Kommentar: Aufklärung von Missbrauch zur Chefsache machen

Stand: 11.10.2021 19:36 Uhr

Ein Missbrauchsfall aus Georgsmarienhütte (Landkreis Osnabrück) aus den 1970er Jahren macht klar: Die hannoversche Landeskirche muss beim Thema Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt noch viel lernen.

Ein Kommentar von Florian Breitmeier, NDR Religion und Gesellschaft

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
NDR Redakteur Florian Breitmeier kommentiert die schleppende Aufklärung der hannoverschen Landeskirche in einem Missbrauchsfall in Georgsmarienhütte.

In diesem Fall wussten viele Bescheid. Aber konsequent hinschauen wollte jahrzehntelang niemand. Ein eklatantes Versagen auf evangelisch. Um den beschuldigten Diakon in Georgsmarienhütte kümmerte man sich einst fürsorglich. Es griff eine Art kirchliches "Täterschutzprogramm": Die Staatsanwaltschaft wurde 1976/77 gezielt außen vorgelassen, der Beschuldigte wurde zwar aus dem kirchlichen Dienst entfernt, zugleich bescheinigte man ihm aber den erfolgreichen Abschluss seiner kirchlichen Ausbildung. Man wollte offensichtlich nicht den leisesten Verdacht an seiner "Befähigung", mit Kindern und Jugendlichen zusammenzuarbeiten, aufkommen lassen. Täter und Ansehen der Kirche wurden so geschützt, der öffentliche Skandal war vermieden. Man verfuhr frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Die Betroffenen spielten keine Rolle. Ein unglaublicher Verschiebebahnhof der Verantwortung.

Hannoversche Landeskirche "auffällig stumm"

Als eine Betroffene nach Jahrzehnten den Mut fand, ihren Fall 2010 nun auch gegenüber der hannoverschen Landeskirche öffentlich zu machen, blieb man in der Zentrale gegenüber der Kirchengemeinde vor Ort auffällig stumm. Der örtliche Kirchenvorstand und der amtierende Pastor wurden damals über den Fall nicht informiert. Das war kein Versäumnis "aus heutiger Sicht", wie es aus dem Landeskirchenamt nun heißt. Schon vor 2010 gab es nämlich Leitlinien, Grundsätze einer "Null-Toleranz-Linie", Krisenpläne, reumütige Erklärungen in Fernsehkameras und Mikrofone, auch ergänzende Handlungsgrundsätze aus dem Jahr 2010, in denen zum Beispiel Informationspflichten gegenüber kirchlichen Gremien und Amtspersonen unmissverständlich formuliert wurden. Diese ausformulierten Grundsätze haben sich mit Blick auf das Thema interne und externe Kommunikation von 2010 bis 2021 nicht geändert.

Gemeinde wurde sehr spät informiert

Dafür ging viel Vertrauen verloren. Auch elf Jahre später, 2021, also erst vor wenigen Monaten, wurde man mit Blick auf die Gemeinde erst dann aktiv, als die engagierte Betroffene im Rahmen ihres Aufarbeitungsprozesses gegenüber dem Landeskirchenamt angekündigt hatte, den Fall öffentlich zu machen. Nun wurden der Kirchenkreis und die Gemeinde in Georgsmarienhütte informiert. Wertvolle Zeit ist nicht erst seit 2010 verstrichen. Was wäre ohne den bewundernswerten Mut der Betroffenen überhaupt bekannt geworden? Und nun?

Weitere Informationen
Ein Frau steht bei Sonnenuntergang auf einer Wiese. © picture alliance Foto: Ole Spata

Missbrauch: Betroffene kritisiert evangelische Landeskirche

Die Frau sei als Kind in Georgsmarienhütte von einem angehenden Diakon missbraucht worden. Hilfe habe sie erkämpft. (11.10.2021) mehr

Wortreiche Entschuldigungen reichen nicht

Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der hannoverschen Landeskirche muss endlich zur Chefsache werden - das betrifft nicht nur den Landesbischof, es betrifft die Institution insgesamt. Sicher: Es gab wortreiche Entschuldigungen von Landesbischof Ralf Meister vor dem evangelischen Kirchenparlament. Das reicht aber nicht. Es gibt Betroffene, die diese Erklärungen als eine Art evangelisches Selbstgespräch bewerten. Ein entschiedenes Zugehen auf ihre Person sehen sie darin noch nicht. So stellen sich viele Fragen: Wo ist ein Betroffenenrat auf landeskirchlicher Ebene? Wann wird durch finanzielle Unterstützung die Vernetzung von Betroffenen ermöglicht? Wann lässt die Kirche freiwillig Rechtsansprüche von Betroffenen zu, wenn diese mit dem Verfahren zur Anerkennung ihres Leids nicht einverstanden sind? Wo wird institutionelles Versagen proaktiv benannt und persönliche Verantwortungsübernahme praktiziert, bevor eine Betroffene Druck macht?

Ein Opfer von sexualisierter Gewalt steht hinter einem Vorhang. © picture alliance/dpa Foto: Ole Spata
AUDIO: Evangelische Kirche und sexualisierte Gewalt - Konsequente Aufarbeitung? (44 Min)

Interne Fachstelle muss gut ausgestattet sein

Kontrolle und Kritik müssen beim Thema Missbrauch verstärkt von außen kommen. Eine Kirchen-interne Fachstelle ist eine gute Sache. Sie muss aber finanziell und personell auch gut ausgestattet sein. Und klar ist zudem: In Fällen sexualisierter Gewalt kann die Kirche als "Täterorganisation" nicht alleinige Aufklärerin in eigener Sache sein. Dieser schmerzhafte Erkenntnisprozess hat nicht nur in der hannoverschen Landeskirche gerade erst begonnen.

Weitere Informationen
Ralf Meister, Landesbischof von Hannover © Landeskirche Hannover / Heiko Preller Foto: Heiko Preller

Missbrauch: Hannovers Landesbischof bittet um Entschuldigung

Auch mit Entschädigungen seien die Taten nicht aufzuwiegen, sagte Ralf Meister bei der Synode der Landeskirche. (3.6.2021) mehr

Die Silhouette vom Dom Mariä Himmelfahrt zu Hildesheim ist bei Sonnenschein vor einem wolkenlosem Himmel zu sehen. © dpa-Bildfunk Foto: Moritz Frankenberg

Verletzte, Vertuschungen und eine kontaminierte Kirche

Die Missbrauchsstudie zeigt: Hildesheims einstiger Bischof Janssen hat das Amt pervertiert, meint Florian Breitmeier. (14.9.2021) mehr

Antje Niewisch-Lennartz, Vorsitzende Richterin am Verwaltungsgericht a. D. und ehemalige Justizministerin in Niedersachsen, übergibt Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim, einen Abschlussbericht zu sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch im Bistum Hildesheim auf einer Pressekonferenz. © dpa-Bildfunk Foto: Moritz Frankenberg

Studie benennt Missbrauch im Bistum Hildesheim

Bischof Janssen hat Missbrauchstäter geschützt, sagt das Bistum. Ob er selber Täter war, ist nicht mehr festzustellen. (14.9.2021) mehr

Archiv
Das historische Rathaus von Osnabrück. © Stadt Osnabrück, Referat Medien und Öffentlichkeitsarbeit Foto: Dr. Sven Jürgensen
8 Min

Nachrichten aus dem Studio Osnabrück

Was in Ihrer Region wichtig ist, hören Sie in dem Mitschnitt der 15.00 Uhr Regional-Nachrichten auf NDR 1 Niedersachsen. 8 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 11.10.2021 | 17:40 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Eine Frauenärztin füllt nach der Impfung einer Schwangeren mit dem Impfstoff „Vaxigrip Tetra“ den Impfpass aus. © picture alliance Foto: Jan Woitas

Grippeimpfung: Vereinzelt Wartezeiten wegen hoher Nachfrage

Erneut wollen sich laut Ärzteverbänden viele Niedersachsen impfen lassen. Es sei aber genug Impfstoff bestellt worden. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen