Stand: 21.06.2020 00:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Corona: Quickborner Unternehmen entwickelt Test-Roboter

Von Hannah Böhme

Wameq Kazemi steht in einem leergeräumten Büro am geöffneten Fenster. Konzentriert blickt er auf die Steuerkonsole in seinen Händen, die aussieht wie ein überdimensionales Tablet. Dann auf die etwa 1,50 Meter hohe, schlanke Maschine neben sich, die er damit bedienen kann: Ein knallig orangener Roboter-Arm mit anmontierter Greifzange. Der HANWAH HCR 5 - entwickelt von Kazemi und seinen Kollegen der Firma Freise Automation in Quickborn (Kreis Pinneberg). Der Roboter soll künftig an Corona-Test-Stationen eingesetzt werden und die Arbeit des medizinischen Personals übernehmen.

Zu Testzwecken: Nachgebaute Corona-Test-Station auf dem Firmengelände

"Noch ein Zentimeter nach links", weist der 31-Jährige Automationsspezialist seinen Kollegen Mirweis Zahelzei an, der draußen auf der anderen Seite des Fensters steht und eine Halterung für die Abstrich-Röhrchen auf der Fensterbank festklebt. Für die Tests mit dem Protoypen bauen die beiden einen "Corona-Drive-in" auf dem Firmengelände in Quickborn nach. Seit 50 Jahren beschäftigt sich das Automations-Unternehmen damit, wie industrielle Abläufe verbessert werden können, beispielsweise in der Auto- oder Verpackungsindustrie.

170 Fachkräfte der KVSH täglich mit Corona-Tests beschäftigt

Von der Idee bis zum Prototypen des HANWAH HCR5 haben die insgesamt 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Quickborn nur eine Woche gebraucht. "Wir haben das Know-How und wollen mit unserer Entwicklung das fachliche Personal entlasten", sagt Kazemi. Für die Corona-Abstriche normalerweise zuständig ist in Schleswig-Holstein unter anderem die Kassenärztliche Vereinigung (KVSH). 170 Fachkräfte arbeiten ihren Angaben zu Folge jeden Tag an den verschiedenen Teststellen im Land. Oft zusätzlich zu ihren normalen Jobs im Medizinbereich. "Wir sind der Meinung, dass diese Helden - so nenne ich sie mal - in Krankenhäuser und Pflegeheime gehören", erklärt Kazemi. Für den Testlauf ist er ins Auto gestiegen und rollt langsam Richtung Fenster, wo geduldig der HANWAH HCR 5 auf ihn wartet.

Roboter erkennt Auto über Sensor am Boden

Über einen Sensor am Boden erkennt der Corona-Test-Roboter, dass das Auto da ist. Fast geräuschlos beginnt der orangene Arm sich zu bewegen. Mit seinem Greifer steuert er auf eine Reihe Reagenzgläser zu und zieht einen der vermeintlichen "Corona-Tests" aus der Vorrichtung. Kurzer Schwenk nach links und der Greifarm stellt das Röhrchen exakt in die Halterung, die Kollege Zahelzei zuvor auf der Fensterbank festgeklebt hatte.

Patient macht Abstrich selbst – KVSH mit Bedenken

Wameq Kazemi nimmt das Röhrchen und holt das Wattestäbchen heraus. "Bitte das Stäbchen tief in die Nase führen und anschließend in den Mund", ertönt es von einem Tablet, das auf der Fensterbank aufgestellt ist. Anders als an normalen Teststationen wird der Abstrich nämlich nicht von einem Arzt oder einer Ärztin durchgeführt, sondern der Patient muss ihn selbst machen. Eine potenzielle Fehlerquelle findet die KVSH: Viele Menschen würden das Stäbchen nicht weit genug in den Rachen schieben, die Tests seien deswegen nicht verlässlich. Die Lösung der Quickborner Entwickler: Über das Tablet kann ein Mediziner sich live dazu schalten und den Patienten genau anleiten, damit er den Abstrich richtig macht.

Roboter desinfiziert sich nach jedem Patientenkontakt selbst

"Bitte jetzt das Röhrchen jetzt zurück in die Halterung stellen. Das wars. Dankeschön", kommt es vom Tablet. Der Roboter-Arm erkennt das zurückgestellte Röhrchen und befördert es zurück in die Halterung auf dem Tisch. Anschließend taucht er seinen Greifarm in ein Desinfektionsbad und dreht sich zurück in die Ausgangsposition. Gedauert hat der Probelauf auf dem Firmengelände nicht länger als fünf Minuten.

Interesse unter anderem aus NRW

Kosten soll der Corona-Test-Roboter rund 50.000 Euro. Konkretes Interesse hätten bisher ein großer Automobilzulieferer und auch ein Gesundheitsamt in Nordrhein-Westfalen bekundet, berichten die Entwickler. Entsprechende Angebote seien verschickt.
Für Kazemi und seine Kollegen ist es zudem ein Einsatz in Pflegeheimen, Schulen und sogar Kindergärten denkbar: "Allerdings nur mit einer Begleitperson. Eltern, Erzieher oder Lehrer, die gewährleisten, dass alles richtig läuft", so Kazemi. Im Rahmen der Corona-Test-Strategie hatte die Landesregierung angekündigt, dort künftig vermehrt testen zu wollen. Geht es nach den Entwicklern, soll dabei auch der Roboter aus Quickborn mithelfen. Noch arbeitet er ausschließlich zu Demonstrationszwecken.

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NDR 1 Welle Nord | 20.06.2020 | 19:30 Uhr

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