Stand: 21.09.2020 05:00 Uhr

Korvettenbau: Milliarden-Auftrag für Kieler Werften?

von Christian Wolf

Die erste von fünf neuen Korvetten für die Deutsche Marine wird auf der Peene-Werft in Wolgast auf Kiel gelegt. © dpa-Bildfunk Foto: Stefan Sauer
Die Politik überlegt, fünf weitere Korvetten vom Typ 130 bauen zu lassen.

Neu bauen oder überholen - das ist die Frage, mit der sich derzeit unter anderem das Bundesverteidigungsministerium, Haushälter und Bundestagsabgeordnete beschäftigen. Es geht um die Korvette vom Typ K130. Bereits seit dem vergangenen Jahr bauen die beiden Kieler Werften German Naval Yards und ThyssenKrupp Marine Systems gemeinsam mit der Bremer Lürssen-Gruppe fünf neue Schiffe dieses Typs. Doch die ersten fünf der Serie müssen überholt werden.

Industrie und Politik sprechen dabei von "Obsoleszenzen", die behoben werden müssen. Das heißt, die Technik ist alt. Gewisse Teile der Schiffe müssen neu gemacht werden, damit die nicht mal 15 Jahre alten Korvetten weiterhin benutzt werden können. "Erste Untersuchungen haben ergeben, dass die Kosten für die Reparatur pro Einheit sehr hoch sind und im dreistelligen Bereich liegen", erklärt der schleswig-holsteinische Bundestagsabgeordnete Ingo Gädechens (CDU).

Untersuchung des BMVg: Was ist günstiger?

Der CDU-Politiker Ingo Gädechens © NDR
Ingo Gädechens (CDU) hält eine Reparatur der Schiffe für zu teuer.

Das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) hat deswegen untersucht, was günstiger ist. "Die Untersuchungen des BMVg haben ergeben, dass die Reparatur der ersten fünf Einheiten fast genauso teuer wäre, als wenn wir gleich neue Einheiten in Auftrag geben würden", erklärt Ingo Gädechens. Aus seiner Sicht ist es daher sinnvoll, gleich neue Schiffe zu besorgen. So sieht es auch Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) - vor allem vor dem Hintergrund der Corona-Krise und deren wirtschaftlichen Folgen: "Es sind schwierige Zeiten für die Werften insgesamt. Das betrifft nicht nur die Marine-Werften, sondern auch die, die etwa Kreuzfahrtschiffe bauen."

Geteilte Meinung

Doch nicht alle Politiker sind für eine sofortige Auftragsvergabe. Der Bundestagsabgeordnete Tobias Lindner (Grüne) beispielsweise ist der Auffassung, dass es richtig zu überlegen ist, was wirtschaftlicher sei. Aber: "Als Haushälter muss ich ganz klar sagen, dass darf nicht zum Konjunkturprogramm von Lürssen oder German Naval Yards verkommen." Man solle die Korvetten wirklich nur dann bauen, wenn es für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler wirtschaftlicher sei, so Lindner.

Der Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein Bernd Buchholz. © NDR

AUDIO: Buchholz: "Für unsere Werften wäre das großartig" (1 Min)

Möller: "Es gibt viel dringendere Beschaffungen"

Siemtje Möller, SPD-Bundestagsabgeordnete, lehnt an einer niedrigen Mauer und blickt in die Kamera. © Phototek Foto: Thomas Imo
SPD-Politikerin Siemtje Möller sieht andere Beschaffungen für dringlicher.

Siemtje Möller ist Mitglied im Verteidigungsausschuss und sitzt für die SPD im Bundestag. Aus ihrer Sicht stellt sich die Fragestellung derzeit noch gar nicht, ob die Korvetten überholt oder neu gebaut werden sollen: "Es gibt viel dringendere Beschaffungen, die im Raum stehen, wie die neuen Tanker, die deutsch-norwegischen U-Boote oder aber die Flottendienstboote." All das sei wichtiger als die Korvetten, zumal das zweite Baulos, also der Bau der fünf neuen Boote gerade angefangen habe, so Siemtje Möller.

Deutsche Marine braucht Schiffe

Ob Neubau oder eine Überholung ist für die Deutschen Marine nicht die entscheidende Frage. "Die Marine ist in den vergangenen Jahren in Einsätzen hoch gefordert worden. Zugleich haben wir derzeit die kleinste Flotte, die wir seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland jemals gehabt haben", sagt der Inspekteur der Marine, Andreas Krause. Ihm ist die Quantität der Einheiten wichtig, damit eine hohe Verfügbarkeit von Schiffen sichergestellt ist. "Deshalb benötigen wir zehn baugleiche Korvetten Klasse K-130 für die Deutsche Marine", erklärt er.

Der Auftrag hätte ein Volumen von fast 2,8 Milliarden Euro. Die Werften halten sich mit Antworten zurück. Oliver Grün, Pressesprecher der Bremer Lürssen Werft, bat um Verständnis, dass "wir uns zu laufenden Beschaffungsvorhaben oder politischen Erwägungen grundsätzlich nicht äußern."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.09.2020 | 08:00 Uhr

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