Annika Kuper steht neben einem Baum und lächelt in die Kamera. © NDR

Jahrestag Transrapid-Unglück: "Der Tag ist gebrandmarkt"

Stand: 22.09.2021 13:27 Uhr

Beim verheerenden Unfall der Magnetschwebebahn Transrapid in Lathen verloren am 22. September 2006 23 Menschen ihr Leben. Für Angehörige und Rettungskräfte hat sich der Tag ins Gedächtnis eingebrannt.

von Hedwig Ahrens

Annika Kuper besucht jedes Jahr zusammen mit ihrer Mutter die Transrapid-Anlage im Emsland. Es ist seit 15 Jahren ein immer wiederkehrendes Ritual: Am Tag des Unglücks fahren sie nach Lathen, dorthin wo die Tochter ihren Vater und die Mutter ihren Ehemann verlor. Die beiden fahren erst zum Friedhof und stellen frische Blumen auf das Grab, dann zur ehemaligen Transrapid-Teststrecke und reden über den Vater beziehungsweise Ehemann, der auf der Transrapid Versuchsanlage gearbeitet hatte. "Und klar ist es immer traurig, zwischendurch weint man auch noch mal", sagt Kuper. Aber auch ein Lächeln ist heute wieder möglich.

Familie erfährt schnell vom Unfall

Noch heute erinnert sich Kuper genau an den 22. September 2006: "Der Tag, der ist einfach gebrandmarkt", sagt sie im Gespräch mit dem NDR in Niedersachsen. Sie erinnert sich an ihren Tagesablauf und daran, dass es "brüllend heiß" war. Am frühen Vormittag erfuhr die Familie vom Unfall auf der Transrapid-Anlage - und davon, dass ihr Vater bei der Testfahrt dabei war. Annika Kuper war damals 19 Jahre alt. Sie begleitete ihre Mutter zur Unfallstelle. In einem Gebäude auf der Versuchsanlage warteten sie auf Nachricht, während Rettungskräfte die Opfer bargen.

"Ein Anblick, den man nicht vergisst"

Der Feuerwehrmann Lambert Brand steht unter einem Transrapid-Streckenabschnitt. © NDR
Feuerwehrmann Lambert Brand gehörte zu den ersten Rettungskräften an der Unfallstelle.

Einer der ersten Rettungskräfte vor Ort war Feuerwehrmann Lambert Brand aus Sögel. "Das war ein Anblick, den man nicht vergisst", sagt er heute. Eine ganz schlimme Situation sei es gewesen, als nach und nach die Leichenwagen ankamen, die die Toten nach Lathen in ein Kühlhaus brachten. Er habe sich gefühlt wie in einem Film und habe geglaubt, das Ganze nur zu träumen. So richtig realisiert, was passiert war, habe er erst in den nachfolgenden Tagen.

Elf Schwerverletzte und 23 Tote

Die Rettungskräfte bargen elf schwer verletzte Menschen. Bis zuletzt hofften Annika Kuper und ihre Mutter, dass auch ihr Vater beziehungsweise Ehemann unter den Verletzten ist. Später wurde ihnen dann klar, dass er einer der 23 Toten ist.

Angehörige dürfen die Unglücksstelle sehen

Abgeschirmt von der Presse fuhr die Tochter am Abend des Unglückstages mit anderen Angehörigen im Bus zur Unfallstelle. Kuper sah den aufgerissenen Transrapid oben auf der Stelzenfahrbahn und die Trümmer auf dem Boden liegen. "Da war Stille, komplette Stille", erinnert sie sich. "Wir alle haben das Gleiche empfunden, diese Trauer und den Schmerz und Tränen flossen natürlich auch." Sie habe den Unglücksort sehen wollen, weil sie sich nicht von ihrem Vater habe verabschieden können. Wegen dessen schwerer Verletzungen durfte der Sarg nicht geöffnet werden. "Alles was man mitnehmen konnte, hat man mitgenommen, um das alles besser zu verarbeiten", sagt Kuper.

Transrapid prallt mit Tempo 170 gegen Wartungswagen

Die Ursache für den verheerenden Unfall war menschliches Versagen: Der Fahrdienstleiter hatte einen Wartungswagen auf der Strecke vergessen. Mit einer Geschwindigkeit von 170 Kilometern pro Stunde prallte der Transrapid bei seiner Testfahrt gegen den Wartungswagen. Dass die Versuchsanlage in Lathen heute nicht mehr genutzt wird, bedauert Kuper. Auch weil ihr Vater dort gearbeitet hatte. "Klar bin ich traurig, zwischendurch weint man auch mal. Ich hätte ihn noch viel lieber bei mir - natürlich", sagt sie. "Aber es ist halt so." Sie findet es schade, dass der Transrapid nicht mehr fährt. Schließlich sei es ein Unfall gewesen - und Unfälle passierten eben überall.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 22.09.2021 | 15:00 Uhr

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