Stand: 11.06.2020 06:00 Uhr

Kinder und Corona: "Es wird einen Nachhall geben"

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich unser Alltag in nahezu allen Bereichen verändert: Existenzängste und Betreuungsprobleme beschäftigen Erwachsene - aber was macht Corona eigentlich mit Kindern? Anfang Mai wurden erste Ergebnisse der Studie "Kind sein in Zeiten von Corona" des Deutschen Jugendinstituts (DJI) veröffentlicht. Etwa 30 Prozent der befragten rund 8.000 Eltern gaben darin an, dass ihr Kind (zwischen 3 und 15 Jahren) Schwierigkeiten habe, mit der Corona-Krise klarzukommen. Was genau kann an der Corona-Pandemie aus psychologischer Sicht für Kinder schwierig oder problematisch sein?

VIDEO: Kinder und Corona: Die jüngsten Verlierer (6 Min)

Lange fehlende soziale Gemeinschaft "ist dramatisch"

Der Kieler Kinder- und Jugendpsychotherapeut Prof. Dr. Wolf-Dieter Gerber geht davon aus, dass mehr Kinder infolge der Corona-Krise psychisch erkranken könnten. Wie viele und wie sehr genau, das könne nach so kurzer Zeit, ohne ausreichende Studien, niemand genau sagen, so Gerber. Aber: "Es wird einen Nachhall geben. Wenn Kinder über eine längere Zeit nicht die soziale Gemeinschaft haben, dann ist das dramatisch."

Positiv: Kommunikation zwischen Geschwistern verbessert sich

Kontaktbeschränkungen seien ein ganz unnatürlicher Prozess in der psychosozialen Entwicklung von Menschen, erklärt Gerber. Er hat in der psychotherapeutischen Ambulanz des Noki Kiel (Norddeutscher Verbund für Kinderverhaltenstherapie) aber auch Positives im Zusammenhang mit der Corona-Krise erlebt: "Wir hätten gedacht, dass es vielleicht mehr Geschwisterrivalität gibt, aber das ist ganz anders. Eltern berichten, dass sich die Kommunikation zwischen Geschwistern in dieser Zeit teilweise positiv entwickelt hat."

Einzelkinder hätten es hingegen schwieriger, so Gerber. Das zeigt auch die DJI-Studie: Eltern von Einzelkindern gingen häufiger davon aus, dass ihr Kind einsam sei als andere Eltern (33 Prozent gegenüber 24 Prozent).

Entwicklungspsychologe: Eltern übertragen ihre Sorgen

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Mutter liest zwei Töchtern aus einem Kinderbuch vor. © colourbox

Kolling: "Eltern dürfen Corona-Ängste nicht übertragen"

Die Corona-Maßnahmen betreffen auch die Kinder. Viele haben Schwierigkeiten, damit klarzukommen. Der Kieler Entwicklungspsychologe Kolling sagt, das könne psychische Folgen für die Kinder haben. mehr

Nach Ansicht von Dr. Thorsten Kolling, Professor für Entwicklungspsychologie an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) Kiel, sind die Ängste und Sorgen, die mit der physischen Distanz durch Abstand halten und Maske tragen einhergehen, problematisch. "Kinder fragen sich: 'Warum muss ich überhaupt Abstand halten? Was ist ein Virus? Krieg ich das auch?'" Daher müssten Eltern dringend ihren Kindern den Kontext erklären.

Und vor allem sei es wichtig, so Kolling, dass Mütter und Väter ihre Ängste und Sorgen unter Kontrolle haben. Denn die entwicklungspsychologische Forschung zeige eindeutig: Je jünger die Kinder sind, desto stärker bestimmen Eltern auch die Emotionen der Kinder mit. Heißt: Haben Eltern Angst vor dem Coronavirus, sind Kinder auch eher ängstlich.

Therapeut rät Eltern, Lockerheit zu vermitteln

Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Gerber findet: "Erwachsene sind zurzeit ziemlich gestresst, dass sie jetzt Systeme aufbauen müssen, Abstandsregeln umsetzen und so weiter." Schade sei, dass viele Erwachsene nicht den Kindern vermittelten: "Das ist jetzt so, wir gehen da locker mit um."

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Was können Erwachsene tun, um Kindern zu helfen?

Auch wenn es Müttern und Vätern in Corona-Zeiten nicht immer möglich ist, einen normalen Alltag zu gestalten - genau das würde Kindern helfen, sagt Gerber. "Wir sagen Eltern immer wieder: 'Ihr müsst eine Tagesstruktur aufrechterhalten, die Kinder zeitig ins Bett schicken - auch wenn am nächsten Tag keine Schule ist.' Wenn Eltern das gemacht haben, haben Kinder auch nicht so ein Problem."

Lange geschlossene Spielplätze? "Ein Fehler"

Gerber hält außerdem Bewegung und frische Luft für Kinder für enorm wichtig. Es sei ein Fehler gewesen, dass die Spielplätze lange Zeit geschlossen waren, ärgert sich der Kinder- und Jugendpsychotherapeut. Durch zu wenig Bewegung in Verbindung mit Ängsten hätten die psychosomatischen Folgen bei Kindern in den vergangenen Wochen zugenommen - betroffene Kinder würden sich einnässen oder litten an Bauchschmerzen.

Eltern sollten Kindern eine Perspektive aufzeigen

Und Thorsten Kolling von der CAU Kiel plädiert dafür, dass alle - Eltern, Lehrer, Erzieher - Kindern immer wieder erklären, warum zum Beispiel Abstands- und Hygieneregeln notwendig seien. Wichtig sei aber auch eine Perspektive, so Kolling: "Wir müssen Kindern sagen: 'Wenn wir diese Maßnahmen umsetzen, dann können wir das Virus - auch wenn es gefährlich ist - eindämmen und kontrollieren.' Und dann müssen wir uns auch nur bedingt Sorgen um unsere Liebsten machen."

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 11.06.2020 | 07:00 Uhr

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