Infektiologe Rupp: Maskenpflicht im Unterricht hinterfragen

Stand: 24.08.2021 20:13 Uhr

Im Interview mit NDR Schleswig-Holstein sprach Jan Rupp, Direktor der Klinik für Infektiologie und Mirkrobiologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck, über seine Einschätzungen der aktuellen Corona-Lage - mit besonderem Fokus auf Kinder.

Zwei Mal pro Woche Corona-Tests für Schüler und Maskenpflicht im Unterricht, über die Abschaffung dieser Maßnahmen kann man sich laut Prof. Jan Rupp langsam Gedanken machen. "Man muss sich ja vor Augen führen, dass diese eingeführt wurden, in einer Zeit, wo wir Sorge hatten, dass diese Durchseuchung in der Bevölkerung bei den Kindern, bei den Schülern unmittelbar dazu führt, dass Erwachsene erkranken, schwer erkranken, ins Krankenhaus müssen und auf Intensivstationen am Ende landen", sagt der Infektiologe. Das hätten wir hingenommen in einer Phase, in der das tatsächlich zu Krankenhausaufenthalten geführt habe. Das sei jetzt aber nicht mehr so.

Rupp: Belastung für Kinder ist enorm

Daher seien die eingeführten Testregime bei den aktuellen Inzidenzen um die 50 - mit regionalen Unterschieden - perspektivisch zu hinterfragen, das gelte auch für das Maskentragen im Unterricht. "Wir haben im Moment für die Kinder immer noch eine enorme Belastung", so Rupp. Für einen genauen Zeitpunkt sei es zwar noch zu früh, das Infektionsgeschehen lasse diese Überlegungen aber zu. Klar ist, dass sich durch diese Maßnahmen, das Corona-Virus in Schulen freier bewegen könnte. "Letzlich lässt man zu, dass gerade in der Gruppe der unter 12-Jährigen, wo kein Impfstoff zur Verfügung steht, das Infektionsrisiko steigt", erklärt Rupp. Man müsse das aber den Limitierungen gegenüberstellen, die vorherrschten und immer noch vorherrschen. Außerdem gebe es auch Folgeschäden durch den Masken-Zwang.

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"Schulen sind kein Testzentrum"

Aktuell dient die Bestätigung von zwei Tests pro Woche durch die Schule für die Kinder bis einschließlich elf Jahren als Test-Nachweis und somit als Eintrittskarte in das gesellschaftliche Leben, wo immer die 3G-Regel (getestet, geimpft oder genesen) gilt. Das würde bei weniger Tests in den Bildungseinrichtungen entfallen. "Letzlich ist die Schule eigentlich kein Testzentrum. Aus meiner Sicht geht es primär darum, Infektionsgeschehen einzukontrollieren", sagt Rupp zu diesem Einwand. In der Vergangenheit sei die Schule zwar der richtige Ort dafür gewesen, er schätzt die Situation aber inzwischen so eine, dass sie es nicht mehr ist. Kinderärzte und -ärztinnen könnten diese Testnachweise auch wieder verstärkt erbringen.

Geringe Fallzahlen bei Kindern

Da Corona-Impfstoffe derzeit für Kinder unter 12 Jahren nicht zugelassen sind, wäre eine vermehrte Infektion dieser Altersgruppe möglich. Rupp weißt aber darauf hin, dass die Fallzahlen für schwere Verläufe bei Kindern sehr gering seien. "Gerade die Kinderärzte haben im April schon einen Bericht herausgegeben, von einer Registerstudie, wo sie alle Fälle mal aufgearbeitet haben von Kindern mit Covid in den letzten Monaten. Und natürlich gibt es Todesfälle, die waren im einstelligen Bereich und es gibt auch schwere Verläufe, aber verglichen mit der Anzahl der Infizierten waren das wirklich geringe Fallzahlen", so Rupp. Sie seien vergleichbar mit den Zahlen der Grippe in den Jahren zuvor. Viele Sorgen, die auf Kinder übertragen würden, wären Sorgen aus Erfahrungen mit Erwachsenen. Am Ende wäre aber auch durch die Infektionen das Ziel einer Immunität erreicht. Die Datenlage spreche derzeit nicht dafür, dass den Kindern so unrecht geschehe. Daran hätten auch die Virusvarianten, soweit bekannt, nichts geändert.

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Keine Masken für Kinder, nur um Ungeimpfte zu schützen

Da sich nicht jeder von einer Impfung überzeugen lässt, glaubt der Infektiologe nicht, dass man eine 100-prozentige Immunität durch Impfungen erreichen kann. "Dann bleibt für jeden auch die nächsten Monate das Risiko bestehen, sich irgendwann damit zu infizieren", sagt Rupp, denn die Impfstoffe seien zwar sehr effektiv, aber böten keinen absoluten Schutz. Die Rechnung, "Wenn genug geimpft sind, passiert mir schon nichts", geht nach Meinung des UKSH-Mediziners nicht auf. Man müsse sich klar machen, dass gerade Kinder keinen Impfschutz aufbauen können. Aber "wir können jetzt eben nicht erwarten, dass die Kinder weiterhin deshalb Masken tragen, sich schützen müssen, vom sozialen Leben sozusagen weiterhin beschränkt bleiben, weil wir quasi Infektionen im Erwachsenenalter verhindern wollen", sagt Rupp. Eine Infektion von Ungeimpften ist daher wahrscheinlich, so wie das schon bei vielen anderen Infektionskrankheiten bekannt ist. "Dahin wird sich Covid irgendwann entwickeln", so Rupp.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 24.08.2021 | 19:30 Uhr

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