Soldaten der Bundeswehr stehen am 10.05.2013 im Feldlager in Kunduz. © picture alliance Foto: Kay Nietfeld

Militärpfarrer zu Afghanistan: Soldaten hinterfragten den Sinn

Stand: 19.08.2021 12:37 Uhr

2004, 2007 und 2019: Drei Mal war Militärpfarrer Gerson Seiß aus Heide als Seelsorger in Afghanistan im Einsatz. Im Interview mit NDR Schleswig-Holstein spricht er über die aktuelle Entwicklung - und macht keinen Hehl aus seiner Enttäuschung.

Herr Seiß, was denken Sie, wenn Sie die Bilder aus Afghanistan sehen?

Gerson Seiß: Da ist in wenigen Tagen zusammengefallen, was die internationale Gemeinschaft in 20 Jahren versucht hat aufzubauen und auszubilden. Da ist das ungläubige Staunen darüber, dass die afghanische Armee wie ein Kartenhaus zusammengefallen ist. Das Zweite, das mich beschäftigt, ist die immense Sorge und Angst der Menschen in Afghanistan. Ich weiß das aus dem Gespräch mit Ortskräften. Die haben mir damals 2019 im Lager berichtet, dass die Taliban schon damals in die afghanischen Dörfer kamen und die Bürgermeister danach fragten, wer aus dem Dorf von den jungen Männern bei den internationalen Truppen oder NGOs tätig seien. Und wenn diese Namen publik wurden, hatten die Betroffenen tatsächlich Todesangst. Da gibt es einen immensen Widerspruch zwischen dieser begründeten Angst der Afghanen einerseits und den Versprechungen der Taliban, man wolle an niemandem Rache üben andererseits.

Sind Sie enttäuscht über die jetzige Situation?

Seiß: Mich enttäuscht das schon. Weil ich zumindest zu Beginn der Einsätze, an denen ich ja auch teilgenommen habe 2004 und 2007, von der politischen Vision und dem so genannten "Nationbuilding Programm", überzeugt war. Ich hatte damals den Eindruck, wir sind als internationale Gemeinschaft auf einem guten Weg und erreichen auch mindestens eine Verbesserung. Insofern ist das enttäuschend, ohne Frage.

Können Sie einschätzen, warum es den Taliban gelungen ist, so schnell vorzurücken?

Seiß: Von deutschen Offizieren, die in der Ausbildung tätig sind, ist mir bekannt, dass von 100 eingestellten afghanischen Rekruten nach zwei Jahren 30 Prozent bereits ihr Leben verloren haben, also gefallen sind. Diese Zahlen werden vielleicht nicht vollständig veröffentlicht. Aber es spricht sich auch unter den Afghanen herum, dass die Todesrate, die Gefallenenrate, sehr hoch ist. Wer trotzdem dorthin geht, muss entweder ein glühender Patriot sein oder praktisch keine andere Wahl haben, als in der afghanischen Armee seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Bei vielen der Soldaten ist es nach meinen Einschätzungen Letzteres. Da hält sich die Motivation, für sein Land zu kämpfen, dann in Grenzen.

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Gibt es weitere Gründe für die geringe Kampfbereitschaft der afghanischen Armee?

Seiß: Vielleicht kann man das so sagen, dass in der afghanischen Armee nicht wirklich diese Kämpfernaturen vorhanden sind. Mit Masse jedenfalls nicht. Die würde ich eher bei den Taliban oder bei den Milizen vermuten. Und dann ist es auch noch eine Frage der Loyalität, für das Vaterland zu kämpfen. "Wir dienen Deutschland", heißt es bei uns. Bei den Afghanen ist die Loyalität anders gestaffelt. Die gilt erstmal dem Clan, dann der Ethnie und erst viel später ist dann das Land an der Reihe. Das mögen Gründe sein dafür, dass sie sich dem Ansturm der Taliban nicht vollständig entgegengestellt haben.

Wie haben Sie die Bundeswehrsoldaten vor Ort im Einsatz erlebt?

Seiß: Als ich da war, hatten die deutschen Soldaten überwiegend den Eindruck, tatsächlich eine sinnvolle Aufbauarbeit zu leisten. Es wurden Straßen gebaut, es wurden Krankenhäuser repariert. Es wurden Schulen gebaut, Mädchen gingen zur Schule. Das war schon ein Empfinden von: Wir tun etwas Gutes, wir sind auf einem gutem Weg, wir leisten Stabilisierungsarbeit in einem geschundenen Land. Das hat sich mit den Jahren deutlich verändert.

Wie erleben Sie die Soldaten jetzt?

Seiß: Im Zuge der Entwicklungen, dass die Anschläge immer mehr wurden und der Selbstschutz der deutschen Soldaten immer mehr Aufmerksamkeit verlangte, ging das zulasten der Begegnungen mit den Afghanen, es ging zulasten des Mottos "Winning Hearts and Minds". Und je weniger man quasi über diesen Schutz hinaus noch an Sinnvollem tun konnte, desto mehr wuchs auch die Frage der Sinnhaftigkeit - verstärkt natürlich bei Verlusten nach Anschlägen. Wo man sich dann schon fragt: Wofür ist es das wert? Wird Deutschland wirklich am Hindukusch verteidigt? Und wird das Leben der Afghanen besser durch das, was auch an deutschen Opfern für Leib und Leben gebracht wird? Viele, und da schließe ich mich mit ein, finden es aber im Endeffekt richtig, dass wir es zumindest versucht haben.

Herr Seiß, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Janina Harder, NDR Schleswig-Holstein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 19.08.2021 | 07:20 Uhr

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