Ein weißer Zettel mit Text hängt an einem Baum im Flensburger Bahnhofswald. © NDR Foto: Lukas Knauer

Baumbesetzer bremsen Bauprojekt in Flensburg

Stand: 29.11.2020 06:00 Uhr

Seit Anfang Oktober besetzen Demonstranten den kleinen Wald am Flensburger Bahnhof. Hier sollen Bäume für ein Hotel gefällt werden.

von Lukas Knauer

Die Karabiner haken ein, das Seil ist straff. Eike setzt ihren rechten Fuß in die Schlaufe und zieht sich nach oben - in Richtung Baumhaus. Das liegt in etwa sechs Metern Höhe. Eike ist eine von zurzeit 15 Aktivisten, die den sogenannten Bahnhofswald in Flensburg besetzen. Dafür haben sie Baumhäuser gebaut und Plakate gebastelt. Hintergrund ist der geplante Bau eines Hotels samt Parkhaus, für das - laut Stadt - 64 Bäume gefällt werden sollen. "Wir finden es total unnötig in Zeiten der Klimakrise ein weiteres Parkhaus zu bauen, das wieder den motorisierten Individualverkehr fördert", findet Aktivistin Eike. Hotels sind aus ihrer Sicht in Flensburg zur Genüge vorhanden. "Dass dafür nun ein intaktes Waldbiotop zerstört werden soll, können wir nicht nachvollziehen", betont sie. "Kleine Wälder in der Stadt tragen zur Kühlung des Stadtklimas bei. Und das muss erhalten bleiben."

Bürgerinitiative hält Mahnwache

Vogelperspektive auf ein Waldgrundstück mit Hotelneubau in Flensburg © Jara Immobilien Foto: Jara Immobilien

AUDIO: Umweltschützer wollen Bahnhofswald weiter besetzen (2 Min)

Die Debatte um die etwa eineinhalb Fußballfelder große Fläche läuft bereits seit mehr als drei Jahren. In dieser Zeit formierte sich auch eine Bürgerinitiative gegen das geplante Bauprojekt von zwei Flensburger Investoren. Thomas Gädecke wohnt in der Schleswiger Straße, die oberhalb des Bahnhofswaldes verläuft, und engagiert sich in der Bürgerinitiative. Nun sitzt der pensionierte Kulturhistoriker in einem Klappstuhl auf dem Bürgersteig vor dem besetzten Wald - er hält eine bei der Stadt angemeldete Mahnwache. "Hier kommen immer Menschen vorbei, die ich auf die Situation hier anspreche. Von denen bekommen wir wirklich viele Sympathien und Unterstützung entgegengebracht. Es ist auch immer wieder reizend, wenn mal ein Auto anhält und 20 Euro in unsere Spardose gibt." Die Bürgerinitiative plant, rechtlich gegen den Bebauungsplan der Stadt vorzugehen. Sie sammelt daher Spenden

Villenbesitzer treffen auf Anarchisten

Thomas Gädecke freut sich über die unerwartete Hilfe der "jungen Leute", also der Baumbesetzer, wie er selbst sagt. "Ich bin total fasziniert von dieser Entschlossenheit, mit der ab 1. Oktober hier die Baumhäuser gebaut wurden", meint Gädecke. Außerdem habe er in den vergangenen Wochen so viele unterschiedliche Lebensentwürfe kennenlernen dürfen, das empfinde er als unglaublich bereichernd. Genau diese Konstellation findet die Sprecherin der Baumbesetzer, Hanna Poddig, allerdings auch ein bisschen skurril: "Dass die Leute aus den Villen an der Schleswiger Straße jetzt mit - ich sage mal - eher anarchistischen Aktivist*innen zusammenkommen, das ist natürlich etwas, das nur hier funktionieren kann und sonst nicht so einfach passiert wäre."

Bau des geplanten Hotels politisch abgesegnet

Trotz des bunten Protests ändert sich aber nichts an der Tatsache, dass der Bau des geplanten Hotels bereits Ende Juni dieses Jahres von der Flensburger Ratsversammlung abgesegnet wurde. Die Baumbesetzer begehen also Hausfriedensbruch. Protestlerin Eike ist das aber ziemlich egal: "Im Idealfall bleiben wir natürlich hier, bis das Bauprojekt nicht umgesetzt wird - eben so lange, wie wir können." Man nehme die Proteste vor Ort zur Kenntnis, hieß es auf Anfrage von einem Sprecher der Stadt Flensburg. Man wisse allerdings auch, dass das Thema bereits in der Vergangenheit in den unterschiedlichsten Gremien der Stadt kontrovers diskutiert wurde.

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Investitionsvolumen beträgt 50 Millionen Euro

Die Fronten bleiben also verhärtet, denn auch die beiden Flensburger Investoren, Jan Duschkewitz und Ralf Hansen, wollen weiter an ihren Plänen festhalten. Das bekräftigten sie nochmals in einer Ende Oktober ausgestrahlten Diskussionsrunde im Offenen Kanal. Eine Anfrage von NDR Schleswig-Holstein blieb bislang unbeantwortet. Zwar müssten für das Bauvorhaben Bäume gefällt werden - trotzdem überwiegen ihrer Meinung nach die Vorteile für die Stadt Flensburg - Stichwort: 100 neue Arbeitsplätze, neue Parkmöglichkeiten und die Aufwertung des Flensburger Bahnhofsviertels. "Wir möchten keine Konfrontation und eine friedliche Lösung", bekräftigten die Investoren in der Sendung. Für die beiden steht viel auf dem Spiel, denn das Investitionsvolumen für das geplante Hotel samt Parkhaus, beläuft sich auf rund 50 Millionen Euro.

Wann ist ein Baum ein Baum?

Waldgebiet in Flensburg © Lukas Knauer
Bäume, die fürs Bauvorhaben weichen sollen, sind teilweise mehr als 140 Jahre alt.

Die 64 Bäume, die für das Bauvorhaben weichen sollen, sind teilweise mehr als 140 Jahre alt. Dafür wollen die Investoren die vierfache Menge neu anpflanzen. Doch auch hier hakt es, denn die Aktivisten und die Bürgerinitiative zählen ganz anders. "Eigentlich sprechen wir hier von mehreren hundert Bäumen, die gefällt werden sollen", sagt Sprecherin Hanna Poddig. "Das liegt an der Baumschutzsatzung der Stadt Flensburg, die einen Baum erst ab einem gewissen Umfang auch wirklich als Baum erfasst."

BUND legt Widerspruch gegen Waldumwandlung ein

Damit überhaupt auf dem Gelände gebaut werden darf, musste der Wald zuvor "entwidmet" werden - ein formaler Verwaltungsakt. Dagegen hat nun allerdings der BUND Widerspruch eingelegt und ein 17-seitiges Schreiben mit mehr als 100 Seiten Anhang an die zuständige Behörde geschickt - in diesem Fall an das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR). Der Widerspruch werde zu Zeit noch geprüft, hieß es dort von einem Sprecher. Einen Zeithorizont gebe es noch nicht. "Die Kollegen machen das so schnell wie möglich." Den Waldbesetzern und der Bürgerinitiative verschafft das zusätzliche Zeit, denn so lange der Widerspruch läuft, dürfen die Investoren keine Bäume fällen.

Hambacher Forst in Flensburg?

Viel Wirbel also um einen kleinen Wald. Besetzer und Bürgerinitiative wollen mit ihrem gemeinsamen Protest allerdings auch ein Zeichen gegen die - aus ihrer Sicht - verfehlte Klima- und Verkehrspolitik der Stadt Flensburg setzen. Die Waldbesetzung erinnert dabei an die Proteste im Hambacher und Danneröder Forst - zumindest in Grundzügen. "Natürlich ist ein riesiges Waldgebiet, was dem Kohleabbau weichen soll oder einem Autobahnneubau, etwas anderes als so ein kleines Mini-Wäldchen mitten in der Stadt", gibt Hanna Poddig zu. "Dennoch werden in anderen Städten gerade 'tiny forests' extra angepflanzt und hier in Flensburg sollen Bäume abgeholzt werden - das verstehe wer will. Ich hoffe, wir sind mit unserer Aktion Teil eines Impulses, der eine neue Richtung gibt."

Ermittlungsverfahren gegen Baumbesetzer laufen bereits

Wie es mit der Baumbesetzung weitergeht und ob der Wald geräumt werden muss, ist noch offen. Nach Angaben der Baumbesetzer wird bereits gegen einzelne Demonstranten von Seiten der Polizei und Staatsanwaltschaft wegen Hausfriedensbruchs ermittelt. "Noch haben wir aber nichts Schriftliches dazu", sagt Sprecherin Hanna Poddig, dreht sich um und verschwindet im Flensburger Bahnhofswald.

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Vogelperspektive auf ein Waldgrundstück in Flensburg © Jara Immobilien Foto: Jara Immobilien

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 26.11.2020 | 08:00 Uhr

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