Kieler Arzt verspricht "geistige" Impfung gegen Corona

Stand: 01.10.2020 19:30 Uhr

Der Kieler Arzt gibt vor, sogar aus der Ferne Patienten gegen Corona impfen zu können - ohne Spritze. Ein Foto reiche aus. NDR Reporter machen sich mit versteckter Kamera auf zum Impftermin.

Christian Schepsmeier und Carsten Janz

Mitte August protestieren mehr als 1.000 Gegner der Corona-Maßnahmen an der Kiellinie. Es ist die bislang größte Demo dieser Art in Schleswig-Holstein. Und sie ist Ausgangspunkt dieser Recherche, die uns zu einem Arzt führt, der vorgibt, "geistig" gegen Corona impfen zu können. In einer der Chatgruppen rund um die Demo werden wir auf ihn aufmerksam. Der Veranstalter der Demo schreibt darin: "In Kiel gibt es einen Arzt, der impft 'geistig'. Danach hat der Mensch nachweisbare Antikörper und braucht keine Spritze."

Eine Impfung ohne Spritze? Was soll das sein? Wir rufen den Arzt an. Er erzählt, dass das Ganze sehr einfach sei und es um "Energien im Körper" gehe. Am Telefon bietet er an, dass er sogar aus der Ferne impfen könne. Ein Foto reiche dafür aus. Wir vereinbaren lieber einen Termin für eine Impfung in seiner Praxis.

Darf ein Arzt das?

Der Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, Professor Henrik Herrmann ist alarmiert, als er davon erfährt. "Das geht gar nicht", sagt er. "Wenn es ein Nicht-Arzt macht, dann würde ich sagen, das ist ein Angebot irgendeines Menschen. Aber hier nehme ich ja Kontakt mit einem Arzt auf. Und daran habe ich ja bestimmte Erwartungen. Und das wird hier vollkommen missachtet."

Das Landeshaus ist bei Nacht beleuchtet und in den Fenstern brennt Licht. © dpa picture alliance Foto: Daniel Bockwoldt

AUDIO: Die Reporter berichten über die Recherchen (29 Min)

Mit versteckter Kamera zum Impftermin

Weil die Recherche also auf mögliche Rechtsverstöße hindeutet, gehen wir mit versteckter Kamera zu dem Impftermin - zu zweit. Am Eingang der Praxis steht auf dem Klingelschild der Name und der Zusatz "Arzt". Zu Beginn erzählt er von seinem Verfahren, sagt, er habe es selbst entwickelt. Er sei in der Lage, "geistig" Abwehrstoffe gegen Corona zu erkennen, und sie auch zu geben. Der Arzt sagt, dass er mit dieser Technik sogar auf Wochenmärkten unterwegs sei und dort unbemerkt Menschen gegen Corona impfe. Das sei nach seinen Worten sein "Kampf gegen Corona". Die Menschen hätten nach seiner "Impfung" Antikörper gegen Covid-19 und seien geschützt.

Ein Man hält in einem Behandlungsraum den Arm eines Patienten in die Luft, davor ist ein Schreibtisch mit einem aufgeklappten Laptop. © NDR
Der Arzt meint, dass er in einem "kinesiologischen" Verfahren die Muskeln "kalibrieren" kann.
Arzt "kalibriert" Muskeln

Und dann sind wir dran. Er führt aus, dass er in einem "kinesiologischen" Verfahren die Muskeln "kalibriere". Wir sollen immer wieder den Arm heben, und er versucht ihn dann herunter zu drücken. Wenn wir es schafften, ihn oben zu halten, sei die "kinesiologische Antwort" ein "Ja", andernfalls ein "Nein". Nicht er sei für diese Kräfte verantwortlich, erklärt er. Sondern diese Kräfte kämen "von oben". Dann fragt er: "Sind Sie gegen alle Arten von Covid-19 oder Sars-Cov-2 immun?" Und gibt selbst die Antwort: Da er es nicht schaffe, den Arm herunter zu drücken, sei die Antwort eindeutig. Er brauche uns nicht mehr zu impfen, weil wir schon gegen Corona immun seien - und das gelte wahrscheinlich sogar lebenslang.

Beleg für Wirksamkeit fehlt

Der Infektiologe Prof. Helmut Fickenscher zieht die Augenbrauen hoch, als er die Aufnahmen von dem Termin sieht. Zwar solle man in der Wissenschaft für neue Behandlungen offen sein, sagt er, "gewisse Grundregeln müssen aber unbedingt eingehalten werden". Und: "Hier fehlt es am Beleg für eine Wirksamkeit. Das ist nicht sauber." Der Präsident der Ärztekammer Professor Herrmann geht noch weiter. "Das ist unglaublich, dass das ein Arzt anbietet. Damit verstößt er gegen sein Berufsrecht." Die Ärztekammer sieht in diesem Fall aus Kiel ein Beispiel für eine bedrohliche Entwicklung. Immer häufiger würden sich Ärzte dieser "Bewegung" anschließen. So gibt es immer mehr Berichte über Ärzte, die Corona leugnen, deswegen ohne Maske in Seniorenwohnheimen gehen, und aus Gefälligkeit Atteste für eine Entbindung von der Mund-Nasenbedeckung ausstellen. "Das ist gefährlich", warnt Professor Herrmann.

Strafrechtliche Komponente?

Und der Arzt aus Kiel erzählt noch mehr: Er sagt uns, dass er auf die gleiche Art und Weise auch gegen Masern impfen könne und dieses auch praktiziere. "Damit bekommt es noch eine ganz andere Dimension", sagt der Medizinrechtler Sebastian Graf von Kielmansegg von der Uni Kiel. Denn bei Masern gebe es schon eine wirksame Impfung. Wenn der Arzt darüber nicht aufkläre, dann bekomme der Fall sogar eine "strafrechtliche Komponente".

Arzt möchte kein Interview geben

Eine Aufklärung über schulmedizinische Alternativen oder den aktuellen Stand der Wissenschaft haben wir nicht bekommen. Aber wir müssen bezahlen: 20 Euro für die "Impfung". Bar und ohne Quittung. Nach der Behandlung und dem verdeckten Dreh haben wir den Arzt nach einem Interview gefragt. Dazu war er nicht bereit. Auch auf unsere schriftlichen Fragen antwortete er nicht. Die Ärztekammer hat nun ein Prüfverfahren gegen ihn eingeleitet. Am Ende kann auch ein Berufsverbot stehen.

Laborergebnis: keine Antikörper im Blut

Wir haben uns vor ein paar Tagen schließlich noch in einem Labor auf Antikörper testen lassen. Die hatte er uns immerhin versprochen. Das Ergebnis: zweimal negativ. Keiner von uns hat Antikörper gegen Covid-19 im Blut.

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Schleswig-Holstein Magazin | 01.10.2020 | 19:30 Uhr

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