Stand: 11.02.2018 09:50 Uhr

Das Reet ist reif: Ernte läuft auf Hochtouren

von Katrin Bohlmann

Seine selbst gebaute Reeternte-Maschine könnte den Werner-Filmen entstammen: Gigantisch große und extrem breite schwarze Reifen. Es sieht aus wie ein riesiges Dreirad. Der Motor stammt aus einem alten VW-Käfer. Mit dieser Selfmade-Maschine fährt Reetbauer Harald Benett ins Schilf am Uferbereich im Lübecker Schellbruch. Die Reifen schwanken trotz Frost auf dem weichen Sumpfboden. "Damit komme ich überall durch. Die Maschine kann sogar schwimmen", erzählt der 53-Jährige. Das Wetter spielt zurzeit gut mit. Es ist nicht zu kalt und nicht zu nass für die Reeternte. "Das Wichtigste ist Trockenheit. Wir brauchen Sonne, so dass die Reethalme trocken sind und schön knistern. Wenn sie sich in der Sonne hin- und her wiegen, ist das optimal", sagt er.

Mit der Drei-Reifen-Maschine auf Reeternte

Reeternte beginnt meist erst im Januar

Die Zeit drängt. Die Reetbauern haben nur ein kurzes Zeitfenster zum Ernten, in der Praxis sind es oft nur knapp acht Wochen. Das Schilf liegt oft in Naturschutzgebieten. Laut Gesetz ist die Reeternte zwar von Mitte Oktober bis Ende Februar genehmigt. Danach ist es verboten - zum Schutz der Vögel. Doch oft ist es bis Ende Dezember noch zu nass und die Blätter sind noch zu grün. Das heißt, die Hochkonjunktur der Reeternte beginnt erst im Januar.

Harald Benett bewirtschaftet eine Schilffläche von zehn Hektar. Mehrere Tausend Bund Reet erntet der Lübecker Landwirt aus dem Stadtteil Israelsdorf in der Kürze der Zeit. Oft hilft ihm seine Frau bei der Ernte. Sie steht auf der Maschine direkt am Mähwerk. "Das gibt mir die fertigen Bunde, spuckt sie regelrecht aus. Die Bunde sind schon mit einem Band geknotet. Die nehme ich dann ab und gebe sie meinem Mann. Die werden dann zu einem großen Paket auf der Maschine gestapelt", erklärt Kirsten Benett ihren Job.

Nur noch eine Handvoll Reetbauern im Land

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Wie man Reet erntet, hat Harald Benett schon als Kind gelernt.

Die Lübecker Landwirtsfamilie erntet in der dritten Generation Reet. Harald Benett macht es seit 25 Jahren. Schon als Kind hat er dabei geholfen. Damals war es reine Handarbeit. Und früher war die Reetwirtschaft für viele Bauern ein willkommener Nebenerwerb im Winter. "Das ist schon lange nicht mehr so", sagt Benett. "Es hat einfach zu viele Auflagen gegeben, zu viele Flächen in Schleswig-Holstein sind zu stark unter Schutz gestellt worden", kritisiert der 53-Jährige. "Deshalb wurde es für die Reetbauern immer schwieriger. Viele haben dann aufgehört. Das war zu viel Aufwand, zu anstrengend, zu viel Last." Offizielle Zahlen zu den Reetbauern in Schleswig-Holstein gibt es nicht. Weder die Landwirtschaftskammer noch das Landwirtschaftsministerium führen dazu eine Statistik.

Kulturlandschaft Reet lange Zeit bedroht - jetzt wieder im Trend

Im Laufe der Jahre sind immer mehr Schilfflächen verschwunden, da sie nicht mehr gepflegt wurden. Die Pflanzen brechen zusammen, verfaulen, gehen also ein. Mittlerweile hat es aber ein Umdenken gegeben. Das Schilf soll wieder wachsen in Schleswig-Holstein. "Die Frage ist nur, wie man Flächen, die schon seit Längerem nicht mehr geschnitten worden sind, wieder als landwirtschaftliche und damit auch als Naturschutzfläche nutzen kann", fragt sich Biobauer Benett. "Schilf fördert die Artenvielfalt. Es sind Kulturlandschaften mit einer Funktion für die Tierwelt." Im Eider-Treene-Sorge-Gebiet sind laut Benett bereits wieder neue Schilfflächen entstanden. Es fehlt aber nach wie vor an Bauern, die ernten wollen.

Preise schwanken wie bei Milch

Das Reet von Harald Benett ist ausschließlich für Dächer bestimmt - vom Vogelhäuschen bis zum Einfamilienhaus. Dachdecker und Privatleute aus ganz Schleswig-Holstein kaufen sein Reet. Ein Bund ist 1,70 Meter lang und gut 60 Zentimeter dick. Es kostet rund drei Euro. "Die Preisentwicklung ist aber wie bei der Milch: ein Auf und Ab." Die Erträge und der Schilfbestand sind zurückgegangen. Der Bedarf ist aber gestiegen. Die Folge: Schilf aus Osteuropa, der Türkei und China wird importiert.

Benett erzählt, dass das das Material nicht ausschlaggebend ist bei der Kosten für Reetdächer, sondern die Verarbeitung. Das Aufdecken kostet pro Quadratmeter ungefähr 70 Euro. "Das heißt: Ein Quadratmeter Reetdach kostet 100 Euro", rechnet Benett vor.

Containerweise China-Reet im Hamburger Hafen

Mit rund 300.000 Bund im Jahr deckt die schleswig-holsteinische Reetproduktion nur noch einen kleinen Teil des Bedarfs. "Dachdecker schwören mittlerweile auf Reet aus China. Dort kann es sogar zweimal im Jahr geerntet werden. Containerweise landet das Reet im Hamburger Hafen und wird auf Schleswig-Holsteins Dächer gebracht", klagt der Lübecker Reetbauer.

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Auch wenn die Reet-Konkurrenz aus China stark ist: Harald Benett wird sein Reet immer gut los, erzählt er.

Harald Benett will auch weiterhin sein Schilf im Lübecker Schellbruch schneiden. Abnehmer finde er immer. Außerdem sei das Reeternten eine Familientradition, sagt er, steigt auf seine selbst gebaute Drei-Reifen-Erntemaschine und fährt ins Schilf im Lübecker Schellbruch. Gut zwei Wochen hat er noch Zeit.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 09.02.2018 | 20:40 Uhr

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