Stand: 28.05.2020 12:00 Uhr  - NDR Info

Prien: "Wir beschulen weiter unter Pandemie-Bedingungen"

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Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat die Pläne für die Grundschulen in Schleswig-Holstein am Mittwoch vorgestellt.

In Schleswig-Holstein sollen alle Grundschüler vom 8. Juni an wieder täglich im Klassenverband unterrichtet werden. Hygieneregeln sollen weiterhin gelten, aber die Abstandsregeln sollen dabei aufgegeben werden. Hintergrund für die Lockerungen sei die niedrige Zahl der neuen Corona-Infektionen in Schleswig-Holstein, so die Landesregierung. Die Reaktionen auf die rasche Öffnung der Grundschulen stößt auf gemischte Reaktionen. Viele Eltern freuen sich, dass das "Homeschooling" endet, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht die Lockerungen kritisch. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) stellte sich den Fragen dazu im Interview auf NDR Info.

Frau Prien, auf welcher Grundlage haben Sie die Entscheidung getroffen?

Karin Prien: Wir haben im März viele Beschränkungen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung der Pandemie eingeleitet, um das Ziel "Flatten the Curve" zu erreichen. Dazu gehörten auch Schul- und Kita-Schließungen. Inzwischen haben wir ein sehr niedriges und langsames Infektionsgeschehen in Schleswig-Holstein und gehören sogar zu den drei Bundesländern in Deutschland, die das niedrigste Infektionsgeschehen haben. Wir haben uns Woche um Woche beraten - auch mit unseren wissenschaftlichen Experten. Dabei sind wir zu dem Ergebnis gelangt, dass es jetzt geboten ist, den kleineren Kindern, die sich mit dem digitalen Lernen schwertun, den Zugang zu Bildung wieder zu ermöglichen. 

Die niedrigen Infektionszahlen sind aber nur eine Momentaufnahme. Das kann in der nächsten Woche schon wieder ganz anders aussehen, oder?

Prien: Wir beobachten das Infektionsgeschehen natürlich. Wir beobachten die Entwicklung zum niedrigen Infektionsgeschehen ja nicht erst seit heute oder gestern, sondern seit einigen Wochen.

Aber vor einigen Wochen waren die Schulen noch geschlossen ... 

Prien: Wir haben am 20.4. wieder angefangen, die Schulen sukzessive zu öffnen. Wir haben in Schleswig-Holstein einen Vier-Phasen-Plan. Jetzt sind wir mitten in der dritten Phase, und ich kann erfreulicherweise sagen, dass wir nicht einen einzigen Erkrankungsfall an einer Schule hatten - weder in der Notbetreuung noch in anderen Formaten.

Was ist, wenn Eltern beispielsweise sagen: Wir wollen dieses Risiko nicht eingehen?

Prien: Darauf nehmen wir Rücksicht. Wenn Kinder oder Großeltern einer Risikogruppe angehören, dann geben wir den Eltern die Möglichkeit, ihre Kinder vom Schulunterricht befreien zu lassen. Selbst wenn Eltern, Kinder oder deren Angehörige nicht zu einer Risikogruppe gehören, gibt es die Möglichkeit, eine Beurlaubung zu erwirken. Wir wissen aber aus Sachsen, wo man die Praxis, die wir ab dem 8. Juni planen, schon seit dem 18. Mai fährt, dass dort fast alle Eltern ihre Kinder in die Schule schicken.

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Die bisherigen Abstandsregeln sollen in den Klassen nicht mehr gelten, aber wildes Toben auf dem Schulhof soll nicht stattfinden. Wie passt das zusammen?

Prien: Wir beschulen natürlich weiter unter Pandemie-Bedingungen. Das heißt, wir legen größten Wert darauf, dass wir im Falle einer Infektion sofort nachvollziehen können, mit wem Kinder in der Schule zusammen gewesen sind. Deshalb werden wir den Unterricht ab dem 8. Juni nur in festen Lerngruppen abhalten - also im Klassenverband oder in anderen Lerngruppen, wenn sie jahrgangsübergreifend sind. Damit wissen wir immer genau, wer mit wem zusammen gewesen ist. Das ist eine zwingende Voraussetzung für das, was wir planen.

Haben Sie diesen Plan mit anderen Bundesländern abgestimmt?

Prien: Wir sind im ständigen Kontakt mit den anderen Bundesländern. Die Sachsen haben diesen Weg vor uns beschritten, und wir lassen uns auch von dort ständig berichten. Aber auch die Kolleginnen und Kollegen etwa in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt planen ähnliche Schritte, wie wir sie für den 8. Juni vorsehen.

Es kann also sein, dass in Hamburg weiter strenge Abstandsregeln gelten und ein paar Meter weiter in Schleswig-Holstein nicht. Wie ist das Eltern zu erklären?

Prien: Wir haben ein unterschiedliches Infektionsgeschehen in Hamburg und Schleswig Holstein. Es ist auch nicht die erste Maßnahme in der Corona-Krise, die in Hamburg anders gehandhabt wird als in Schleswig-Holstein. In diesem Fall ist es eine ausgesprochen nützliche Angelegenheit, weil wir nämlich auf regionale Unterschiede gut reagieren können.

Sie heben die Abstandsregeln an den Grundschulen auf, sind diese dann in Schleswig-Holstein auch an anderer Stelle nicht mehr nötig? Beispielsweise beim Sport?

Prien: Nein. Bei den Schulschließungen und den anderen Maßnahmen, die wir im März ergriffen haben, ging es immer darum, mit diesen unterschiedlichen Maßnahmen das Pandemiegeschehen in den Griff zu kriegen. Wenn wir alles gleichzeitig aufheben, dann besteht tatsächlich die Gefahr, dass wir einen Rückfall erleben. Wir müssen weiterhin behutsam schauen, welche Dinge möglich und welche nicht möglich sind. Ich sage ganz deutlich: Das Recht auf Bildung für Kinder und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben einen so hohen Stellenwert für uns als Landesregierung, dass wir hier eine klare Priorität setzen.

Das Interview führte Stefan Schlag

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NDR Info | 28.05.2020 | 07:20 Uhr

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