

Vor den langfristigen Folgen warnen Experten wie Prof. Werner Kloas, der am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin die Wirkung von Mikroplastik auf Organismen untersucht: "Man weiß inzwischen, dass vor allem das kleine Mikroplastik, wenn es im Bereich von einem Mikrometer oder kleiner ist, eigentlich auch in Zellen eindringen kann (...) und dass bei höheren Konzentrationen auf jeden Fall dann auch entzündliche Prozesse stattfinden können".

Umweltgifte haften an Mikroplastik

Die Oberfläche von Plastikpartikeln kann wie ein Magnet auf Umweltgifte wirken. Diese befinden sich im Wasser und reichern sich auf der Kunststoffoberfläche an. Kloas und sein Team haben den Effekt an Ethinylöstradiol erforscht, dem künstlichen Östrogen in der Anti-Baby-Pille. Über Kläranlagenausläufe kann der Stoff in die Umwelt gelangen.

"Das Mikroplastik bindet diesen Stoff und der wird dann in hohen Konzentrationen beispielsweise von Kaulquappen aufgenommen, die das Mikroplastik aus dem Wasser herausfiltern", erklärt Kloas. Der Laborversuch hat gezeigt, dass der Mechanismus im Extremfall dazu führen kann, dass die Kaulquappen ihr Geschlecht umwandeln.

Mehr Forschung zu Mikroplastik nötig

Das Wissen über Herkunft, Verbreitung und Folgen von Plastik in der Umwelt ist allerdings noch sehr lückenhaft, sagt Polymerchemikerin Dr. Katrin Schuhen: "Von der analytischen Seite her stecken wir (..) noch in den Kinderschuhen, aber die Analytik entwickelt sich stetig weiter." Um Eintragswege und Risiken besser abschätzen zu können, müsse man viel mehr in Forschung und Entwicklung investieren. 

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Dieses Thema im Programm:

Markt | 10.09.2018 | 20:15 Uhr

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