Stand: 23.11.2018 00:01 Uhr

Die emsigen Müllsammler aus Bad Segeberg

von Janine Artist, NDR Info

Bei der Hörer-Aktion "Nicht meckern, machen!" hat NDR Info Initiativen, Vereine oder Menschen aus dem Norden gesucht, die etwas bewegt und so Dinge zum Besseren verändert haben. Aus den vielen Zuschriften sind sechs Initiativen ausgewählt worden. Gemeinsam mit den vier norddeutschen Tageszeitungen "Hannoversche Allgemeine Zeitung", "Hamburger Abendblatt", "Kieler Nachrichten" und "Ostsee-Zeitung" stellen wir die sechs Projekte vor. Dieses Mal geht es um Margrit und Erwin Prochnow aus Bad Segeberg, die Müll aufsammeln.

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Margrit und Erwin Prochnow aus Bad Segeberg wollen, dass ihre Stadt sauber ist.

Mit energischer Miene und den Blick nach unten gerichtet geht Margrit Prochnow an einem Maschendrahtzaun mit Hecke entlang. In der rechten Hand hält sie einen grün-grauen Greifer aus Plastik. Immer wieder bleibt sie kurz stehen, fischt Unrat vom Boden und lässt ihn kopfschüttelnd in einen roten Eimer fallen: "Plastik und Bonbonpapier gehört einfach nicht in die Natur, das muss nicht sein", sagt sie.

"Je nach Lust und Laune"

Ein paar Schritte hinter ihr bückt sich Ehemann Erwin Prochnow nach einem Kronkorken auf dem Gehweg. Die beiden sind häufig auf Müll-Tour in ihrer Stadt Bad Segeberg unterwegs: "Je nach Lust und Laune, und das Wetter soll mitspielen, dann ziehen wir los", erzählt er. "Es gibt also keinen festen Dienstplan."

Ein Ehepaar steht auf einer Straße. Die Frau hällt einen roten Eimer mit Müll in ihrer hand. Ihr mann bückt sich und hebt ein Stück Müll vom Boden auf. Rechts von ihnen ist eine grün-gelbliche Hecke zu sehen. © NDR Foto: Janine Artist

Die Prochnows räumen auf!

NDR Info - Aktuell -

Selbstlos gegen Müll: Das Ehepaar Margrit und Erwin Prochnow aus Bad Segeberg hebt selbstlos den Abfall anderer Menschen auf. Sie wollen, dass ihre Stadt sauberer wird.

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673 Flaschen auf einem Parkplatz

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Das Ehepaar sammelt überall, wo es "Schmuddelecken" entdeckt, Müll ein.

Entdeckt das Paar bei Spaziergängen oder Radtouren eine "Schmuddelecke", rückt es kurze Zeit später aus, um diese zu beseitigen - manchmal zusammen, manchmal getrennt voneinander.

Neben dem Parkplatz einer Disco hat Margrit Prochnow einmal 673 Schnapsflaschen eingesammelt. Zu dem Altglas kam noch weiterer Abfall, der 17 blaue Säcke füllte. Der Club-Betreiber kümmerte sich dann auf Drängen der 75-Jährigen um die Entsorgung. Auch mit der Stadtverwaltung gab es anfänglich Probleme, wie die Segebergerin berichtet. So sei es zum Beispiel schwierig gewesen, ausreichend Müllsäcke zu bekommen: "Aber nach einigem Hin und Her hat sich das Problem dann aufgelöst. Und jetzt akzeptiert die Stadt unser Tun und begrüßt es denke ich auch." 

Einige Passanten schauen beschämt weg

Wenn die Prochnows auf öffentlichen Wegen und Grünflächen aufräumen, stellen sie den Abfall mittlerweile neben Papierkörben ab - und die Müllabfuhr nimmt ihn mit. Auf das ungewöhnliche Engagement reagieren Passanten ganz unterschiedlich. "Es gibt Anerkennung von einigen Bürgern, die stehen bleiben und sagen: 'Das finden wir toll, was Sie hier machen'", erzählt Erwin Prochnow. Es gebe aber auch die anderen, die einen Bogen um sie machten. "Müllsammeln ist so die absolut niedrigste Tätigkeit, die man sich vorstellen kann, und mit Müllsammlern möchte man nicht viel zu tun haben", sagt er. "Aber gut, das hindert uns nicht daran, unserer Sache treu zu bleiben."

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Dies ist die Ausbeute eines 15-minütigen Müll-Rundgangs.

Manchmal kommt es dem 81-Jährigen und seiner Frau wie ein Kampf gegen Windmühlen vor. Stellen, an denen sie gerade erst gesäubert haben, vermüllen oft schnell wieder. "Es könnte alles so schön sein in unserer tollen Natur, aber der Mensch beherzigt das nicht", beklagt Margit Prochnow.

Jeden Tag eine gute Tat

Die Mengen an Unrat sind enorm. Auch an diesem Tag ist der rote Eimer schon nach gut einer Viertelstunde fast voll: Plastikbecher mit Mickey Mouse, Nutella-Sticks-Verpackung, Bierflaschen, Gummibärchen-Tüte, Zigarettenschachteln, Coffee-to-go-Becher, Strohhalme, Brötchentüte. Aber Margrit und Erwin Prochnow wollen nicht aufgeben, wollen anderen Vorbild sein: "Versuche jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen", sagt Erwin Prochnow. "Das empfinde ich als meinen inneren Auftrag."

Aktion "Nicht meckern, machen!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 23.11.2018 | 07:50 Uhr

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