Stand: 19.10.2019 12:48 Uhr

Letzte-Hilfe-Kurse: Sterbebegleitung für Anfänger

von Iris Guhl

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Barbara Deuber erklärt den Teilnehmern der Letzte-Hilfe-Kurse, wie man das Leiden der Sterbenden lindern kann.

Im Erste-Hilfe-Kurs lernt man die wichtigsten Handgriffe, um im Notfall Leben zu retten. Was aber ist, wenn jemand so krank ist, dass es keine Rettung mehr gibt? Man müsste Menschen auch in "Letzter Hilfe" am Lebensende schulen, dachte sich der Schleswiger Palliativ-Arzt Georg Bollig und entwickelte ein Konzept: Letzte-Hilfe-Kurse. Seinen ersten Kurs gab er 2015, inzwischen hat das Programm bundesweit Schule gemacht und Georg Bollig leitet die Palliativstation des Regionskrankenhauses in Haderslev, Süd-Dänemark. Mit den Letzte-Hilfe-Kursen hat der Mediziner ein niedrigschwelliges Angebot geschaffen, um Menschen mehr Sicherheit im Umgang mit Sterbenden zu geben.

Kurs gibt Tipps um Leiden zu lindern

"Früher wurde dieses Wissen in der Familie weitergegeben", sagt Trauerbegleiterin Barbara Deuber, heute wüssten Menschen oft nicht mehr, was sie tun sollten. Gemeinsam mit ihrer Kollegin, der Krankenschwester Jutta Popp, erklärt sie den acht Frauen und Männern, die an einem Letzte-Hilfe-Kurs in einem Rendsburger Bestattungshaus teilnehmen, was Leiden am Ende des Lebens lindern kann: Eine gute Mundpflege gegen ein quälendes Durstgefühl zum Beispiel. Dazu taucht man ein Stäbchen, an dessen Ende ein kleiner Schwamm befestigt ist, in Flüssigkeit und befeuchtet damit Mund und Lippen. "Gerne das Lieblingsgetränk", sagt Jutta Popp. Auch Bier, Wein oder Sekt seien möglich. Gegen Atemnot helfe Riechsalz mit einem Tropfen Duftöl, wie Minze, oder Miniventilatoren, die man vor das Gesicht halten kann, erklärt die Krankenschwester. Leere Pralinen- oder "Toffifee"-Verpackungen seien perfekt, um Saft oder Tee einzufrieren. Die Eiswürfel sind dann nicht so groß und lassen sich besser lutschen.

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Mit befeuchteten Schwamm-Stäbchen oder Eiswürfeln aus Pralinenverpackungen kann einfach der Durst der Schwerstkranken gestillt werden.
Da sein und das Sterben aushalten

Wer im Sterben liegt, kämpft oft mit Schmerzen, Angst, Atemnot oder Übelkeit. Schmerzen lassen sich zwar mit Medikamenten eindämmen, aber nicht nur der Körper, auch die Seele leidet. Was dann gut tut, ist menschliche Nähe, sagt Jutta Popp, berühren, festhalten. "Wer drückt denn alte Menschen noch mal so richtig?" fragt sie in den Raum und stellt auch gleich fest, worum es am Ende vor allem geht: Da sein und das Sterben aushalten. So schwer es auch ist. Verständlicherweise hätten Angehörige oft den Wunsch, etwas zu tun und würden den Sterbenden immer wieder fragen: "Willst du nicht etwas essen?" Dann setzten die alles in Bewegung, um eine Currywurst zu organisieren, weil der Schwerkranke gerade darauf Appetit hat. Bis die Currywurst am Bett ist, ist ihm der Appetit aber vielleicht schon wieder vergangen oder er schafft nur einen winzigen Bissen. "Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen und zu trinken. Man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt", stellt Jutta Popp fest. Eine einfache Wahrheit, die doch so schwer zu akzeptieren ist.

Sterbenden das Leben schöner machen

Eine Teilnehmerin, die ihren Namen nicht nennen will, hat sich ganz bewusst für den Letzte-Hilfe-Kurs entschieden. Sie will sich darauf vorbereiten, ihre 85-jährige Mutter beim Sterben zu begleiten. Eine andere pflegt ihren todkranken Schwiegervater und ringt während des Kurses oft mit den Tränen. Und dann ist da noch Angelika Jochmann, die bei einem Pflegedienst arbeitet und schon oft am Sterbebett gesessen hat. "Jeder, der stirbt, stirbt anders", sagt sie. "Einige sind ganz traurig, andere sind ganz glücklich. Ich erhoffe mir hier noch den einen oder anderen Tipp, wie ich Sterbenden das Leben schöner machen kann." Besser kann man nicht auf den Punkt bringen, wozu Letzte-Hilfe-Kurse gut sind.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 21.10.2019 | 20:10 Uhr

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