Kreuz vor einem Kirchenfenster © photocase.de Foto: claudiarndt

Kirche in Heikendorf arbeitet Fall von sexueller Gewalt auf

Stand: 01.06.2022 16:15 Uhr

Auf einer Sommerfreizeit im Jahr 1972 soll ein zehn Jahre alter Junge von einem ehrenamtlichen Betreuer missbraucht worden sein. Nun will die Nordkirche in Schleswig-Holstein den Vorfall aufklären und sucht dafür Zeugen.

von Christopher Gaube

Erstmals versucht ein Kirchenkreis im Land, einen Fall von sexuellem Missbrauch mithilfe eines Zeugenaufrufs aufzuklären. Der Fall liegt fast 50 Jahre zurück: Felix - diesen Namen hat sich das mutmaßliche Opfer selbst gegeben - ist damals mit der Heikendorfer Kirchengemeinde (Kreis Plön) auf eine Sommerfreizeit in die Nähe von Bremen gefahren. Ein ehrenamtlicher Betreuer soll sich an dem damals Zehnjährigen vergangen haben, da ist sich der Kirchenkreis Altholstein laut dem Heikendorfer Pastor Joachim Thieme-Hachmann ziemlich sicher.

Eine schwierige Suche nach Zeugen

Im vergangenen Jahr hat sich Felix an eine unabhängige Beratungsstelle für sexuelle Übergriffe in der Nordkirche gewandt. Die Kirchengemeinde und der Kirchenkreis bildeten daraufhin einen Beratungsstab, haben mit Felix gesprochen und intern recherchiert. "Von den Menschen die damals Verantwortung getragen haben - sei es als Mitarbeitende oder Mitglieder des Kirchenvorstandes - sind keine mehr da, die wir ansprechen können", sagt Pastor Thieme-Hachmann. Deshalb gestaltete sich die Aufklärung des Falls als schwierig.

In den Archiven hätte man allerdings eine Liste mit den Namen der Teilnehmer der Sommerfreizeit gefunden. "Wir haben jetzt gesagt, dass wir gern weiter Zeugen herausbekommen wollen und deshalb haben wir in diesen Tagen an 8 von den 14 Teilnehmern einen Brief geschrieben", sagt Almut Witt, Pröbstin des evangelischen Kirchenkreises Altholstein. Die Adressen der anderen seien nicht herauszufinden gewesen.

Wenig Wissen über den mutmaßlichen Täter

In dem Brief bitten die Kirchengemeinde und der Kirchenkreis die ehemaligen Teilnehmer um Informationen. Wenn sie sich an die Geschehnisse erinnern können, sollen sie sich melden. "Da gilt natürlich absolute Vertraulichkeit und nur Informationen, die die Menschen auch selbst weitergeben möchten, würden auch wir weitergeben", sagt Pröbstin Witt. Informationen beispielsweise über den mutmaßlichen Täter, über den bislang nicht viel bekannt ist.

Die Pröbstin des Kirchenkreises Altholstein und der Heikendorfer Pastor auf einem Pressegespräch © NDR Foto: Christopher Gaube
Almut Witt (l.) ist die Pröbstin des Kirchenkreises Altholstein. Neben ihr steht der Heikendorfer Pastor Joachim Thieme-Hachmann.

Aus den bisherigen Recherchen des Kirchenkreises geht hervor, dass es sich um einen ehemaligen Pädagogikstudenten handeln soll, der sich damals zwei Jahre lang ehrenamtlich in der Kirchengemeinde Heikendorf engagiert hat. "Wir wissen, dass er noch drei weitere Mädchen- und Jugendfreizeiten geleitet hat. Uns ist davon aber nichts bekannt, dass es dort ähnliche Vorfälle gegeben hat", sagt Witt.

Kirchenkreis hat Strafanzeige gestellt

Schon vor einiger Zeit hat der Kirchenkreis Strafanzeige gegen den ehemaligen Ehrenamtler gestellt. Sollten sich Zeugen melden, könnten Informationen auch an die Ermittler weitergegeben werden. Auch wenn der Fall längst verjährt ist, könnte Informationen wichtig sein, falls der mutmaßliche Täter später noch einmal straffällig geworden ist.

"Uns ist wichtig, dass wir einfach zeigen, wir wollen verantwortlich sein für die Menschen, die es möglicherweise betrifft und wir möchten sie auch, wenn sie das wünschen, begleiten und unterstützen", sagt der Heikendorfer Pastor Joachim Thieme-Hachmann.

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Dieses Thema im Programm:

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