Stand: 09.04.2020 08:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Corona und Psyche: Isolation als Auslöser für Krise

von Frauke Hain

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Thomas Bartels (links) und Christian Sach (rechts) aus Kiel sprechen über ihre Depression.

Auf dem Tisch liegt eine lange, ausgedruckte Liste vor Christian Sach. Der 58-Jährige hat sich genau überlegt, was er erzählen möchte. "Das Coronavirus selbst beängstigt mich am wenigsten, weil ich mehr damit beschäftigt bin, mein Leben aufrecht zu erhalten." Christian Sach ist krank. Anzusehen ist ihm das nicht, seine Krankheit heißt Depression. Er ist psychisch weniger belastbar und weniger stabil als andere Menschen - eine Folge der Krankheit. Wie es ihm in der Corona-Krise geht, darüber will Sach nur zusammen mit seinem Freund Thomas Bartels erzählen. Das gibt beiden Sicherheit.

In der aktuellen Situation sollen Sozialkontakte minimiert - und am besten sogar vermieden werden. Vor allem für psychisch kranke Menschen ist soziale Isolation ein sogenannter Trigger, weiß Bartels, der auch unter Depressionen leidet. Die Isolation kann ausreichen, um eine schwere psychische Krise auszulösen. Normalerweise engagieren sie sich in der Öffentlichkeit, über die Bedürfnisse psychisch kranker Menschen zu sprechen. Jetzt sind alle Termine abgesagt, Selbsthilfegruppen geschlossen und auch das Kieler Fenster - ein Treffpunkt für Menschen mit psychischen Erkrankungen - ist zurzeit keine Hilfe. 

Corona-Einschränkungen: "Das ist für unsere Psyche nicht gut"

Depression ist eine häufige Erkrankung. Die Wahrscheinlichkeit im Laufe eines Lebens unter einer depressiven Störung zu leiden, liege bei rund 25 bis 30 Prozent, erklärt die Ärztliche Direktorin des Zentrum für Integrative Psychiatrie des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel, Professorin Kamila Jauch-Chara. Jeder Mensch, der soziale Distanz und Isolation - so wie eine mögliche Quarantäne - als besonders belastend und stressig empfindet, könne mit einer depressiven Verstimmung oder sogar Depression reagieren, bestätigt auch die Professorin. "Alles das, was aktuell zwingend notwendig ist, ist für unsere Psyche nicht gut."

Von Nervenzusammenbruch nicht mehr erholt

Christian Sach zeigte schon in der Pubertät erste Symptome einer Depression. "Was anderen Menschen locker von der Hand geht, war für mich immer schon ein Kraftakt", erzählt er. Er wollte der Norm entsprechen, und ging dafür immer über seine Belastungsgrenze hinaus. Mit Mitte 30 wurde er das erste Mal in der Klinik behandelt. Christian Sach war mal Physiotherapeut. Die Arbeit hat ihm "das Genick gebrochen". So formuliert er es. Das Ungleichgewicht zwischen seinem privaten Leben und dem Beruf wurde immer größer. Er pflegte seine Freundschaften nicht mehr, hatte keine Beziehung, ließ seine Wohnung verwahrlosen und fing an zu trinken, erzählt er. Mit Mitte 40 brach er zusammen. Diagnose: Nervenzusammenbruch. Davon hat er sich nicht mehr erholt.

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Gefühle: Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit

Morgens aufzustehen, sich die Zähne zu putzen und zu duschen: Für den überwiegenden Teil der Gesellschaft ist das ein Akt der Selbstverständlichkeit - ein automatisierter Ablauf, ohne groß nachzudenken. "Das wird jetzt zur Verhandlungssache. Es ist so, als dass man eine Hürde nehmen muss, diese einfachen Handlungen vorzunehmen", beschreibt Sach. "Mein Antrieb wird weniger, es macht sich eine gewisse Lustlosigkeit breit. Ich bin niedergeschlagen. Es ist auch das Bedürfnis da, mich zurückzuziehen. Die Decke über den Kopf zu ziehen, nicht gestört werden wollen." Es klingt, als würde Sach aus seiner eigenen Krankenakte vorlesen - sachlich, klar und gut vorbereitet. Aber die Worte fallen ihm schwer.

iFightDepression Tool

Das iFightDepression Tool der Stiftung Deutsche Depressions Hilfe ist ein internetbasiertes Selbstmanagement-Programm für Erwachsene und Jugendliche ab 15 Jahren. Normalerweise setzt das Programm eine Begleitung durch einen Arzt oder Psychologischen Psychotherapeuten voraus. Während der Corona-Pandemie stellt es die Stiftung Deutsche Depressions Hilfe ohne Betreuung zur Verfügung.

Betroffene können sich formlos über die E-Mail-Adresse ifightdepression@deutsche-depressionshilfe.de für das Programm anmelden und werden innerhalb von 24 Stunden freigeschalten.

https://www.deutsche-depressionshilfe.de/unsere-angebote/fuer-betroffene-und-angehoerige/ifightdepression-tool

Psychosoziale Belastungen können Depression erzeugen

Ergebnisse klinischer Studien aus anderen Krisen zeigen, dass die Menschen aktuell unter psychosozialem Stress leiden. Professorin Jauch-Chara warnt, dass die Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie insbesondere bei psychisch labilen Menschen eine Krise hervorrufen können. "Besonders betroffen können Menschen sein, die eine ähnliche emotionale Situation schon mal erlebt haben. Dann kann es tatsächlich dazu kommen, dass wieder Flashbacks und Erinnerungen an das viel schlimmere Trauma von früher aktiv werden und dann könnte eine posttraumatische Belastungsstörung reaktiviert werden." Und psychosoziale Belastungen spielen bei der Entstehung von Depressionen eine entscheidende Rolle. Betroffene ziehen sich dann zurück und sind mit ihren Gedanken lieber allein. 

Passivität und Rückzug sind fatal

"Passivität und Rückzug ist natürlich fatal für einen Menschen, der eigentlich an depressiver Symptomatik leidet. Ich muss jetzt meinen Verstand einschalten, um dagegen zu arbeiten", erklärt Christian Sach. Durch seine Therapien weiß er, was ihm helfen kann. Und Professorin Jauch-Chara erklärt: Wenn äußere Strukturen wegfallen, sei es wichtig, neue Strukturen aufzubauen. Routinen - wie zum Beispiel die täglichen Aufgaben im Haushalt. "Und ich brauche den Kontakt mit Menschen, sonst werden meine Gedanken schräge. Durch den Kontakt mit Menschen, die mir vertraut sind, bin ich wieder in der Realität verankert und kann die Sachen realistisch einschätzen." Christian Sach und sein Freund Thomas Bartels sehen sich jeden Tag - zusammen entwickeln sie dann neue Ideen. Beim sozialpsychologischen Dienst Schleswig-Holstein haben sie angeregt, dass ein landesweites Krisentelefon ins Leben gerufen wird.

Hilfe für Betroffene

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr, Tel. (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222
  • Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": kostenlose Beratung von Mo bis Sa, 14 bis 20 Uhr, Tel. 116 111. Elterntelefon: Mo bis Fr, 9 bis 11 Uhr sowie Di und Do, 17 bis 19 Uhr unter (0800) 111 05 50
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: Mo, Di und Do, 13 bis 17 Uhr sowie Mi und Fr, 8.30 bis 12.30 Uhr. Tel. (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen Selbsttest sowie eine Übersicht zu regionalen Angeboten.
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst der Krankenkassen: 116 117.
  • Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort - in jedem Fall bei Suizidgedanken.

Rechtzeitig Hilfe suchen

Auch Thomas Bartels hat eine wiederkehrende Depression. Entstanden durch lange Zeit nicht erkannte Zöliakie (Glutenunverträglichkeit), ADHS und ein gestörtes Schmerzempfinden. Der 52-Jährige ist gelernter Koch. Als Selbstständiger scheiterte er, seine Ehe ging kaputt. Irgendwann konnte er keine Menschen mehr um sich herum ertragen und verließ die Wohnung nicht mehr. Es folgten Monate in der Klinik. Thomas Bartels beschreibt seine Grundstimmung derzeit als belastend. Seine Beziehung gibt ihm Kraft, berichtet er. Bartels rät, sich ein psychisches Problem einzugestehen und sich rechtzeitig Hilfe zu suchen. Aber auch er grübelt manchmal: "Wenn wir Zustände bekommen wie in Italien, wo das Gesundheitssystem zusammenbricht und dass den Menschen nicht mehr geholfen werden kann und weggestorben wird - davor habe ich Angst."

Ablenkung zu negativen Gedanken

"Das Rausgehen empfindet man, als ob man sich einer feindseligen Welt aussetzt. Ich merke, dass ich einer Depression entgegensteuere. Ich versuche dagegen anzugehen - aber ich weiß nicht, ob es gut ausgehen wird", erzählt Christian Sach. Er ist nicht der Einzige, dem es so geht. Das Zentrum für Integrative Psychiatrie in Kiel verzeichnet mehr Zulauf als sonst. Und auch der Bedarf nach telefonischem Kontakt nimmt zu. "Wenn wir merken, wir bekommen einen Tunnelblick, ist es wichtig, von diesem Stresslevel runterzukommen. Alles was sehr schnell Energie verbraucht, führt dazu, dass wir emotional wieder herunterkommen und so ein bisschen die Steuerungsfähigkeit haben", sagt Jauch-Chara. Sie vermutet, dass Menschen, die Symptome zeigen, im Verlauf der nächsten Wochen schwer depressiv werden könnten. Es ist eine Vermutung. "Diese Hypothese ist aber aus den Daten vorheriger Krisen durchaus belegbar."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Infoprogramm | 08.04.2020 | 12:00 Uhr

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