Ein Haus aus recycelten Steinen in Ulvenhout, Niederlande. © MMousse Future House

Nachhaltiges Bauen: So könnten Häuser langlebiger werden

Stand: 02.05.2022 11:06 Uhr

Auch beim Haus- und Wohnungsbau gilt: Eine lange Lebensdauer schützt aus Expertensicht die Umwelt. Wenn Neubauten nachhaltig werden sollen, muss sich in der Baubranche viel verändern.

von Annette Niemeyer

Das Bauwesen ist verantwortlich für mehr als die Hälfte des Abfallaufkommens in Deutschland, so das Statistische Bundesamt. Ganz zu schweigen vom erheblichen Ressourcenverbrauch und den CO2-Emissionen des Bausektors.

In der Vergangenheit stand bei der Diskussion um nachhaltige Gebäude meist nur der Energieverbrauch des Hauses während der Nutzung im Fokus. Nicht berücksichtigt wurde die sogenannte graue Energie - also die Energie, die für den Bau des Hauses, die Gewinnung, die Herstellung und den Transport der Bauteile aufgewendet wird und eines Tages auch für den Abbruch des Gebäudes. Dabei spielt die graue Energie eine große Rolle: bei Neubauten beträgt ihr Anteil in Bezug auf den Gesamt-Energiebedarf eines Hauses 40 bis 60 Prozent.

Förderung energieeffizienter Gebäude eingestellt

Auch die Förderpraxis für Neubauten orientierte sich in der Vergangenheit am Energieverbrauch während der Nutzung. Es gab Zuschüsse für Neubauten vom Typ "Effizienzhaus 55". Diese Förderung wurde inzwischen eingestellt - zum Unmut vieler Bauherren und Energieberater, die sich auf die großzügige Förderung bei ihrer Finanzierung verlassen hatten.

Neubau-Förderung nur noch in Kombination mit nachhaltigem Bauen

Seit April 2022 können nur noch Förderungen für Neubauten beantragt werden, die den Anforderungen des Qualitätssiegels für nachhaltiges Bauen genügen. Diese Häuser müssen unter anderem rückbau- und recyclinggerecht, wartungs- und instandhaltungsfreundlich sowie klimafreundlich und ressourcenschonend sein.

Nachhaltigkeit: Sanierung von Bestandsgebäuden statt Neubau

Der Verein Architects4Future, der sich in Anlehnung an die Fridays-for-Future-Bewegung gegründet hat, befürwortet den Stopp der bisherigen Neubauförderungen und plädiert dafür, dass "Förderungen gezielt auf Sanierung und Umbau von Bestandsgebäuden ausgerichtet werden". Denn darin lägen die "großen Einsparpotenziale im Gebäudesektor". Statt also den Neubau auf der grünen Wiese zu fördern, solle die Politik dem Verein zufolge lieber dafür sorgen, dass Bauherren beim häufig komplizierten und teuren Sanieren alter Gebäude unterstützt würden.

"Urban Mining": Gebäude als Rohstofflager der Zukunft

Reporter Jo Hiller mit Architekturprofessorin Natalie Eßig. © NDR/Annette Niemeyer
Reporter Jo Hiller mit Architekturprofessorin Natalie Eßig.

Wenn schon neu gebaut wird, dann sollte dies laut Experten recyclinggerecht geschehen. Denn wenn Häuser rezyklierbar konstruiert werden, können sie eines Tages als Rohstoff-Lager dienen. Diese Vision wird unter dem Schlagwort "Urban Mining" seit einigen Jahren in Fachkreisen diskutiert. Doch um aus dieser Idee gängige Praxis werden zu lassen, müssten wir anders bauen, so die Architekturprofessorin Natalie Eßig vom Bau-Institut für Ressourceneffizientes und Nachhaltiges Bauen in Bamberg.

Das Problem sei heute die Trennbarkeit von Baumaterialien nach dem Abriss des Gebäudes. Dämm-Materialien wie Polystyrol würden häufig verklebt - in sogenannten Wärmedämmverbundsystemen. Das erschwert die sortenreine Trennung nach dem Abbruch der Häuser und führt derzeit häufig dazu, dass Baustoffe auf der Deponie landen oder verbrannt werden, statt noch ein zweites Mal genutzt zu werden.

Besser seien verschraubte Konstruktionen, die später als sortenreine Materialien wieder in den Ressourcenkreislauf zurückgehen könnten, so Architekturprofessorin Eßig. Doch noch machten sich die wenigsten Bauherren Gedanken darüber, wie ihr Haus eines Tages wieder abgebrochen werden kann. Wenn aber das Mitbedenken des Rückbaus von der Politik gefordert und finanziell gefördert wird, könnte es zum Alltag in der Baubranche werden, davon ist Professorin Eßig überzeugt.

Recycling-freundliches Bauen noch nicht verbreitet

"Inwiefern sind Ihre Häuser heute schon recyclebar gebaut?" Das haben wir während der Recherche zwölf Unternehmen gefragt, die Einfamilienhäuser bauen und in Norddeutschland zu den Großen der Branche zählen. Die ernüchternde Bilanz: Nur vier Anbieter haben uns inhaltlich geantwortet. Von Danwood heißt es, bei der Hauptmarke würden nach wie vor verklebte Verbundmaterialien verwendet, da diese "neben Sicherheit vor allem einen günstigen Preis für unsere Kunden bedeuten."

ScanHaus Marlow schreibt uns, die meisten Bauherren würden sich heute noch für eine Putzfassade mit einem Wärmedämmverbundsystem entscheiden. Und weiter: "Neue Fassadensysteme sind in Prüfung, jedoch benötigen diese immer die Zulassung vom DIBt (Deutsches Institut für Bautechnik, Anm. d. Redaktion). Solche Zulassungen haben in Deutschland leider eine sehr lange Bearbeitungszeit."

Von Viebrockhaus erfahren wir, dass die Außenwände dreischichtig aufgebaut seien und die mittlere Dämmschicht nur geklemmt werde. Ein Abbruch der Bauteilschichten könne daher sortenrein stattfinden.

Town & Country Haus antwortet, das Unternehmen habe in den letzten Jahren "den Einsatz von Wärmedämmverbundsystemen von einem Anteil von ca. 48 Prozent auf einen Anteil von zuletzt 14 Prozent reduzieren" können.

Die geringe Resonanz auf unserer Anfrage deutet an: Offenbar haben nur wenige Unternehmen Antworten auf die Frage parat, was am Ende der Lebensdauer ihrer Bauten damit passiert.

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Dieses Thema im Programm:

Die Tricks | 02.05.2022 | 21:00 Uhr

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Umweltschutz

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