Stand: 16.05.2020 14:03 Uhr

Verschwörungsmythen: "Lügen, um Ziele zu erreichen"

Professorin Julia Becker lächelt in die Kamera. © Universität Osnabrück
Sozialpsychologin Julia Becker hat sich die Corona-Demonstranten genau angesehen.

Sozialpsychologin Julia Becker forscht mit einem Team an der Universität Osnabrück zum Umgang der Gesellschaft mit den aktuellen Corona-Maßnahmen. Sie beschäftigt sich auch mit den Corona--Protesten und Verschwörungsmythen. Eine repräsentative Umfrage unter 1.000 Menschen verschiedenen Einkommens, Geschlechts und Alters hat ergeben, dass etwa ein Drittel der Deutschen Verschwörungsideologien interessant finden.

Professor Becker, auf wie viel Widerspruch treffen die Corona-Maßnahmen bei der Bevölkerung?

Julia Becker: Es gibt eine große Mehrheit, die die Corona-Maßnahmen sinnvoll findet. 70 Prozent der Befragten befürworten die Einschränkungen, wenn es darum geht, die Ansteckungsgefahr zu mindern. Wir haben auch gefragt, warum sich die Menschen an die Einschränkungen halten. Die meisten, nämlich 45 Prozent tun es, um sich vor allem selbst zu schützen. 39 Prozent sagen: Wir machen das für andere, damit die Risikogruppen geschützt sind - und 16 Prozent wollen sich an die Regeln halten, um Strafen zu vermeiden.

Bei offenbar großen Teilen der aktuellen "Corona-Gegner" spielen Verschwörungsideologien eine Rolle: Bill Gates wolle die Menschheit reduzieren und alle Menschen mit einem Chip versehen ist ein vielgehörtes Beispiel. Wie verbreitet ist so ein Denken?

Becker: Klar ist: Krisenzeiten machen Menschen anfällig für Verschwörungstheorien, weil sie Menschen verunsichern. Derzeit stimmt fast ein Drittel der Bevölkerung Indikatoren von Verschwörungstheorien zu. So glauben etwa 32 Prozent der von uns Befragten, dass Regierungsbehörden alle Bürger "genau überwachen". 32 Prozent glauben, dass Ereignisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, das Ergebnis geheimer Aktivitäten sind. Die meisten Menschen glauben, dass das Virus von Fledermäusen stammt, aber 38 Prozent vermuten ein Labor dahinter.

Welche Menschen sind es denn, die Verschwörungsmythen Glauben schenken und dafür auf die Straße gehen?

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Becker: Nicht alle Menschen, die derzeit auf die Straße gehen, hängen Verschwörungstheorien an. Es protestieren ganz unterschiedliche Gruppen. Sie eint eine Wut auf Politik. Ihnen gehen die aktuellen Einschränkungen viel zu weit. Schaut man auf die Gruppe, die Verschwörungstheorien anhängen, können wir in unseren Daten sehen, dass sie sozialdarwinistische Einstellungen haben. Sie glauben eher, dass der Stärkere sich immer durchsetzt und die Schwachen auf der Strecke bleiben. Auf die aktuelle Krise bezogen heißt das, dass sie Risikogruppen eher nicht schützen, weil die ihrer Meinung nach in den nächsten Monaten ohnehin sterben.

Machiavellismus und Narzissmus

Weitere interessante Persönlichkeitskorrelate von Menschen, die Verschwörungstheorien zustimmen, sind Machiavellismus und Narzissmus. Machiavellismus kann man zusammenfassen als "der Zweck heiligt die Mittel". Diese Menschen wollen ihre Ziele erreichen und machen das auch mit unethischem Verhalten. Das bedeutet, sie würden lügen, um Ziele zu erreichen. Und sie haben das Gefühl, dass man niemandem in der Gesellschaft wirklich trauen kann. Sie versuchen, keine Schwäche zu zeigen, weil sie Angst haben, dass die ausgenutzt werden könnte. Narzissmus kann man zusammenfassen als das Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein. Verschwörungstheorien bieten hier einen guten Anlass. Denn bei Verschwörungstheorien ist es ja so, dass Menschen denken, sie hätten die Wahrheit begriffen, während alle anderen in der Gesellschaft noch im Dunkeln tappen. Die aktuellen Proteste bieten eine gute Plattform, ihre besonderen Ansichten darzustellen.

Das Interview führten Amelia Wischnewski und Angelika Henkel.

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Hallo Niedersachsen | 17.05.2020 | 19:30 Uhr

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