"Animal Hoarding": Wenn Menschen massenhaft Haustiere halten

Stand: 13.01.2022 16:46 Uhr

Hunde, Katzen, Kaninchen: In den vergangenen Jahren haben die Behörden in Schleswig-Holstein Hunderte Haustiere aus unzumutbaren Umständen befreit. Tierschützer warnen: Das Problem von "Animal Hoarding" nimmt zu.

von Johannes Tran

Wenn Monika Ehlers an die Bilder aus dem September 2019 zurückdenkt, muss sie schlucken. "Das war schon dramatisch“, sagt sie. Ehlers arbeitet im Tierheim Großhansdorf (Kreis Stormarn). Damals befreiten Ordnungsamt und Veterinäramt zusammen mit Mitarbeitern mehrerer Tierheime mehr als 100 Katzen aus einem verwahrlosten Haus. 27 dieser Katzen kamen in Ehlers‘ Tierheim unter, die übrigen in anderen Heimen.

Für die Mitarbeiter im Tierheim beginnt damit eine kraftraubende Zeit. "Wir haben alle Überstunden gemacht“, erinnert sich Ehlers. Die Katzen sind fast durchweg krank, viele sind unterernährt, haben steife Pfoten und leiden an Nierenschäden. Einem Tier muss ein Auge entfernt werden. Ehlers und ihre Mitarbeiter füttern die Katzen mit einem speziellen Diätfutter, um sie aufzupäppeln. Und sie versuchen, schrittweise Vertrauen zu den verstörten Tieren aufzubauen. Es dauert mehr als ein halbes Jahr, bis das Tierheim alle Katzen an neue Besitzer vermitteln kann.

Nur selten werden Fälle von "Animal Hoarding“ bekannt

Vor dem Amtsgericht Ahrensburg endete der Prozess gegen die beiden mutmaßlichen Halterinnen, eine 78 Jahre alte Frau und ihre 55-jährige Tochter, mit der Einstellung des Verfahrens. Unter der Auflage, dass beide jeweils 300 Euro an den Tierschutzverein Ahrensburg/Großhansdorf zahlen. Die Staatsanwaltschaft hatte den Frauen Verstöße gegen das Tierschutzgesetz vorgeworfen.

Nur sporadisch werden in Schleswig-Holstein Fälle bekannt, in denen Menschen massenhaft Haustiere gehalten haben - etwa Anfang des Jahres 2019. Damals befreiten Amtsveterinäre in Kiel mehr als 160 verwahrloste Tiere aus einer Drei-Zimmer-Wohnung - darunter 36 Katzen, 51 Meerschweinchen, 32 Kaninchen und Dutzende weitere Kleintiere. Tierschützer gehen aber davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer bei solchen Fällen gibt.

Viele Meerschweinchen gedrängt in einem Käfig. © Tierschutzverein Peine und Umgegend e.V. Foto: Heike Brakemeier
AUDIO: Tierschutzbund fordert konsequentes Durchgreifen (1 Min)

Sie horten Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen und Vögel

Das Phänomen heißt "Animal Hoarding": Menschen horten also zwanghaft massenweise Tiere. "Diese Fälle nehmen leider zu", sagt die Vorsitzende des Tierschutzbunds in Schleswig-Holstein, Ellen Kloth. Es gebe zwar nur eine Handvoll Fälle pro Jahr, dann würden aber oft gleich Dutzende kranker Tiere entdeckt.

Das Landesumweltministerium schreibt auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein, ihm lägen keine aktuellen Zahlen für derartige Fälle vor. Ein Sprecher verweist allerdings auf eine ältere Statistik: In den Jahren 2018 und 2019 wurden demnach insgesamt 796 Tiere in Schleswig-Holstein vor "Animal Hoarding" gerettet. Vor allem Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen und Vögel.

Tierschützerin: Tiere sollten schnell beschlagnahmt werden

Tierschützerin Ellen Kloth kritisiert, dass es oft zu lange dauere, bis die Behörden nach Hinweisen einschritten. "Es müsste konsequent durchgesetzt werden, dass die betroffenen Menschen Tierhalteverbot bekommen und die Tiere sehr schnell beschlagnahmt werden", fordert sie.

Der Fachdienstleiter des Veterinäramts im Kreis Stormarn, Frank Brinker, sagt hingegen, sein Amt gehe entsprechenden Hinweisen konsequent nach. "Wir schauen jedes Mal genau hin, was an einem Vorwurf dran ist", sagt Brinker. Sobald es Anhaltspunkte für "Animal Hoarding“ gebe, würden Mitarbeiter den Haltern Hausbesuche abstatten oder sie und die Tiere direkt vorladen. "Den Haltern fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass es ihren Tieren schlecht geht", sagt Brinker.

Anzeichen für Einsamkeit und Kontrollverlust

Das massenhafte Sammeln von Tieren sei in den meisten Fällen Ausdruck einer psychischen Erkrankung, sagt Arno Deister, der ehemalige Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe. "Die Menschen sind nicht in der Lage, eine gewisse Struktur zu halten. Durch das Horten versuchen sie, eine Struktur herzustellen, die sie innerlich nicht haben."

In vielen Fällen litten die Betroffenen unter Depressionen, berichtet Deister. "Ihnen entgleitet die Kontrolle über den Alltag." Außerdem könne "Animal Hoarding" der Versuch sein, einen Mangel an sozialen Beziehungen zu kompensieren. "Es ist die zwanghafte Suche nach Zuwendung von einem lebendigen Wesen", sagt der Psychiater. "Viele der Betroffenen fühlen sich einsam."

Betroffene erkennen nicht, dass sie überfordert sind

Dieser zwanghafte Sammeltrieb führe in der Regel zu einer Überforderung: Die Halter könnten sich nicht mehr angemessen um ihre Tiere kümmern. "Aber: Sie sind nicht in der Lage, ihre Überforderung zu erkennen", sagt Deister. Eine Therapie sei nötig, um den Sammelzwang zu überwinden. "Es reicht nicht aus, ihnen die Tiere einfach wegzunehmen. Man muss die dahinterliegenden Probleme angehen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.01.2022 | 08:00 Uhr

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