Nutri-Score: Gesünder essen mit der Lebensmittelampel?

Stand: 02.08.2021 09:56 Uhr

Der Nutri-Score soll Verbrauchern helfen, gesunde Lebensmittel zu finden. Doch die Ampel-Kennzeichnung hat ihre Tücken. Was grün gekennzeichnet gesund erscheint, kann zum Beispiel trotzdem viel Zucker enthalten.

Auf immer mehr Lebensmitteln prangt inzwischen ein farbiges Symbol, die Ernährungs- oder Lebensmittelampel. Mit unterschiedlichen Farben und Buchstaben soll dieser Nutri-Score zeigen, in welchem Lebensmittel sich Zuckerfallen oder Fettbomben verstecken, sodass die Verbraucher Produkte direkt vergleichen und sich so leichter für Lebensmittel mit einer besseren Nährstoff-Bilanz entscheiden können.

Ernährungs-Ampel: Fünf Stufen von A bis E

Verbraucher können mithilfe des Nutri-Score, der aus Frankreich stammt, auf einen Blick erkennen, wie verarbeitete Lebensmittel aus ernährungsphysiologischer Sicht einzustufen sind. Waren mit einem großen "A" auf grünem Grund sind vergleichsweise hochwertig, Produkte mit einem "E" auf rotem Grund eher ungünstig. In die Bewertung fließen verschiedene Faktoren ein:

Berechnung nach positiven und negativen Inhalten

Jeder Bestandteil wird mit gewichteten Punkten bewertet. Ein hoher Gehalt positiver Stoffe kann damit negative Inhalte ausgleichen, der exakte Anteil wird nicht genannt. Nicht bewertet werden unter anderem Vitamine, Mineralstoffe, ungesättigte Fettsäuren, Zusatzstoffe, Süßstoffe und Aromen. Die Einordnung bezieht sich auf 100 Gramm des Nahrungsmittels, unabhängig vom Gewicht in der Packung. So lassen sich besonders ähnliche, aus vielen Zutaten produzierte Lebensmittel von unterschiedlichen Herstellern gut vergleichen.

Nährwert-Tabelle bleibt erhalten

Verbraucher können sich bereits über die Nährwerte eines Produkts informieren. Doch die Tabellen mit Angaben zu Energie, Fett, Kohlenhydraten, Salz und Eiweiß steht meist recht klein auf die Rückseite der Verpackung. Sie bieten zwar mehr Informationen als die neue Kennzeichnung, sind jedoch unübersichtlicher. Der Nutri-Score ersetzt die Nährwert-Tabellen nicht, sondern bietet zusätzliche Orientierung. Einige Hersteller haben die Nährwert-Ampel bereits seit Längerem auf ihre Verpackungen.

Verbraucherschützer und Mediziner nur teilweise zufrieden

Der Bundesverband Verbraucherzentralen setzt sich schon lange für den Nutri-Score ein. Die Kennzeichnung sei zwar nicht perfekt, aber ein Schritt in die richtige Richtung und sollte verpflichtend sein. Hersteller unausgewogener Produkte würden die Kennzeichnung einfach nicht nutzen, so der Verein Foodwatch. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte begrüßte die Entscheidung für den Nutri-Score. Der Verband forderte zusätzlich ein Werbeverbot für Lebensmittel, die speziell an Kinder verkauft werden sollen.

Schwachpunkte des Nutri-Score

Allerdings ist die Ampel freiwillig, sodass jeder Hersteller selbst entscheiden kann, ob er sie auf seine Verpackungen druckt. Und nur, weil zum Beispiel Nudeln ein grünes B tragen, sind sie nicht generell gesund. Trotz dieser Schwächen halten Ernährungsmediziner den Nutri-Score aber für eine Hilfe bei der Kaufentscheidung. Mit dem Nutri-Score lassen sich zum Beispiel Produkte einer Kategorie vergleichen, etwas Müsli oder Fertiggerichte.

Bei der Berechnung des Nutri-Score können jedoch gute und schlechte Zutaten verrechnet werden: Viel Zucker und Salz ergeben einen schlechten Wert. Kommen Eiweiß oder Ballaststoffe hinzu, verbessert sich der Nutri-Score.

Vorsicht vor falschen Schlüssen

Doch der Nutri-Score kann Verbraucher auch auf die falsche Fährte bringen: Nudeln zum Beispiel enthalten kaum Fett, Salz und Zucker - und bekämen daher eigentlich ein grünes A. Die tatsächlich gesunden Walnüsse dagegen enthalten viel Fett und trügen ein C, ebenso wie sehr gesundes Olivenöl.

Toastbrot hätte dank seines geringen Fett- und Zucker-Anteils wiederum ein A, während der Käse, der auf dem Brot landet, nur ein D erhielte, da er viel Fett enthält. Ernährungsmediziner warnen deshalb davor, den Nutri-Score mit einem Gesundheitsversprechen gleichzusetzen.

Im schlimmsten Fall würden Verbraucher im guten Glauben, sich mit A- und B-Produkten gesund zu ernähren, nur minderwertige Lebensmittel essen und wirklich gesundes wie ein hochwertiges Olivenöl oder Fisch vermeiden, weil diese Produkte laut Nutri-Score schlechter abschneiden.

Trotz Nutri-Score auch Nährwert-Angaben beachten

Der Blick auf die Nährwert-Angaben auf der Packung lohnt sich also auch weiterhin. Um sie richtig einzuordnen, sollte man beim Einkauf auf ein paar Zahlen achten. 

Als gesund gelten pro 100 Gramm:

  • 3 Gramm Fett
  • 5 Gramm Zucker
  • 0,3 Gramm Salz
Liegen die Werte pro 100 Gramm deutlich darüber, ist das Lebensmittel eher ungesund.

Vorsicht bei Lock-Begriffen wie "Light", "Lean" oder "Fit"

Begriffe wie "Light", "Balance", "Fitness" oder "weniger Zucker" sind reine Werbung und sagen nichts darüber aus, wie gesund oder ungesund ein Lebensmittel ist. Und trotz des Labels "zuckerfrei" kann das Produkt Zucker enthalten - nur verwendet der Hersteller dann statt herkömmlichem Industrie-Zucker sogenannte Zuckeralkohole. Diese Süßungsmittel sind genauso ungesund wie Zucker und haben in größerer Menge sogar eine abführende Wirkung. 

Gesünder sind unverarbeitete Lebensmittel

Wer sich wirklich gesundheitsbewusst ernähren will, sollte seinen Einkaufskorb vor allem mit unverarbeiteten Lebensmitteln wie Hülsenfrüchten, Obst und Gemüse füllen. Wenn es aber doch mal schnell gehen muss, kann der Nutri-Score den Einkauf wenigstens ein bisschen vereinfachen.

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Dieses Thema im Programm:

Markt | 02.08.2021 | 20:15 Uhr

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