Stand: 11.08.2016 12:02 Uhr

Mit Emmi Hansen auf Petuh-Schnack in Flensburg

von Maja Bahtijarević

Stadtführungen gibt es viele, auch in Flensburg. Meistens sind sie sehr klassisch - das heißt, ein Touristenführer begleitet die Besucher durch die Stadt, bleibt an wichtigen Bauwerken stehen und erzählt von der Geschichte. Ruth Rolke hat sich etwas anderes einfallen lassen: Sie zeigt spannende, versteckte Ecken der Fördestadt, stets in Begleitung der waschechten Petuh-Tante Emmi Hansen - einer Dame aus längst vergangenen Zeiten.

Mit einer Petuh-Tante die Fördestadt kennenlernen

Aus "carte passe partout" wird "Petuh"

Direkt an Flensburgs Förde, dort, wo der Salondampfer "Alexandra" an der Schiffbrücke anlegt, startet Rolke ihre besondere Tour. "Petuh hat viel mit Vergangenheit zu tun", sagt sie. Ein viktorianisch anmutendes Kleid tragend beginnt Rolke die Führung alleine, ohne Emmi Hansen, und erklärt den neugierigen Besuchern, was der Begriff überhaupt bedeutet: "Petuh" bezeichnet eine Kunstsprache, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand. Der Ursprung des Namens rührt von der "carte passe partout" her - der Jahreskarte für die Salondampfer auf der Ostsee, die um 1910 herum ihre Hochphase hatten.

Kernige Damen aus der Mittelschicht

Rolke erzählt von den deutsch-dänischen Kriegen - einer Ära zwischen den 1850ern und den 1920ern, in der sich nicht nur Kultur, sondern auch Sprache gemischt haben. "Sie müssen sich das mal vorstellen: Dänisch, Deutsch, Plattdänisch und Plattdeutsch!" Aus diesem Gemenge entwickelte sich die neue Sprachform, die vor allem durch die sogenannten Petuh-Tanten geprägt wurde: Kernige Damen aus der Mittelschicht, die als Stammgäste auf den Butterfahrten der Fördedampfer oft hin- und herschipperten und über die Neuigkeiten der Stadt klönten. Und diese Tanten hätten es faustdick hinter den Ohren gehabt, sagt Rolke mit einem Augenzwinkern.

Frau Emmi Hansen als Alter Ego

So erreichen Sie Frau Emmi Hansen

Ruth Rolke und Frau Emmi Hansen bieten regelmäßig Touren durch Flensburg an. Weitere Informationen per Mail an Ruth Rolke oder auf der Webseite der Tourismus Agentur Flensburg.

"Die kommt immer zu spät, die Frau Hansen!", neckt Rolke, guckt die Uferpromenade entlang und ruft: "Ach, da ist sie ja! Ich laufe ihr mal entgegen." Neugierige Blicke gleiten an Rolke vorbei und suchen den Pier ab, fragend, wer Frau Hansen sein könnte. Einen Augenblick später ist Rolke zurück, doch diesmal trägt sie einen kleinen Federhut und gehäkelte Handschuhe. Die, die da vor der Gruppe steht, ist Emmi Hansen - Rolkes zweites Ich. Den Leuten gefällt es auf Anhieb: Grinsend horchen sie der resoluten Dame, die auf Petuh aus dem Nähkästchen plaudert. Besonders bekannt waren die Tanten dafür, dass sie ihre Stammplätze auf den Schiffen hatten - und diese auch verteidigten. "Ich sach nur zur Marta, sach ich: 'Mach'ma wieder 'ne schöne Fahrt mit der Alex, meine Beste!'", schnackt Emmi Hansen, "und als wir dann da war'n, da saß einer auf min Platz. Ich sach da: 'Flip' doch ma' 'n büsch'n de Bank lang!"

Flensburger Schauspielerin macht Petuh populär

Stets zwischen Frau Emmi Hansen und ihrem wahren Ich wechselnd, führt Rolke die Gruppe in anderthalb Stunden durch Flensburg. Als Ruth Rolke erzählt sie von der Geschichte und streut aktuelle Informationen zur Stadt dazwischen. Emmi Hansen lockert die Fakten auf, untermalt sie mit lustigen Anekdoten aus dem Alltag und bringt die Menschen zum Schmunzeln. Rolke freut sich darüber - denn ursprünglich kommt sie gar nicht aus der Fördestadt. In Holstein geboren, führte sie ihr Weg über Lübeck im Jahre 1977 nach Flensburg. Seit 14 Jahren macht sie Stadttouren, und seit etwa vier Jahren begleitet sie Emmi Hansen. "Ich fand das immer so nett, das ist ja etwas Spezifisches, das es nur hier oben gibt", sagt Rolke. Mit dem Werk der Flensburger Schauspielerin Renate Delfs "Ohaueha was'n Aggewars" lernte sie die Petuh-Tanten gut kennen - und entwickelte ihre Rolle der Emmi Hansen.

Hauptsächlich Einheimische nehmen teil

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Wenige Handgriffe - und dann wird aus Ruth Rolke Frau Emmi Hansen.

Doch nicht nur die typischen Ziele stehen auf der Tour-Liste - Rolke führt ihre Gruppen auch gerne in Hinterhöfe der Stadt und lässt Emmi Hansen Tratsch erzählen, "denn sie hat ihre Ohren überall", wie sie sagt. Die Besucher sind sichtlich begeistert: Fängt Frau Hansen von den peinlichen Momenten der Nachbarn im Fotostudio zu erzählen an, gibt es vereinzelt sogar laute herzliche Lacher. Für viele der Teilnehmer dürfte der Inhalt der Führung aber nicht allzu fremd sein: Lediglich einer kommt aus der fernen Schweiz, doch der Rest ist einheimisch oder kommt aus Kiel und Umgebung. "Das ist oft so", sagt Rolke. Viele seien auf der Suche nach Kabarett oder ähnlichem und kämen so zur "Petuh"-Führung. "Und fast ausschließlich sind es Teilnehmer reiferen Alters" fügt sie hinzu, "für die Jüngeren sind Stadtführungen generell nichts."

Über den Ansturm entscheidet das Wetter

Ob Strandwetter ist oder nicht, merkt Ruth Rolke sofort. "Wenn es mal nicht so schön ist, machen viele Menschen Stadtführungen. Vor ein paar Tagen hatte ich eine Gruppe mit 40 Teilnehmern, dann eine mit 37." Normalerweise ist es etwa ein Drittel davon. So viele Menschen führt Rolke in der Regel gemeinsam mit einem Kollegen. Kann er aber nicht, dann übernimmt Rolke alleine - in Begleitung von Frau Emmi Hansen, versteht sich. "Am Ende des Tages merke ich dann schon, was ich geleistet habe", sagt Rolke. Sie habe zwar eine starke Stimme, aber auch die sei irgendwann mal müde. Eine Untergrenze bei der Gruppengröße gibt es bei Rolke nicht. Sie schüttelt den Kopf: "Nein, nein. Emmi Hansen geht auch nur mit einem Besucher durch die Stadt!"

"Petuh-Schnack"

"Szeh um Laube Liebbe, wer ein hat der is dasz szeins" - Der Schlachtruf der "Petuh-Tanten" auf den Salondampfern kurz vorm Anlegen an die weiter vorne stehenden, bedeutet: "Besetz mal'n schönen Tisch (zum Kaffetrinken) für uns"
"Das is kein Wetter un jachen ein Hund aus in" - "Kein Wetter, da jagt man nicht mal den Hund raus", bedeutet: Sauwetter
"Was'n Aggewars un komm hier chanz um" - "Welch Aufwand, hierher zu kommen"
"Ich bring ihr denn um" - "Ich bring' sie dann nach Hause"
"Onkel Hein is chanz chut szu pasz nu" - "Onkel Hein gehts nun ganz gut"

Mehr Redewendungen und ein Wörterbuch finden Sie bei petuhschnacker.de

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 11.08.2016 | 07:04 Uhr

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