Stand: 11.05.2020 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Öffnung der Gastronomie: Mal Freude, mal Frust

Endspurt für Tausende Hotels, Restaurants und Cafés in Schleswig-Holstein: In einer Woche können sie wieder öffnen. Die wichtigste Regel für alle: Die Tische müssen so weit auseinander stehen, dass die Gäste eineinhalb Meter auseinander sitzen. Der Zollstock ist jetzt das wichtigste Utensil in der Gastronomie. Die konkretisierte Verordnung des Landes gibt es allerdings noch nicht - deshalb herrscht noch viel Unsicherheit. Zuversichtlich kann aber wohl derjenige sein, der viel Platz in seinem Betrieb hat und Gäste auch draußen auf einer großen Terrasse bewirten kann - dann offiziell bis maximal 22 Uhr. Kleine Locations haben es da viel schwerer und können mitunter gar nicht öffnen. NDR Schleswig-Holstein hat sich bei verschiedenen Betrieben im Kreis Plön, in Lübeck, Schleswig und im Kreis Nordfriesland umgehört.

"Hallig Krog": "Ich baue Tische bis nach Pellworm"

Der "Hallig Krog" auf der Hamburger Hallig in den nordfriesischen Reußenkögen liegt idyllisch. Umgeben von Salzwiesen, Lämmern und dem Wattenmeer bewirtet Erik Brack hier Einheimische und Touristen. Der Koch hat allen Grund zur Freude, denn er hat vor allem draußen viel Platz. "Die Tische, die stelle ich rüber bis nach Pellworm", sagt er und lacht herzhaft. 53.000 Euro Verlust hat er durch die Corona-Krise bisher gemacht, aber "resignieren werde ich nicht. Jetzt geht es los".

Ausgeklügeltes Bedienungskonzept

Tatsächlich hat sich Erik Brack zusammen mit seiner Frau schon viele Gedanken für die Umsetzung des Hygienekonzeptes gemacht. Von den 90 Plätzen drinnen im kuscheligen Lokal werden nur etwa 40 übrig bleiben. Die Mitarbeiter übernehmen alle bestimmte Aufgaben. "Eine Mitarbeiterin wird zum Beispiel nur die Gäste betreuen. Sie hat keinen Kontakt zu Speisen und Getränken. Ein anderes Team trägt alles nur raus an die Tische." Bei Reservierungen werden Personalien aufgenommen. "Gestern rief mich eine Frau an, die wollte einen Tisch für neun Personen reservieren. Es stellte sich aber heraus, dass die Leute aus mehr als zwei Haushalten kommen." Also wird es so nichts mit dem Essen gehen. Die beliebten Lamm-Abende im Freien werden nicht gestrichen, aber die Gäste - so der jetzige Plan - werden tischweise aufgerufen und können dann ihr Essen holen.

"Strandhotel Seeblick" mit vielen Reservierungen

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Die präzisen Beschlüssse der Landesregierung fehlen noch, aber im "Strandhotel Seeblick" wird schon alles vorbereitet.

Auch das Strandhotel "Seeblick" in Heikendorf (Kreis Plön) bereitet sich auf die Öffnung vor. Hier werden die 120 Sitzplätze im Restaurant wahrscheinlich ebenfalls halbiert, und auch draußen können deutlich weniger Gäste den Meerblick genießen. "Nach jedem Besuch werden die Tische komplett desinfiziert, alle Regeln, die wir im Detail noch gar nicht kennen, werden wir einhalten", erzählt einer der beiden Geschäftsführer, Axel Schoel-Köpp. Das Ordnungsamt, so weiß er, hat alles genau im Blick.

Hotels müssen viel planen und vorbereiten

Die Hotelzimmer-Reservierungen laufen auf Hochtouren, das Telefon klingelt ständig. "Die Leute buchen nun auch ein, zwei Wochen am Stück. Viele kommen aus Nordrhein-Westfalen." Es herrscht Aufbruchstimmung. Dennoch muss viel bedacht werden. Eventuell müssen der Check-in und der Check-out genau zeitlich geregelt werden, ebenso die Frühstückszeiten. Beim Gang zur Toilette sollen sich Gäste nicht auf engem Raum begegnen. Und auch das Belüftungssystem ist sicherlich von Bedeutung. Laut Dehoga kommen die Konkretisierungen des Landes erst Mitte oder Ende der Woche.

Café "Taste" mit Platzproblemen

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Im Café "Taste" in Lübeck ist es eng und gemütlich. Das stellt die Inhaber nun vor große Herausforderungen.

Doch nicht jeder blickt so optimistisch in die Zukunft. Das kleine Café "Taste" in Lübeck etwa kämpft mit den Auflagen. Hier ist es gemütlich, aber leider eng. Der Gang ist nur zwei Meter breit, der Tresen liegt ganz am Ende des Raumes. Von den Tischen würden nicht mehr viele übrig bleiben. "Wir machen vielleicht gar nicht auf. Ich weiß nicht, ob es rentabel wäre", sagt die Geschäftsführerin Sabine Kwok. "Wir bräuchten mehr Personal, um abzusichern, dass die Auflagen alle erfüllt werden - und das bei insgesamt weniger Einnahmen." Der "Außer-Haus-Verkauf" funktioniere derzeit ganz gut. "Vielleicht arbeiten wir also auf diese Art weiter."

"Café Finder": Eröffnung eigentlich nicht möglich

Auch das kleine Lübecker Café "Finders" hat arge Probleme bei dem strengen Hygienekonzept. "Mit den Auflagen können wir eigentlich nicht eröffnen", sagt die Chefin Silvia von Krause. "Ich weiß es einfach nicht." Alles lief so gut in dem Lokal an der Untertrave. Kleine Veranstaltungen, Kleinkunst, begeisterte Touristen - und nun geht irgendwie nichts mehr. Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) weiß, dass es für viele schwer ist. Am Sonntag in der Sendung Zur Sache sagte er: "Ich befürchte schon, dass die Gastronomie das ganze Jahr über weiter leiden wird."

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"Café Niederegger": Team-Meeting zu Hygienemaßnahmen

Beim "Café Niederegger" in Lübeck sieht es deutlich besser aus. Das Traditionscafé hat normalerweise 200 Innenplätze - ab dem 18. Mai dürfen dann wohl 100 besetzt sein. "Das ist besser als nichts", sagt Unternehmenssprecherin Kathrin Gebel. "Noch ist nicht klar, ob die Mitarbeiter Masken tragen werden. In den nächsten Tagen gibt es ein Team-Meeting, bei dem alle Hygienemaßnahmen im Detail besprochen werden. Viele Tisch-Reservierungen trudeln ein, und immer werden die Personalien aufgenommen. "Wir gehen nicht davon aus, dass wir sofort überrannt werden", sagt Gebel. Aber es gehe einfach wieder los - und das sei alles, was derzeit zähle.

"Odins Haithabu": Wie werden sich die Gäste verhalten?

Oliver Firla vom "Odins Haithabu" in Busdorf bei Schleswig hat nun noch einmal neue Gesichts-Schutzmasken bestellt. "Damit können die Gäste das Gesicht der Bedienungen sehen, was wir viel besser finden", erläutert er in einem Facebook-Video des "Besseresser Magazins [Mohltied]". An fünf Tagen wird das Ausflugsrestaurant am Schleiufer geöffnet haben - nicht wie früher an sieben Tagen. Auch ist Oliver Firla noch nicht sicher, wie viel Personal er brauchen wird. Wie werden sich die Gäste verhalten? Es wird spannend. "Da können wir nur jeden Tag aus der Erfahrung lernen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 10.05.2020 | 18:05 Uhr

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