Stand: 29.03.2020 20:00 Uhr

Mit vereinten Kräften gegen das Coronavirus

von Maja Bahtijarević

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Eigentlich arbeitet Richard Stück für ein Unternehmen aus Norderstedt - beim Hackathon will er als Mentor helfen.

Seit das Coronavirus auch bei uns angekommen ist, steht vieles Kopf. Die Zahl der Infizierten steigt täglich, wichtige Institutionen sind geschlossen, wir haben Kontaktsperre. In diesen fast schon surrealen Zeiten sprechen wir oft von den Helden des Alltags: Es sind die Ärzte und Pfleger in Krankenhäusern und Seniorenheimen, die Kassierer in den Supermärkten, die Nachbarn, die beim Einkauf und in anderen Lagen unterstützen - um nur einige wenige zu nennen. Auch am Rechner engagieren sich Menschen, um die Situation erträglicher zu machen.

Das hat die Bundesregierung aufgegriffen und rief als Schirmherrin zum Hackathon #WirVsVirus auf. In diesem digitalen Wettbewerb haben sich Menschen aus verschiedenen Arbeits- und Interessensbereichen vernetzt, um interdisziplinär an Ideen zu arbeiten. Die Hoffnung: Es entstehen technische Lösungen, die der Gesellschaft helfen, diese Ausnahmesituation zu bewältigen. Aus den rund 1.500 angemeldeten Projekten haben sich nach eigenen Angaben etwa 800 konkrete Ideen herauskristallisiert - auch mit schleswig-holsteinischer Arbeitskraft.

43.000 Menschen melden sich an

Die Resonanz auf den Hackathon war riesig. Laut Organisatoren gingen knapp 43.000 Anmeldungen ein - eine davon von Richard Stück. "Das war wohl der größte Hackathon der Geschichte und geht vielleicht sogar ins Guinnessbuch der Rekorde ein", sagt der 34-Jährige, der bei einer IT-Beratungsfirma mit Sitz in Norderstedt (Kreis Segeberg) arbeitet. Dort leitet er Kollegen fachlich in der Entwicklung von Softwarelösungen an - bei dem Hacking-Event hat er als Mentor geholfen.

Entscheidung soll am Montag fallen

Der große Ansturm stellte die Plattform anfangs allerdings auf eine harte Probe - denn während sich bei Hackathons Menschen gewöhnlicherweise auch persönlich treffen können, um zusammen zu arbeiten, war das bei #WirVsVirus wegen der aktuellen Lage undenkbar. Es musste alles online passieren. "Für so viele Menschen gleichzeitig ist das System nicht ausgelegt, da gingen die Server in die Knie", verrät Stück. Es blieb bei einer kleinen Verzögerung: Am Freitagabend (20.3.), einige Stunden später als geplant, waren schließlich alle eingeloggt.

Zwei Tage lang, bis Sonntag, sammelten die Teilnehmer fleißig Ideen, erdachten Strategien, programmierten Codes, kreierten Designs und schrieben Dokumentationen. Am Ende soll ein sogenannter Pitch stehen: Eine kurze Präsentation, in der das Projekt knapp und überzeugend vorgestellt wird - als Video hochgeladen auf die Plattform. Eine Jury berät dann, welche Projekte weitergefördert werden. Die Entscheidung ist für Montag (30.3.) angekündigt.

Hilfe für Betroffene von häuslicher Gewalt

Die Ideen gehen in verschiedene Richtungen: Ein Team möchte Helfende und Hilfsbedürftige zusammenbringen, ein anderes entwickelt ein Spiel, in dem Klopapier eine tragende Rolle hat. "Feel safe" heißt eine App, die Opfern von häuslicher Gewalt in ihrer Not helfen soll. Es ist ein Ansatz mit besonderer Aktualität, da Experten davon ausgehen, dass die Fälle durch das Zuhause-bleiben-Gebot wegen des Coronavirus zunehmen werden.

Ein Mentor mit Netzwerk

Dass er Teil von gerade diesem Projekt werden wird, weiß Stück noch nicht, als er sich für #WirVsVirus registriert. "Als Mentor guckt man, wo man gebraucht wird", sagt er. Als jemand in einem Hackthon-Chat eine Projektleitung sucht, wird Stück aufmerksam: Es ist die Gruppe von "Feel Safe". "Ich wollte nicht nur im Projektmanagement helfen, sondern auch mein Netzwerk nutzen", sagt er.

Stücks Schwester ist studierte Psychologin und promoviert zu Sexualstraftätern - ein Kontakt, der in der Entwicklung der App wertvoll sein kann. "Ich hab gedacht: Mit dem gesammelten Wissen kann ich da unterstützen." Während der zwei Tage entsteht das Konzept für die App, mit der sich Betroffene Ratschläge holen oder auf diskretem Weg Hilfe rufen können. Ziel sei es, den Schutz dieser Menschen sicherzustellen.

Interdisziplinäre Lösungen entwickeln

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Per Videochat arbeitet Stück mit seinen Teamkollegen an der App "Feel Safe".

Wie es bei Hackathons üblich ist, ist auch das "Feel Safe"-Team in ihren Kernkompetenzen gemischt: Unter den sieben Mitgliedern bringt ein weiterer Mentor Erfahrungen aus der Kinderpsychologie mit, andere haben Kenntnisse in der Sozialarbeit oder entwickeln Apps. "Das ist eine schöne Mischung", sagt Stück, "wir haben nicht nur fachliches Wissen, sondern auch Leute mit solidem technischen Können." Die Teilnehmer kommen aus der ganzen Bundesrepublik - und gehackt wird auch neben den alltäglichen Aufgaben. "Wann wer gearbeitet hat, das hat sich teilweise auch verteilt", sagt Stück und muss schmunzeln. "Ich hab auch mal ein Küchenregal angeschraubt und das Handy mit dem Videocall angehabt."

"Wir haben sogar einen Prototyp"

Am Ende steht das Fundament für die App. "Wir wollen natürlich, dass die Jury von dem Projekt überzeugt wird", sagt Stück. Daher sei alles an Ressourcen genutzt worden, was zu kriegen war: Eine befreundete Designerin entwirft die Oberfläche, ein befreundeter Medienproduzent baut das Video. "Und dadurch, dass wir jemanden an Bord haben, der Apps entwickelt, haben wir sogar einen Prototyp", sagt Stück.

Mehrwert für die Gesellschaft

Für Softwareentwicklung kann sich Richard Stück schon im jungen Teenager-Alter begeistern, als sich die Informatik in den späten 1990er-Jahren langsam aber sicher ihren Platz in den AGs der Schulen sucht. Dennoch sei #WirVsVirus der erste "richtige" Hackathon, an dem er teilnimmt, sagt er. "Das Ding ist auch, dass ich seit Langem das Gefühl hatte, das ich etwas mit Mehrwert für die Gesellschaft tue. Die Leute meckern nicht nur rum oder ätzen auf Facebook. Alle - mit egal welchem Hintergrund - kommen zusammen und stellen etwas auf die Beine."

Eine Prognose, ob es "Feel Safe" in die nächste Runde schafft, sei unmöglich. Aber auch wenn nicht, halte das Team an der Idee fest. "Wir haben eine Videokonferenz gehabt und uns die Karten gelegt", sagt Stück, "und alle haben prinzipiell Bock, weiterzumachen - ungeachtet der Förderung."

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