Stand: 14.03.2019 18:40 Uhr

"Synodaler Weg" - Ausweg oder Sackgasse?

von Florian Breitmeier

Eine offene Debatte über umfassende Veränderungen in der katholischen Kirche - über Machtteilung, Sexualmoral und Zölibat: Das haben die Bischöfe bei ihrer Frühjahrsversammlung in Lingen beschlossen, wie der Konferenz-Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx zum Abschluss der Beratungen erklärte. Ist der jetzt gewählte Weg der richtige? Der Leiter unserer Redaktion Religion und Gesellschaft, Florian Breitmeier, kommentiert:

Interview

"Das wird die Betroffenen nicht zufriedenstellen"

Deutsche Bischöfe haben in Lingen über das Thema "sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche" beraten. Florian Breitmeier war bei der abschließenden Pressekonferenz dabei. mehr

Die katholischen Bischöfe wollen sich der Missbrauchskrise stellen - nicht mehr allein und nicht ausschließlich im Schutzraum klerikaler Strukturen. Das funktioniert nicht mehr. Vielleicht ist dies das wichtigste Signal aus Lingen. Der "synodale Weg" der nun eingeschlagen werden soll, der ausdrücklich keine Gemeinsame Synode ist, ist ein Kompromiss. Er ist das Ergebnis harter Debatten unter den Bischöfen in den vergangenen Tagen. Einstimmig haben sich die Bischöfe dazu entschlossen - niemand wollte offenbar ohne ein Zeichen guten Willens nach Hause fahren.

Die Institution hat versagt

Ob dies aber eine Zäsur für die Kirche wird, wer weiß das schon. Mittlerweile ist man bei großen Worten von hohen Würdenträgern doch sehr skeptisch geworden. Der "synodale Weg" nimmt die konservativen Kritiker unter den Bischöfen mit, die im Prinzip keine Veränderungen bei den Fragen der Sexualmoral, bei der Frage der Weihe von Frauen oder den hierarchischen Machtstrukturen der Kirche wollen. Die Konservativen gehen mit Diskussionen und Foren zunächst kein Risiko ein. Am Ende aber könnten sie von der Dynamik des Prozesses dann aber doch überrascht werden. Darauf setzen die stärker reformorientierten Kräfte in der deutschen Bischofskonferenz zwischen Osnabrück, Hildesheim, Essen, Magdeburg, Mainz und München. Aber: Ein "synodaler Weg" allein löst nicht die eklatante Vertrauenskrise der Kirche. Die Institution und ihre Machtstrukturen haben versagt - das haben die meisten Bischöfe verstanden.

Vorschläge, die seit 40 Jahren auf dem Tisch liegen

Die Frage aber bleibt auch nach den stürmischen Tagen von Lingen: Was machen die reformwilligen Oberhirten? Keine Frage, in wenigen Konferenztagen können nicht alle Themenfelder abschließend diskutiert werden: die Sexualmoral, die Männermacht, der Diakonat der Frau, die Führungsverantwortung von Laien.

Weitere Informationen

Marx: "Gutmachen, was möglich ist auf Erden"

Zum Abschluss der Bischofskonferenz hat Kardinal Marx von einer "Zäsur" gesprochen. Er will kirchliche Kernfragen mit der Basis diskutieren. Kritiker sprechen von Minimal-Kompromissen. mehr

Am Ende des "synodalen Weges" könnten Beschlüsse stehen, die als Vorschläge nach Rom geschickt werden - zum Beispiel: verheiratete Männer zu Priestern zu weihen, das Engagement von Frauen in der Kirche auch sakramental zu würdigen; die Bischöfe könnten offensiv dafür eintreten, liebevolle Beziehungen zwischen zwei Menschen laut wertzuschätzen - und nicht nur die Ehe zwischen Mann und Frau. All diese Vorschläge liegen aber seit der Würzburger Synode vor mehr als 40 Jahren mehr oder weniger unverändert auf dem Tisch. Dass die Empfehlungen von damals nach wie vor aktuell klingen, verrät sicher auch etwas über deren Relevanz.

Die Geduld ist am Ende

Hinter all diesen zweifellos spannenden theologischen und kirchenpolitischen Fragen dürfen aber die Betroffenen sexualisierter Gewalt und ihre Forderungen nicht aus dem Blick geraten. Die Missbrauchsopfer müssen von den in Lingen vorgestellten Maßnahmen enttäuscht sein. Ihre Geduld ist am Ende. Die Bischöfe sollten deshalb gezielt Betroffene sexualisierter Gewalt in die kirchlichen Beratungs- und Kontrollgremien holen. Es wäre der Bischofskonferenz auch möglich, ein unbürokratisches Fondsmodell aufzulegen, um Entschädigungszahlungen an die Missbrauchsopfer zu leisten. All das könnte sofort beschlossen werden. Dass dies in Lingen nicht verbindlich auf den Weg gebracht wurde, ist bitter. Der "synodale Weg" könnte bei diesen Fragen in einer Sackgasse enden.

Anspruch und Wirklichkeit, Absichten und Ergebnisse. Es sind stürmische Zeiten für die katholische Kirche. In Lingen drückte es eine Gemeindereferentin aus dem Bistum Osnabrück so aus: "Es stürmt in vielen Gemeinden. Wenn aber durch den Sturm nichts passiert, dann ist wirklich alles vorbei." Man könnte es auch so ausdrücken: Dann wird aus dem "synodalen Weg" einfach nur ein Weg aus der Kirche.

Weitere Informationen

Sternberg: "Es ist Zeit für sichtbare Reformen"

Der Präsident des Zentralkomitees deutscher Katholiken, Sternberg, will systemische Fehler in der Kirche aufdecken. Bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen sei viel passiert. mehr

114.000 Missbrauchsopfer in katholischer Kirche?

Laut einer Studie sind in der katholischen Kirche bundesweit 114.000 Menschen missbraucht worden. Die Bischofskonferenz in Lingen berät das Thema heute erneut. NDR.de überträgt live. mehr

Sexueller Missbrauch: "Aufarbeitung geht voran"

Die katholischen Bischöfe beraten in Lingen über den Umgang mit Missbrauch. Kardinal Marx sprach von systemischen Gefährdungen. mehr

Bischöfe für mehr Frauen in Führungspositionen

Bei der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen hat der Osnabrücker Bischof Bode mehr Frauen in leitenden Positionen gefordert. Ob dies auch das Priesteramt betrifft, blieb offen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 14.03.2019 | 18:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

06:08
Hallo Niedersachsen
04:52
Hallo Niedersachsen
03:29
Hallo Niedersachsen