Stand: 13.05.2020 17:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Vion: Ein internationaler Fleischproduzent

Das Logo des niederländischen Lebensmittelkonzerns Vion in Bad Bramstedt © picture alliance / dpa Foto: Maja Hitij
Bei Vion in Bad Bramstedt wird geschlachtet, zerlegt und verarbeitet.

Wegen vieler Corona-Infektionen ist der Betrieb des Schlachthofs des niederländischen Vion-Konzerns in Bad Bramstedt (Kreis Segeberg) gesperrt. Das Unternehmen gehört mit seinen Konkurrenten Tönnies, Westfleisch und der PHW-Gruppe zu den vier größten Schlachtunternehmen in Deutschland. Vion produziert in Deutschland und den Niederlanden Fleisch, Nahrungsmittel und tierische Nebenprodukte. NDR Schleswig-Holstein gibt einen Überblick über die Unternehmsstruktur des Schlachtunternehmens.

Was für ein Unternehmen ist Vion?

Vion hat seinen Hauptsitz im niederländischen Boxtel, etwa 30 km nordwestlich von Eindhoven. In den Niederlanden betreibt das Unternehmen nach eigenen Angaben sechs Schlachthöfe und zwei Verarbeitungsstandorte. In Deutschland findet der Großteil der Produktion statt: An 19 Standorten wird geschlachtet, zerlegt und verarbeitet, unter anderem auch in Bad Bramstedt als einzigem Standort in Schleswig-Holstein. Zusätzlich gibt es 13 Vertriebsbüros in Europa und Asien. Nach eigenen Angaben hat Vion im Jahr 2019 rund 5,1 Milliarden Euro Nettoumsatz erwirtschaftet.

Wie viele Mitarbeiter hat das Unternehmen?

Weltweit arbeiten rund 4.500 Menschen direkt für Vion, weitere rund 7.900 sind über Subunternehmen angestellt. In Bad Bramstedt arbeiten 100 Festangestellte und 160 Leiharbeiter für den Vion Schlachthof.

Welche Tochterfirmen hat Vion?

Tochterunternehmen von Vion sind unter anderem die Vion Zucht- und Nutzvieh GmbH, die in Bad Bramstedt und Neumünster Kühe und Schweine vermarktet und transportiert, sowie ein eigenes Unternehmen für den IT-Support mit Standorten in Hannover und München. Die Produkte von Vion werden über elf Eigenmarken in den Handel gebracht. Nach eigenen Angaben verzehren mehr als 100 Millionen Kunden weltweit Fleisch von Vion.

Was produziert Vion?

Vion versteht sich als Lieferant für Gastronomie, Industrie und Endverbraucher. In den Schlachthöfen werden Kühe und Schweine getötet und zerlegt. Das Fleisch wird verkauft oder weiter verarbeitet und kommt als Bratwurst, Brotbelag oder Burger zum Kunden. Die Unternehmensphilosophie ist, dass das ganze Tier verwertet werden soll. Neben dem Fleisch werden also auch "tierische Nebenprodukte" produziert und vermarktet: zum Beispiel Fett, Borsten oder Füße. Die Industrie kann damit unter anderem Zigarettenfilter, Papier, Zahnpasta, Biodiesel, Seife, Tiernahrung, Aromastoffe, Medikamente, Tapeten und Löschschaum herstellen.

Wie viele Tiere werden in Bad Bramstedt geschlachtet?

Bei Vion sind nach Angaben eines Sprechers konzernweit im Jahr 2019 15,2 Millionen Schweine und 844.000 Rinder verarbeitet worden. Im Normalbetrieb werden in Bad Bramstedt 2.300 Rinder pro Woche geschlachtet und 650 Tonnen Rindfleisch zerlegt. Die Tiere stammen überwiegend aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern.

Wie wird das Schlachten kontrolliert?

Veterinäre der Kreisverwaltung haben ihr Büro direkt auf dem Schlachthofgelände in Bad Bramstedt und kontrollieren Schlachtung und Zerlegung. 2014 hatte es eine Razzia wegen eines mutmaßlichen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz in dem Schlachthof gegeben. Damals musste der Betrieb für rund fünf Wochen geschlossen werden, seitdem dürfen dort weniger Tiere geschlachtet werden als vorher. Die Staatsanwaltschaft Kiel hat jetzt Anklage gegen einen Amtstierarzt erhoben, der im Zeitraum von 2011 bis 2014 über die Umstände dort hinweggesehen haben soll.

Woher kommen die Arbeiter der Subunternehmen?

Für die Arbeit im Schlachthof werden oft Menschen aus Osteuropa - vornehmlich Rumänien - eingesetzt. Sie werden im Fall von Vion Bad Bramstedt über die Deutsche Schlacht- und Zerlegung GmbH (DSZ) vermittelt. Das Krefelder Unternehmen ist auf Unternehmensberatung, Arbeitsvermittlung, Buchhaltung und die Unterstützung ausländischer Unternehmen auf dem deutschen Markt spezialisiert. Hauptanteilseignerin ist eine auf Vertrags-, GmbH-, Handels- und Arbeitsrecht spezialisierte Anwältin.

Wo leben die Leiharbeiter von Vion Bad Bramstedt?

Laut ihrem Arbeitgeber leben die Menschen zu zweit in Zwei-Bett-Zimmern in einer ehemaligen Kaserne in Kellinghusen (Kreis Steinburg). Je 25 von ihnen teilen sich dort 6 bis 8 Sanitäranlagen und 8 Kochgelegenheiten. Von der Kaserne wurden sie bislang mit Bussen zur Arbeit nach Bad Bramstedt gebracht - bis im dortigen Vion-Schlachthof die Produktion unterbrochen werden musste. Es gebe zwar eine Handlungsempfehlung des Bundes, wonach möglichst Einzelzimmer vorzusehen seien, das sei aber während der Pandemie kurzfristig nicht umsetzbar, erklärt das Unternehmen. Man sei bestrebt, ein Hotel separat anzumieten, um positiv und negativ getestete Mitarbeiter zu trennen, sagte eine Sprecherin.

Der Steinburger Landrat will das aber nicht genehmigen: Die Mitarbeiter hätten so lange auf beengten Raum gelebt und gearbeitet, dass sie als epidemiologische Einheit betrachtet werden müssen, sagte der Steinburger Landrat Torsten Wendt. Dabei müsse man immer davon ausgehen, dass sich die Mitarbeiter gegenseitig anstecken. Deswegen müssten sowohl positiv als auch bisher negativ Getestete gemeinsam in Quarantäne bleiben. Vion hat deswegen mit einer Klage gegen den Kreis Steinburg gedroht: Das Unternehmen bestehe darauf, die negativ getesteten Mitarbeiter von der Quarantäne zu befreien und wieder zur Arbeit zu schicken, heißt es in einer Mitteilung der Steinburger Kreisverwaltung.

Warum wird die Wohnsituation von Schlachthof-Mitarbeitern nicht kontrolliert?

Das zuständige Sozialministerium in Kiel beruft sich darauf, dass die Leiharbeiter oft einzelne Mitverträge mit ihren Arbeitgebern abgeschlossen hätten. Damit werden diese Wohnungen zu privaten Wohngemeinschaften. Die staatliche Arbeitsschutzbehörde habe keine rechtliche Handhabe für entsprechende Kontrollen, sagte ein Sprecher des Sozialministeriums in Kiel. Im Fall der Leiharbeiter von Vion stimmt das aber offenbar nicht: Laut der Sprecherin des für den Schlachthof in Bad Bramstedt tätige Subunternehmen DSZ (Deutsche Schlacht und Zerlegung) werden den Leiharbeitern die Wohnungen unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Wie können die Mitarbeiter die Hygieneregeln in ihrer Unterkunft einhalten?

Nach Angaben von DSZ werden die Hygieneregeln und die Hausordnung auch in der jeweiligen Landessprache zur Verfügung gestellt, ebenso Reinigungs- und Desinfektionsmittel sowie Einmalhandtücher. Es gebe entsprechende Nutzungs- und Reinigungspläne, an die sich die Bewohner halten müssten. Der Betreiber der Wohnanlage sowie weiteres Personal führe unangemeldete Kontrollen durch, sagte eine Sprecherin.

Weitere Informationen
Der Betrieb des niederländischen Lebensmittelkonzerns Vion in Bad Bramstedt © dpa - Bildfunk Foto: Maja Hitij

Schlachthof-Betreiber: Corona-Symptome nicht ignoriert

Nachdem etwa 130 Mitarbeiter eines Schlachthofs in Bad Bramstedt positiv auf Corona getestet wurden, äußert sich Betreiber Vion. Von Zwängen, trotz Corona-Symptomen weiter arbeiten zu müssen, wisse man nichts. mehr

Eine grüne Ampel an der Einfahrt zum Schlachthof des Betreibers Vion in Bad Bramstedt © dpa-Bildfunk Foto: Carsten Rehder

Corona: Zahl infizierter Schlachthofmitarbeiter steigt

Mittlerweile sind 128 Mitarbeiter eines Schlachthofs in Bad Bramstedt positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Produktion ruht, die Unterkunft der Belegschaft steht unter Quarantäne. mehr

Lebensmittelproduzent Vion.

Corona-Tests in allen Schlachthöfen Schleswig-Holsteins

Schleswig-Holstein lässt die Belegschaften aller großen Schlachthöfe auf das Coronavirus testen. Damit reagiert das Land auf mehr als 100 Infizierte in einem Betrieb in Bad Bramstedt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.05.2020 | 17:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Frank Brodehl blick seriös in die Kamera. © dpa Foto: Daniel Reinhardt

AfD-Fraktion in Schleswig-Holstein "erloschen"

Der AfD-Abgeordnete Frank Brodehl hat im Kieler Landtag überraschend seinen Austritt aus Fraktion und Partei bekannt gegeben. Damit verliert die AfD im Landtag ihren Fraktionsstatus. mehr

Yannick Deichmann (VfB Lübeck/o.) wird von Unterhachings Christoph Greger gestoppt. © imago images/Jan Huebner Foto: Jan Huebner

VfB Lübeck wacht in Unterhaching zu spät auf

Aufsteiger VfB Lübeck hat am zweiten Spieltag der Dritten Liga seine erste Niederlage einstecken müssen. Die Schleswig-Holsteiner unterlagen in Unterhaching. mehr

Die Gorch Fock bei Reparaturarbeiten auf der Elsflether Werft (Archiv) © NDR Foto: Oliver Gressieker

Ermittlungen im Fall "Gorch Fock" ausgeweitet

Korruption, Betrug und Untreue: Die Ermittlungen rund um das Segelschulschiff "Gorch Fock" weiten sich immer mehr aus. Mittlerweile gibt es laut Staatsanwaltschaft 105 Verfahren. mehr

Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt sitzt an ihrem Platz während der Tagung der II. Landessynode und applaudiert. © Susanne Hübner / Nordkiche Foto: Susanne Hübner

Landesbischöfin: Kirchensteuer nicht in Stein gemeißelt

Die Landesbischöfin der Nordkirche will die Finanzierung reformieren. Für Kristina Kühnbaum-Schmidt ist das Kirchensteuer-Modell nicht in Stein gemeißelt und will die Gläubigen befragen. mehr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein