Stand: 19.09.2020 15:43 Uhr

SSW: "Wir können auch Berlin"

von Constantin Gill

Während vor einer Sporthalle in Flensburg noch die Delegierten des Südschleswigschen Wählerverband (SSW) für die in Corona-Zeiten nötige Registrierung Schlange stehen, steigt drinnen schon die Aufregung. Hier, auf diesem Parteitag, wolle man "Geschichte machen", wird es an diesem Sonnabend immer wieder heißen - etwa in der Rede des SSW-Landesvorsitzenden Flemming Meyer. Er wirbt dafür, dass der SSW - die Partei der dänischen und friesischen Minderheit - an der Bundestagswahl teilnimmt. "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", lautet sein Fazit. Am Ende sieht es die Mehrheit genauso: 66 von 111 Delegierten stimmen für eine Bundestagskandidatur des SSW.

VIDEO: Parteitag: SSW entscheidet für Bundestagswahl (1 Min)

Reicht ein Mandat, um etwas zu bewegen?

Als Meyer am Rednerpult steht, haben es endlich alle Delegierten in die Halle geschafft. Unter ihnen sind auch Kritiker des vom Landesvorstand vorgeschlagenen Kurses. Manche befürchten etwa, die Landes- und Kommunalpolitik könne unter einem Bundestagswahlkampf leiden. Peter Clausen, Vorsitzender der SSW-Ratsfraktion in Schleswig, warnt, der SSW dürfe sich nicht übernehmen: "Wenn in Kiel große Politik gemacht wird, dann in Berlin die ganz große. Und jetzt kommen wir vom SSW und möchten dort mitwirken und mitentscheiden. Ich bezweifle, dass das von einer Person zu leisten ist."

Denn ein Mandat, das hat die Partei so berechnet, könnte realistisch sein - wenn die Partei es auf 40.000 bis 50.000 Zweistimmen schafft. Andere sind optimistischer, was die Wirkung eines einzelnen Mandats angeht: "Wir können zeigen, dass hier eine starke Stimme für Schleswig-Holstein ist, und diese Stimme ist nicht nur stark in irgendwelchen Landgasthöfen beim Grünkohlessen, die Stimme ist genauso stark im Plenarsaal des Deutschen Bundestages", sagt Christopher Andresen, Vorsitzender der SSW-Jugendorganisation, am Pult. Für diese Worte wird der Kieler gefeiert.

Jüngere Parteimitglieder werben für Bundestagskandidatur

Überhaupt sind es viele jüngere Parteimitglieder, die den SSW in Berlin sehen wollen. Von einem Bundestagswahlkampf könne ein starker Impuls für die Partei ausgehen, finden sie. Wer bei der Bundestagswahl kandidieren soll, wird sich erst in den kommenden Monaten entscheiden. Ende Januar soll die Spitzenkandidatur geklärt sein. Noch kursieren keine Namen. Aber es fällt auf, dass der eine oder andere Redner die Bühne des Parteitags schon gezielt nutzt.

Harms spricht sich für Teilnahme aus

Lars Harms, der Chef der SSW-Gruppe im Landtag, hat solche Spekulationen für sich schon zurückgewiesen. Er wirbt dennoch eindringlich für eine Teilnahme an der Bundestagswahl. Die Stimmen, die man in Schleswig-Holstein gewinnen könnte, gingen sonst verloren, gibt er zu bedenken. "Das kann so nicht bleiben, das schadet uns ungemein," sagt er und fügt an: "Dass die Habecks und Kubickis dieser Welt uns vertreten - das glaubt doch keiner ernsthaft, oder?" Sprich: Der SSW muss aus Harms' Sicht selbst für seine Anliegen eintreten. Dafür gibt es viel Zustimmung. "Wir können auch Berlin", ist ein weiterer Delegierter sich sicher.

Es gibt weiter Zweifler am Kurs auf Berlin

Im Saal könnte man jetzt fast den Eindruck gewinnen, dass die Entscheidung entsprechend deutlich ausfällt. Aber als die Stimmen am Ende ausgezählt sind, wird deutlich, dass es weiterhin Zweifler in der Partei gibt. "Es war eine Mehrheit - und eine gute Mehrheit", sagt Flemming Meyer danach. "Es gilt jetzt auch die Skeptiker zu überzeugen, dass das hier eine gute Sache werden kann." Als das Ergebnis schließlich bekannt gegeben wird, fällt auf der Bühne der Vorhang. Und ein Banner mit dem Bild eines Wikingerbootes und den Worten "Moin, Berlin" wird enthüllt. Großer Applaus im Saal.

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