Künstliche Intelligenz: Wie ein Chatbot die FH Kiel umkrempelt

Stand: 16.01.2023 11:00 Uhr

Ob als Sprachassistent im Smartphone oder Navigation im Auto: Künstliche Intelligenz ist längst Teil unseres Alltags. Mit dem Chatbot ChatGPT findet nun eine digitale Revolution statt.

von Karen Münster

Es ist Prüfungsphase an der Fachhochschule (FH) Kiel. Für den Studenten Finn Kornath bedeutet das: viele Stunden lernen, Prüfungen absolvieren und Hausarbeiten schreiben. In diesem Semester muss er dafür aber weniger Zeit einplanen. Der Grund: Ein digitaler Schreib-Assistent namens ChatGPT leistet Unterstützung. "Das ist eine künstliche Intelligenz, die mit ganz neuen Eigenschaften daher kommt", so Kornath. Auf den ersten Blick sieht ChatGPT wie eine ganz normale Website aus. Hinter der unscheinbaren Eingabemaske verbirgt sich jedoch eine künstliche Intelligenz mit bisher ungeahnten Fähigkeiten.

Ein Student sitzt vor einem Laptop und arbeitet mit ChatGPT. © NDR
Student Finn Kornath kann dem Chatbot beim künstlichen Denken zusehen, wenn der Schreib-Assistent Texte verfasst.

"Man muss sich das so vorstellen: Ich gebe der Anwendung einen Befehl. Zum Beispiel 'Schreibe meinem Freund Felix einen Brief', so Kornath. Nach wenigen Sekunden lässt sich ChatGPT bereits beim künstlichen Denken zusehen und verfasst einen ersten Entwurf. Dass ein Chatbot auf Angaben reagiert, ist laut Kornath erstmal keine Innovation. "Besonders ist aber, wie präzise und zügig jede meiner Eingaben umgesetzt wird. Je mehr Angaben ich mache, desto besser wird das Produkt." Im Dialog zwischen Mensch und Maschine entsteht so ein ganz neuer, eigener Text. Die Abkürzung "GPT" steht dabei für "Generative Pre-training Transformer", denn gelernt hat der Chatbot die menschenähnliche Kommunikation durch unzählige Streifzüge durch das Internet und das Lesen von zahlreichen Texten.

An Fachhochschule Kiel bereits im Einsatz

Doris Wessels, Professorin für Wirtschaftsinformatik FH Kiel. © NDR
Professorin Doris Weßels hält wenig von Nutzungsverboten der künstlichen Intelligenz an Hochschulen.

ChatGPT kann nicht nur Briefe, sondern auch Gedichte, Bedienungsanleitungen oder Programmcodes schreiben. Finn Kornath hat sogar schon eine Hausarbeit mit dem frei zugänglichem Chatbot verfasst. "Klar, man musste dann noch einige Dinge anpassen. Aber grundsätzlich ist es möglich, auch wissenschaftliche Texte mit der KI zu schreiben", so der Student. Eine Hausarbeit mit fremder Hilfe verfassen - eigentlich nicht erlaubt. Seine Professorin Doris Weßels hat ihm die Nutzung von ChatGPT aber ganz bewusst zur Aufgabe gestellt. Von denkbaren Nutzungsverboten der künstlichen Intelligenz an Hochschulen hält sie nichts. "Aus meiner Sicht wäre das ein Zeichen der Überforderung. Wir wollen ja auch die digitale Kompetenz unser Studierenden fördern. Was wir brauchen ist also eher die gegenteilige Strategie: Wir müssen jetzt volle Kraft voraus rennen und die Tools in die Lehre integrieren", so die Professorin für Wirtschaftsinformatik an der FH Kiel.

Lehre muss sich anpassen

Laut Weßels muss an Hochschulen und Universitäten nun zwangsläufig über neue Standards für die Bewertung wissenschaftlicher Arbeiten diskutiert werden. "Bisher gibt es keine klaren Richtlinien, wie Studierende den Einsatz einer KI in ihren Hausarbeiten kennzeichnen sollen. Und das müssen wir dringend ändern". Die klassische Hausarbeit, so Weßels, werde langfristig wohl eher durch Prüfungen mit mehr Praxisbezug ersetzt. "Es muss ja auch eine gewisse Eigenleistung hinter einer solchen Prüfung stecken. Und wenn mit ChatGPT wissenschaftliche Arbeiten verfasst werden, können wir Prüfenden ohne eine ausreichende Kennzeichnung nicht erkennen, ob der Studierende oder die KI den Text geschrieben hat", so Weßels. An der Fachhochschule Kiel diskutieren sie deshalb schon jetzt über neue Arten der Quellen-Kennzeichnung.

ChatGPT könnte Arbeitswelt verändern

Doch nicht nur Hochschulen, auch die Arbeitswelt wird ChatGPT wohl verändern. Jan Girlich vom Chaos Computer Club Hamburg ist überzeugt, dass alle möglichen Berufsgruppen betroffen sein werden. "Ich denke da vor allem an die Kreativindustrie. Also Autorinnen, Songwriter, Journalistinnen, aber auch an die Werbeindustrie. Also an alle Berufsfelder, die Texte produzieren müssen", so Girlich. Mit der Sprach-KI ließen sich Texte zwar um ein vielfaches schneller produzieren. Gleichzeitig warnt er davor, dem Wahrheitsgehalt der KI-Produkte zu sehr vertrauen. "Noch sind die Texte inhaltlich wenig bis gar nicht fundiert. Das heißt, wir müssen alle Informationen nochmal prüfen." Das Programm ist aktuell auf dem Stand der Daten von 2021.

Im Frühjahr Update geplant

Bisher liegt ChatGPT nur in einer Testversion vor. Das Unternehmen OpenAI, das ChatGPT entwickelt hat, kündigte jedoch schon ein weiteres Update an. Schon jetzt hat die Plattform mehrere Millionen Nutzer.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 13.01.2023 | 19:30 Uhr

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