Stand: 26.08.2017 08:00 Uhr

30 Jahre Ölförderung mitten im Wattenmeer

von Rebekka Merholz

Von Büsum und Friedrichskoog sind die Umrisse im Wattenmeer gut erkennbar. Aus dem Wasser ragt ein quaderförmiges Gebilde mit einem hohen Kran: die Ölförderplattform Mittelplate. Vor 30 Jahren hat der Ölkonzern DEA sie in Betrieb genommen - und seitdem aus einer Tiefe von etwa 2.000 bis 3.000 Metern insgesamt 34 Millionen Tonnen Öl gefördert. Zurzeit sind es 1,3 Millionen Tonnen pro Jahr. Mit dem daraus gewonnenen Heizöl könnte man laut Konzern 250.000 Haushalte ein Jahr lang versorgen.  

Ölförderung genießt Bestandsschutz

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Ölförderung mitten in Europas größtem Nationalpark. In unmittelbarer Nähe zur Plattform leben Seehunde, fliegen Wattvögel über das Meer. Der Lebensraum steht nicht nur unter Naturschutz, sondern gehört seit 2007 auch zum UNESCO-Weltnaturerbe. Ölförderung in einem so sensiblen Naturraum, eigentlich absolut ausgeschlossen. Aber: Die Ölförderung war vor dem Nationalpark, die Förderanträge waren schon genehmigt, als das Nationalparkgesetz kam. Darum genießt die Ölförderung Bestandsschutz.

Konzern ist sich Verantwortung bewusst

Bei Ebbe sieht es aus, als sei die Plattform Mittelplate auf Grund gelaufen. Denn sie liegt fest verankert auf einer Sandbank, damit sie nicht sinken kann. "Wir sind uns unserer Verantwortung gegenüber dem einzigartigen Naturraum Wattenmeer sehr bewusst", betont der Leiter des Förderbetriebs, Wolfgang Feist. Um das Wattenmeer möglichst wenig zu belasten, gibt es laut DEA zum Beispiel nur ein Bohrloch, das wie eine Pfahlwurzel unter der Plattform in die Tiefe geht. Erst in der Nähe der Ölblase zweigen demnach weitere Bohr-Stränge ab.

Immer wieder Konflikte mit Umweltschützern

Also eine friedliche Koexistenz zwischen Natur und Ölbohrinsel? Mitnichten. Umweltschützer sorgen sich seit Beginn der Förderung, dass das Wattenmeer Schaden nehmen könnte. Zum einen durch die Eingriffe in das sensible Ökosystem, zum anderen durch eine mögliche Havarie. "Schon geringe Mengen Öl würden im Wattenmeer fatale Folgen haben", sagt Greenpeace Energieexperte Jörg Feddern und verweist auf das Frachtschiff "Pallas", das 1998 vor Amrum verunglückte. Damals liefen 100 Tonnen Öl aus, 16.000 Seevögel verendeten.

Diverse Sicherheitsvorkehrungen

DEA betont, dass seit inzwischen 30 Jahren störungsfrei Öl gefördert wird und verweist auf die hohen Sicherheitsstandards. Man könne sich die Mittelplate wie eine Wanne vorstellen, so der Konzern. Diese könne im Havariefall ausgetretenes Öl auffangen. Und der Druck sei durch die jahrelange Förderung inzwischen so weit abgesunken, dass Öl nur noch mit Pumpen an die Oberfläche gelangt. Die Schutzstation Wattenmeer fordert dennoch, dass DEA die Mittelplate endlich abbaut und spricht von einem Skandal im Nationalpark.

Bis 2041 darf weiter gefördert werden

Klar ist, dass DEA bis zum Jahr 2041 weiterfördern darf. "2010 ist der Bestandsschutz der Mittelplate von der damaligen schwarz-gelben Landesregierung verlängert worden", sagt Umweltminister Robert Habeck von den Grünen. Und ergänzt: "Das ist länger, als die DEA das überhaupt beantragt hatte. Ich erinnere mich noch gut daran. Das war mit der Begründung, dass ölaverse Kräfte - das sind dann wohl Leute wie ich - an die Regierung kommen könnten." Ist der Bestandsschutz einmal gewährt, kann er laut Habeck nicht mehr aufgehoben werden.

Neue Erkundungsbohrungen?

Umstritten ist seit Jahren, ob DEA im Wattenmeer neue Ölfelder anzapfen darf. Geologen des Konzerns vermuten dort weitere Reserven. Sie würden an vier weiteren Stellen gerne sogenannte Explorationsbohrungen zur Erkundung machen, um gezielt danach zu suchen. Laut Umweltminister Habeck sind solche Bohrungen mit dem Nationalparkgesetz nicht vereinbar. "Das ist die feste Auffassung der Landesregierung", betont der Minister. Er verweist dabei auf den gemeinsamen Koalitionsvertrag von CDU, FDP und Grünen.

Alternative: Bohrungen von der Mittelplate aus

DEA sucht deshalb nun nach anderen, genehmigungsfähigen Wegen, die verborgenen Reserven doch noch zu erschließen. "Eine Variante wäre nochmal zu gucken, inwiefern man auch Explorationsbohrungen von der Insel Mittelplate aus realisieren könnte. Aber da sind wir momentan noch in der technischen Bewertung und da können wir noch keine finale Aussage zu machen", sagt Sprecher Mösche. Die Chancen, für dieses Vorhaben eine Genehmigung zu bekommen, sind in jedem Fall deutlich höher. "Grundsätzlich können Bohrungen von der Mittelplate aus erlaubt werden. Das bedeutet ja Bestandsschutz der Mittelplate. Dann ist man in einem anderen Rechtsregime, weil eben nicht oberflächlich vom Nationalpark aus gebohrt wird."

Der Minister macht jedoch keinen Hehl daraus, dass er gegen eine Ölförderung im Wattenmeer ist: "Ich halte die Mittelplate für einen schwarzen Fleck auf der weißen Weste des Nationalparks."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 26.08.2017 | 08:00 Uhr

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