Stand: 28.05.2016 05:00 Uhr

Schusterhaus von 1891: Wohnen wie anno dazumal

von Nadine Gräser

In Thorsten Speers Werkstatt riecht es nach Leinöl und Holz. Hier wird geschnitzt, gedrechselt und auch mal vergoldet. An der Wand lehnen alte Türen, deren helle Farbe abblättert. Sie haben es noch nicht auf die Werkbank des 58-Jährigen geschafft. Wenn es um Häuser und auch Möbel aus vergangenen Jahrhunderten geht, ist der gelernte Kunsttischler in seinem Element. Vor zwölf Jahren hat er ein Haus gekauft, das 1891 vom Schuster in Haseldorf im Kreis Pinneberg gebaut wurde. Fenster, Türen, Außenfassade, Dielen - alles richtet Thorsten Speer wieder her, ganz nach alter Bauweise.

Bei Abriss: Anruf

Das Material dafür sucht er sich überall in Schleswig-Holstein zusammen, meist in historischen Häusern und auf Höfen, die abgerissen oder umgebaut werden sollen: "Es braucht viel Zeit", erklärt Speer, "aber es lohnt sich. Denn die alten Materialien haben Seele." Speer zog vor 30 Jahren von Hamburg nach Haseldorf, und dort hat sich längst herumgesprochen, dass alte Materialien bei ihm gut aufgehoben sind. Mit etwas Glück werde er inzwischen angerufen, wenn irgendwo ein Hof abgerissen wird, sagt der Vater von zwei Söhnen. "Auf Höfen liegt viel rum, man muss es nur finden."

Einzigartige Farben und Größen

In Uetersen und auch in Seester hat Speer Tausende rote Backsteine entdeckt. "Sie kommen wahrscheinlich aus einer längst geschlossenen Ziegelei in Uetersen. Die muss hier alle Bauprojekte zwischen Glücksstadt und Hamburg beliefert haben", vermutet Speer. Jeder Backstein ist noch von Hand gebrannt. "Alle sind einzigartig in den Farbnuancen und in der Größe", schwärmt der Restaurator. Er hat recherchiert, dass die Ziegelfabrikation in Uetersen im Jahre 1949 aufgegeben wurde, als nicht mehr genug Ton in der benachbarten Grube abgebaut werden konnte.

Retter einer italienischen Barockmalerei

Bei seinen Touren durch das Land gibt es immer wieder Überraschungen für den Haseldorfer. So bekam er einmal einen Anruf aus Krempel im Kreis Dithmarschen. Dort hatte jemand ein altes Haus gekauft und wollte es abreißen, um neu zu bauen. Speer verhinderte dann im letzten Augenblick, dass etwas sehr Wertvolles vernichtet wird: eine Wandmalerei, die um 1730 entstand und einen Wert von schätzungsweise 25.000 Euro hat. Es war italienische Barockmalerei. "Alle Funde erzählen eine Geschichte", erklärt Speer. "Hier war es eine Folge der Bauernkriege. Italienische Wanderarbeiter kamen im Sommer, um bei der Ernte zu helfen, und im Winter waren sie als Maler bei reicheren Bauern unterwegs."

"Von altem Kram fasziniert"

Nachdem der Eigentümer in Krempel erfahren hatte, welchen Schatz er besitzt, engagierte er Thorsten Speer, der ihm einen Teil der Wandmalerei in sein neues Haus einbaute. Der andere Teil fand ein neues Zuhause im Kloster Ebstorf in Niedersachsen. Speer selbst bekam eine Deckenmalerei. Sie schmückt sein altes Schusterhaus in Haseldorf. Hier arbeitet der Tischler jede freie Minute - und voller Leidenschaft, sagt Thorsten Speer: "Ich bin schon seit meiner Kindheit von altem Kram fasziniert."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein bis 2 | 24.05.2016 | 11:05 Uhr

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