Stand: 16.01.2019 22:00 Uhr

Was die Frühlingsblüte über den Klimawandel verrät

von Marvin Milatz

Die Folgen des Klimawandels spüren nicht nur Menschen in weit entfernten Inselstaaten, wo das Meer Zentimeter um Zentimeter das Land verschluckt. Auch Norddeutschland verändert sich unter der sich aufheizenden Atmosphäre.

Das vergangene Jahr war dabei besonders heftig: 2018 sei das wärmste, sonnigste und trockenste Jahr seit Aufzeichnungsbeginn im Jahr 1881 gewesen, meldete der Deutsche Wetterdienst in einer vorläufigen Auswertung. Dass es das Potenzial zum Ausreißerjahr hatte, deutete sich dabei schon gleich zu Beginn an - am Wachstum der Pflanzen.

Mit der Blüte der Hasel beginnt der Vorfrühling. Der Trend für Norddeutschland: Der Frühling kommt eher.
Frühlingsbeginn verschiebt sich

Bereits Ende Januar blühte 2018 die Hasel, 22 Tage früher verglichen mit dem durchschnittlichen Beginn der Blütezeit seit den frühen 1950er-Jahren. Jahr für Jahr sammeln Meteorologen das Datum der ersten Blüte vieler Pflanzen - und bestimmen so den Verlauf der Jahreszeiten, im sogenannten phänologischen Kalender. Für den Frühling geben die Blüte von Hasel (Vorfrühling), Forsythie (Erstfrühling) und Apfel (Vollfrühling) den Takt an - und in vielen Teilen Norddeutschlands kennt der Frühling nur eine Richtung: Er kommt früher.

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Der Winter wird immer kürzer: Die Frühlingsboten Hasel, Forsythie und Apfel blühen immer früher. Schicken Sie uns für unsere Frühlingskarte ein Foto der Blüte aus Ihrer Region! mehr

Jahrzehntelange Beobachtungen aus ganz Deutschland

Für viele Regionen reichen die Datenreihen der ehrenamtlichen Beobachter Jahrzehnte zurück. An ihnen wird deutlich: Die Entwicklung der Pflanzen beginnt immer früher und der Winter wird kürzer, weil die Erde wärmer wird.

Phänologische Beobachter

  • Etwa 1.200 ehrenamtliche Beobachter übermitteln jedes Jahr ihre Beobachtungen von der Blüte bis zum Welken an den Deutschen Wetterdienst.
  • Meldet sich ein Freiwilliger beim Deutschen Wetterdienst, bekommt er ein Gebiet von fünf Kilometern Radius zugewiesen.
  • Bis zu 200 Stunden wenden die Freiwilligen jährlich auf. Viele von ihnen sind Landwirte, Jäger oder Biologen.

Doch nicht für jedes Gebiet, in dem Daten gesammelt werden, zeigt sich ein eindeutiger Trend. Dafür kann es mehrere Gründe geben, denn auf das Klima vor Ort wirken viele Faktoren ein. So kann die Besiedlung einen Einfluss haben: Die Abwärme von Häusern, Industrie und Straßenverkehr wirkt sich auf die Temperatur in der Umgebung aus. Manchmal reicht auch der Beobachtungszeitraum nicht weit genug in die Vergangenheit zurück. Ebenso kann der Wechsel eines phänologischen Beobachters zu Unterschieden in der Erhebung führen. Nicht jeder setzt die Beobachtung einer jeden Pflanze fort, nicht jeder bleibt Jahrzehnte aktiv.

Trend zum früheren Frühling auch im Norden

Um die Aussagekraft der Daten der einzelnen Beobachtungsgebiete zu erhärten, fassen die Wissenschaftler des Deutschen Wetterdienstes die einzelnen Gebiete in größere Gruppen zusammen. So zeigt sich, wie belastbar die Ergebnisse in der Region sind.

Für Norddeutschland unterscheidet der Wetterdienst zum Beispiel 29 Naturraumgruppen. Die Verschiebung der Jahreszeiten zeigt sich in den meisten von ihnen. Blühte die Hasel an der Mecklenburgischen Seenplatte bis in die 1980er-Jahre erst Anfang März, bilden sich die Blüten seit Mitte der 2000er-Jahre bereits Mitte Februar vollständig aus. Bei der Haselblüte ist eine Verschiebung um etwa einen Monat keine Besonderheit. Auch die Forsythie blüht mittlerweile deutlich früher, die Apfelblüte schiebt sich etwas langsamer nach vorn.

Der Trend zum früheren Frühling bleibt auch dann bestehen, wenn man die Beobachtungsgebiete eines gesamten Bundeslands zusammennimmt.

In den Bundesländern Norddeutschlands zeigt sich im Langzeittrend, dass Hasel, Forsythie und Apfel heute früher blühen als noch vor 60 Jahren. Mal ist der Trend stärker, mal ist er schwächer, aber er ist da.
Viele Rekord-Hitzejahre seit 2000

Die Pflanzenblüte hat sich besonders in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert. Das passt zu einem verwandten Trend: Seit Beginn der 2000er-Jahre muss der Deutsche Wetterdienst wieder und wieder neue Rekord-Hitzejahre verkünden. Die zehn wärmsten Jahre seit 1881 zeigten sich alle seit dem Jahrtausendwechsel - der neue Rekordhalter 2018 ist also in äußerst heißer Gesellschaft.

Die Pflanzen reagieren auf die neuen klimatischen Gegebenheiten nicht nur im Frühling. Der Blick auf die phänologische Uhr zeigt, wie alle Jahreszeiten aus ihrem Rhythmus geraten. Norddeutschlands Gärten bleiben davon nicht verschont.

 

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Dieses Thema im Programm:

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