Stand: 01.03.2020 10:58 Uhr

Reeternte mit Hilfe einer Selfmade-Maschine

Es regnet - und das schon seit Wochen. Für Harald Benett ist ein Tag ohne Niederschlag wie ein Geschenk des Himmels. "Der Countdown läuft, endlich mal ein Tag, wo die Halme knistern", freut sich der Reetbauer. Seine zehn Hektar im Lübecker Schellbruch kann er nicht wie in den vergangenen Jahren in Ruhe bis Anfang März abernten. In diesem Jahr gebe es wegen des nassen Wetters nur kleine Zeitfenster, beschreibt Benett die Situation. "Wir hatten ja schon so viele schwierige Jahre, aber mit den vielen Stürmen in diesem Jahr war es so schlimm wie nie zuvor." Obwohl der 54-Jährige so spät wie nie aufs Feld kommt, bleibt er positiv.

Etwa 30 Stunden für zehn Hektar

Auch sein Mitarbeiter Mads Salewski ist optimistisch, trotz der unsicheren Arbeitszeiten. Der 24-Jährige studiert Agrarwirtschaft und verdient sich bei Benett etwas dazu. "Es ist herrlich, hier zu arbeiten. Du schaust auf die Trave zu den Schiffen, hier kommen Wildschweine vorbei, und man erschafft einfach was Sinniges", sagt der Student. Salewski nimmt während der Fahrt mit der Mähmaschine die fertigen Reetbunde, wenn die Maschine sie gesammelt und geschnitten hat. Anschließend gibt er sie Benett, der die Bunde in der Sammelvorrichtung stapelt. Für die ganzen zehn Hektar braucht er in diesem Jahr etwa 30 Stunden.

Einer von drei Reetbauern in SH

In Schleswig-Holstein gibt es insgesamt 100 Hektar Reetfläche: am Lübecker Schellbruch, auf Fehmarn und an der Westküste bei Friedrichstadt. An der Treene sind sogar Reetflächen neu angebaut worden, weil das Schilf so wichtig für die Natur ist. "Ich beliefere keine großen Firmen mehr. Da habe ich umgedacht. Ich habe nur noch kleine, spezielle Abnehmer." Das Besondere am Reet ist für Benett, dass es ein Naturprodukt ist, das gut isolieren und dämmen kann. "Man braucht bei einem Reethaus auch keine Dachrinne. Außerdem gehören Reetdachhäuser einfach zu Schleswig-Holstein, weil sie ein Hingucker für Touristen sind", nennt er weitere Gründe.

Konkurrenz aus Fernost

Ein Bund Reet wiegt etwa sieben Kilogramm und kostet laut Benett drei Euro. Die Konkurrenz aus Ungarn, Rumänien, der Türkei oder auch aus Fernost ist so groß geworden, dass der Lübecker nicht mehr an Großhändler liefern kann. "Das ist unglaublich, dass die trotz der langen Transportwege ebenfalls für drei Euro ein Bund anbieten können", meint der 54-Jährige. Er arbeitet gerne mit dem Reet, weil er den Käfermotor seiner Mähmaschine so gerne hört. Aber er kennt es auch nicht anders: "Es ist Reetliebe. Ich war als Kind schon im Warder gewesen, und das gehört für mich im Winter eben dazu."

Ernteverbot zum Schutz der Vögel

Trotz Regen wäre Benett eigentlich schon in der vergangenen Woche fertig geworden. Doch dann streikte plötzlich das Getriebe und nix ging mehr. Im Getriebekasten war die Kette abgesprungen. Der Kettenspanner war nicht stramm genug. "Eigentlich eine einfache Reparatur, aber da mussten wir das ganze Mähwerk abbringen, um an den Getriebekasten zu kommen", erzählt Benett und wirkt dabei ein wenig genervt. Nach zehn Stunden lief die Mähmaschine wieder. "Alles, was wir schneiden, muss noch mal in Handarbeit ausgekämmt werden." Die Maschine darf jetzt nicht noch mal kaputtgehen, sonst schaffen sie den Termin der Umweltbehörde nicht. Ab 1. März darf nicht mehr geerntet werden - zum Schutz der Vögel.

Mit den Umweltschützern will er keinen Ärger, deshalb arbeitet Benett seit Jahren mit der Umweltbehörde Hand in Hand zusammen und achtet auf die Schonzeiten: "Das Reet ist wichtig für die Vögel als Nistmaterial, aber auch als Schutz für Flora und Fauna." Der 54-Jährige betont, wie wichtig die Reeternte ist, weil sie "die Flächen erhält. Es gibt hier viele Flächen. Wenn sie nicht gepflegt oder gemäht werden, brechen sie zusammen oder werden zu Wasserlöchern, mit der Folge, dass das Reet ganz verschwindet", sagt Bennet. Dieses Phänomen sei schon an vielen Seen entstanden, weil die Wurzeln und Stauden eine gewisse Pflege benötigen.

Spezialmähmaschine im Einsatz

Natürlich muss Benett an diesem Tag durch tiefe Pfützen fahren, auch wenn es heute mal nicht regnet und stürmt. Das funktioniert dank seiner speziellen Mähmaschine, mit der er auch durch tiefen Schlamm fahren kann. Seine Selfmade-Maschine hat ein Meter breite Reifen. Diese Maschine verteilt ihr relativ leichtes Gewicht von einer Tonne auf mehr als sechs Quadratmetern. Da kommen Benett und Salewski ganz gut durch - auch wenn es - im Vergleich zu einem trockenen oder gefrorenen Boden - deutlich länger dauert.

Für Benett hat Reet weiterhin eine große Perspektive, "sonst würde ich auch nicht meinen Sohn an die Reeternte heranführen", sagt der Landwirt. Er ist sich sicher, dass es die Reetdächer und das Reet "bestimmt noch gibt, wenn wir schon alle gar nicht mehr da sind".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Aktuell | 01.03.2020 | 06:35 Uhr

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