Stand: 18.09.2016 13:20 Uhr

Kult in Kiel: Wrestling im Hinterhof

von Arne Helms

Irgendwann kleben die nassen Haare von Joe E. Legend an deinen Schuhen, lange schwarze Strähnen. Und du denkst: dichter kann dir dieser Wrestling-Abend nicht mehr kommen. In den Seilen des Rings in einem Kieler Hinterhofgebäude mitten in der Stadt hängt ein tätowierter Mexikaner. Irrer Blick, mächtiger Schnauzer, schmächtiger Körper - zumindest im Vergleich zu dem 120-Kilo-Mann, den er gerade vor die Füße der Zuschauer gewuchtet hat.

Kieler Wrestling: "Wie früher in den Kneipen"

Sie wünschen den Langhaarigen zum Teufel

Der Raum in der Kampfsportschule Yawara in Kiel kocht. Mit seinen holzvertäfelten Wänden ist er eher Großvaters Wohnzimmer als moderne Sporthalle. Die tiefe Decke hält die Spätsommertemperaturen gefangen. Dazu kommen 250 Menschen, die es nicht mehr auf ihren Holzklappstühlen hält. Sie jubeln, johlen, wünschen den auf dem Boden liegenden Langhaarigen zum Teufel.

Das Publikum ächzt, als der Mexikaner fliegt

Eine Frau in der letzten der fünf Stuhlreihen schreit irgendetwas auf Spanisch. Der Mexikaner, der sich auf der Wrestling-Bühne Orlando Silver nennt, bemerkt sie, grinst. Die Zuschauer haben Silver in dem Hauptkampf als Guten auserkoren. Jede Schelle, die er sich vom Gegner fängt, wird von einem Jaulen begleitet. Als Legend ihn aus zwei Metern Höhe auf die Bretter schmeißt, ächzt das ganze Publikum.

Nun liegt da also der Böse auf dem Boden, windet sich. Der Mexikaner will ihm alles heimzahlen. 250 Zuschauer auch.

Das Fitnessstudio ist Pflicht - ein guter Arzt auch

Das ist Wrestling

Wrestling bedeutet auf Deutsch übersetzt einfach "Ringen". Vom olympischen Ringen ist die vor allem in den USA populäre Sportart jedoch meilenweit entfernt. Das Ziel in einem Kampf - in dem auch mal drei Wrestler auf drei andere Wrestler treffen können - ist nicht in erster Linie, einen Sieger zu finden. Das Ziel ist vielmehr, die Zuschauer bestmöglich zu unterhalten. Die Kämpfe haben keinen festgelegten Zeitrahmen. Sie folgen einer grob festgelegten Dramaturgie. Immer wieder geben sich die Kämpfer nahezu unsichtbare Zeichen, über die keiner ein Wort verliert. Trotz des Showcharakters kommt es immer wieder auch zu Verletzungen. "Aber Blut wollen die Zuschauer nicht sehen", sagt der Kieler Wrestling-Veranstalter Klaus Härtel. Sie sollen mitfiebern und mitbrüllen. Härtel nennt das "Kino zum Mitschießen."

Auch wenn so mancher Schwabbelbauch es nicht vermuten lässt: Wrestling ist harter Sport. Wer seine erste "Bombe" nimmt - so nennen Wrestler das Fallen auf den Ringboden -, kann sich nicht vorstellen, je wieder aufzustehen. Das Fitnessstudio ist Pflicht - ein guter Arzt auch. Es gibt keinen Muskel im Körper, der nicht reißen kann. "Es tut alles weh", sagt eine Kämpferin, die ihren Alltag an der Schauspielschule verbringt, "was soll ich da im Ring schauspielern?"

Der Wrestler könnte jetzt Händchen halten

Dass Wrestling auch Show ist, bestreitet ja keiner. Minuten, nachdem er verächtlich auf seinen Gegner schaute, liegt Orlando Silver wimmernd als Verlierer des Kampfes im Ring. Er könnte jetzt mit mindestens vier Leuten in der ersten Reihe Händchen halten, so eng ist es, die Atmosphäre irgendwie vertraut. Ist aber gerade schlecht. Der Mexikaner hat seine Hände dort vergraben, wo ein Mann am allerwenigsten getroffen werden will. Verfluchter Joe E. Legend.

"Das ist wie Catchen auf der Reeperbahn"

Klaus Härtel trifft mit den vierteljährlichen Wrestling-Veranstaltungen einen Nerv. "Das ist noch wie Catchen früher in den Kneipen auf der Reeperbahn. Man riecht die Kämpfer", sagt der 65-Jährige. Sicherheitsbestimmungen gibt es nicht. Security auch nicht. Der Pizzadienst liefert. Bier kann jeder von Zuhause mitbringen. Eine Flasche ist in elf Jahren Hinterhof-Wrestling nie geflogen. "Wir sind in einer Kampfsportschule", sagt Härtel. "Vielleicht haben die Leute Muffe, dass es einen auf die Omme gibt."

Werbung braucht er nicht. Die Shows sind immer ausverkauft, meistens Wochen im Voraus. Wer sich durch die schmale Eingangstür quetscht, kauft an der Kasse oft gleich das Ticket für das nächste Mal.

"Die Stimmung in Kiel ist phänomenal"

Auch Profis kommen nach Kiel. Sie sitzen dann mit Kieler Urgesteinen und Nachwuchstalenten im Aufwärmraum. Alle dürfen raus in den Ring. Das Kleine und Familiäre zieht die Kämpfer offensichtlich an. André Träumner kämpft sich als Andre Trucker seit 15 Jahren durch ganz Europa. "Nirgendwo ist die Stimmung so phänomenal wie in Kiel", sagt er. Das Flair sei einzigartig. Wenn über dem fünf mal fünf Meter großen Ring die bunten Diskoscheinwerfer aufleuchten und der erste Kampf startet, ist der Samstagabend noch jung. "Es ist so eine friedliche Partystimmung. Das ist jedes Mal ein Erlebnis", sagt Trucker.

200-Kilo-Mann soll sich auf Gegner setzen

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Wenn einer 200 Kilo wiegt wie der "Haifisch-Mann", schreien die Fans: ""drauf-set-zen, drauf-set-zen, drauf-set-zen." Klar.

Der 33-jährige Berliner und das Stammpublikum - also fast alle - haben sich besonders lieb. Natürlich gröhlen die Leute auf ihren Klappstühlen auch für den Kieler "Cowboy-Mann". Beim Frauen-Kampf sehen sie "zu viel Kuscheln". Beim Duell zwischen dem "Haifisch-Mann", der 200 Kilo wiegt, und seinem nicht mal halb so schweren Gegner skandieren sie wahlweise "drauf-set-zen" oder "auf-fress-en". Aber bei keinem ist das Sprüche-Repertoire so reich wie bei Andre Trucker, dem "Autobahn-Mann".

Für den Berliner brüllen schnell mal 200 Zuschauer von vier Ringseiten "as-phal-tieren", "ü-ber-rollen", "Blink-er links" oder "Aus-fahrt Kiel". Die "Voll-sperr-ung" kommt immer. Trucker nennt Kiel sein Zuhause. Im Juni ist sein Haus abgebrannt. Die Veranstalter vom Yawara, so heißt die Kampfsportschule, zögerten nicht. Die Erlöse vom Losverkauf gingen an Trucker. Nach der Pause waren die Lose ausverkauft.

Niedersachsen hätten gerne Fans aus Kiel

Wrestling in Kiel macht niemanden reich. 250 Menschen zahlen je 10 Euro Eintritt. Ein paar Sandwiches und Biere bringen die Mädels am Imbisstresen auch noch unter die Leute - will ja nicht jeder die Kiste Bier von Zuhause mitschleppen. Die Profis nehmen ein paar Euros mit nach Hause, sicher. Alle anderen - und das ist die große Mehrheit - kommen hauptsächlich für den guten Samstagabend.

"Es schockt einfach. Es haben alle Bock", sagt ein Zuschauer. Andernorts gucken sie neidisch auf Typen wie ihn. Ein Wrestling-Veranstalter aus Niedersachsen hat der Kieler Kampfsportschule ein Angebot gemacht: Sie sollen doch bitte ihre Fans in ein paar Busse packen und vorbeikommen, damit endlich Stimmung in die Bude kommt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 18.09.2016 | 16:40 Uhr

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