Stand: 15.07.2019 05:00 Uhr

Internetkonzerne erschweren Glasfaserausbau

von Jörn Schaar

Die Bürgermeisterin von Hennstedt (Kreis Dithmarschen), Anne Rieke (FDP), ist genervt: "Wir hatten uns gerade überlegt, wie wir in der Gemeinde für den Breitbandausbau werben wollen, da ging das los." Menschen in Telekom-Jacken gingen von Haustür zu Haustür und warben für die Angebote der Telekom, verteilten Flyer für eine Verkaufsaktion am Info-Mobil auf dem Supermarktparkplatz. "Das ist für uns ein Problem, weil das den Ausbau hier im Ort und in den umliegenden Gemeinden verzögern kann", sagt Rieke.

Hartnäckiges Buhlen um Internetkunden keine Ausnahme

So wie in Hennstedt läuft es in vielen Gemeinden in Schleswig-Holstein und bundesweit: Weil die großen Anbieter sich aus wirtschaftlichen Gründen gegen einen Breitbandausbau entscheiden, gründen sich Zweckverbände. Die versuchen, eine bestimmte Anzahl von Vorverträgen zu schließen, damit es sich lohnt, Glasfaserleitungen in die Häuser zu legen. Während dieser Vermarktungsphase werben die großen Internetanbieter massiv um Kunden. Jemand, der einen neuen 24-Monats-Vertrag abgeschlossen hat, wird keinen Vorvertrag mehr beim Breitbandzweckverband unterschreiben.

Ab wann lohnt sich der Ausbau?

Aber auch die Zweckverbände müssen wirtschaftlich denken, erklärt der Geschäftsführer des Breitbandkompetenzzentrums in Kiel, Richard Krause. Denn der Verband beauftragt den Bau der Netze und verpachtet sie an einen Dienstleister, der sie betreibt. Es muss also im Interesse des Verbandes sein, dass der Dienstleister seine Pacht auch bezahlen kann. Deshalb werden vor der endgültigen Ausbauentscheidung Vorverträge abgeschlossen. Eine Mindestanzahl dieser Vorverträge ist nötig, um sicher zu sein, dass sich der Ausbau in einem Vermarktungsgebiet lohnt, das oft aus mehreren Orten besteht. "Das ist für uns ein Problem, denn daran hängt hier im ländlichen Raum unsere Zukunft", klagt Bürgermeisterin Rieke.

Völlig legales Vorgehen

Dagegen können die Gemeinden nichts tun: "Das ist eben der Markt, jeder kann für seine Produkte werben und es ist nicht verboten, das dort zu tun, wo ein Breitbandzweckverband aktiv wird", erklärt der Breitband-Experte Krause. Das sei auch nicht auf die Telekom beschränkt, auch Vodafone Kabel Deutschland wende diese Methoden an. "Dabei sind das in der Regel Subunternehmen, die ihre Mitarbeiter mit dem Auto in einen Ort bringen und die schwärmen dort aus und gehen in Zweier-Teams von Haustür zu Haustür", sagt Krause. Pro abgeschlossenem Vertrag bekommen die Verkäufer eine Provision.

Dörfer brauchen Kümmerer

"Mir wurde aus Jevenstedt berichtet, das ein und derselbe Mitarbeiter montags in einer Telekom-Jacke vor der Tür stand, mittwochs mit der Vodafone-Jacke und donnerstags wollte er Stormverträge verkaufen", sagt Krause. Er rät den Gemeinden zum dörflichen Zusammenhalt: Man brauche Kümmerer im Ort, Leute die aus dem Sportverein oder sonst wie bekannt sind. "Wenn die für den kommunalen Zweckverband werben, hat das ein ganz anderes Gewicht", so Krause. Bisher habe es aber erst einen Fall in Schleswig-Holstein gegeben, bei dem die Anschlussquote nicht erreicht wurde und letztlich kein Breitband-Internet verlegt wurde. Überall sonst dauere es eben ein wenig länger.

Weitere Informationen
NDR Info

Schnelles Internet für Nordfriesland

NDR Info

Viele Einwohner von ländlichen Regionen leiden unter einer schlechten Internetanbindung. Im südlichen Nordfriesland haben Bürger und Kommunen das Problem selbst in die Hand genommen. mehr

Bürgermeisterin kämpft für schnelles Internet

Zu wenig Interessenten für schnelles Internet: Der Gemeinde Tellingstedt droht, nicht ans Glasfasernetz angeschlossen zu werden. Die Bürgermeisterin kämpft für die 1000-MBit/s-Leitungen. mehr

Panorama 3

Falsche Förderung: Warum im Norden das Netz lahmt

Panorama 3

50 Mbit/s für alle Haushalte bis Ende 2018 - das war das Ziel der Bundesregierung. Doch besonders auf dem Land gibt es nach wie vor große Geschwindigkeitslücken. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.07.2019 | 08:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:18
Schleswig-Holstein Magazin

Erntepressekonferenz 2019 in Bösdorf

Schleswig-Holstein Magazin
02:24
Schleswig-Holstein Magazin
02:18
Schleswig-Holstein Magazin