Stand: 27.03.2020 09:35 Uhr

Touristen-Verbot: Ostfriese soll Heimat verlassen

Einheiten der Bereitschaftspolizei stehen vor einem Hotel. © dpa - Bildfunk Foto: Volker Bartels
Polizisten, Feuerwehrleute und Ordnungskräfte kontrollieren, ob auch alle Touristen und Zweitwohnungsbesitzer an der Nordseeküste abgereist sind. (Themenbild)

Martin Busker ist gebürtiger Ostfriese. In der Gemeinde Krummhörn (Landkreis Aurich) kennt ihn fast jeder von Kindesbeinen an. Seinen Hauptwohnsitz hat er allerdings in Berlin. Dieser Tage stand ein Feuerwehrwagen vor seinem Haus. Mit Blaulicht und einer aufgenommenen Sprachbotschaft des Bürgermeisters. Der Inhalt: Busker muss Ostfriesland verlassen und wenn nicht, droht ihm eine Strafe. Denn seit Donnerstag dürfen sich an der niedersächsischen Nordseeküste und auf den Ostfriesischen Inseln keine Urlauber und auch keine Besitzer einer Zweitwohnung mehr aufhalten. Hintergrund ist, dass die Landkreise Aurich, Leer, Wittmund und Friesland eine starke Ausbreitung des Coronavirus verhindern wollen, denn auf eine Vielzahl von Touristen seien die Gesundheitsysteme nicht ausgelegt.

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Feuerwehr mit Blaulicht vor dem Haus

Busker hat bereits vor Wochen das Haus seiner Oma in der Gemeinde Krummhörn übernommen. Dort fuhr jetzt die Feuerwehr mit eingeschaltetem Blaulicht vor. Mehrere Minuten habe das Feuerwehrauto vor ihm gestanden und ihm die Sprachbotschaft des Bürgermeisters vorgespielt, sagte Busker im Gespräch mit dem NDR in Niedersachsen. "Das war für mich ein sehr demütigendes Gefühl", sagte der Regisseur, der im vergangenen Jahr noch den Emder Filmpreis gewann.

"Menschen haben das Recht, zu bleiben"

Busker solidarisiert sich mit den vielen Menschen, die an der Küste ihre Zweitwohnung haben. "Das sind nicht einfach Menschen, die hier Urlaub machen", sagte er. Es seien Menschen, die hier Häuser haben, die hier Steuern bezahlen und die auch das Recht hätten, hier zu sein. "Denen hat man von heute auf morgen gesagt, dass sie zu verschwinden haben, und das in einem ziemlich brachialen Ton."

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Anfeindungen gegenüber Zugereisten

Besonders im Internet schimpfen Einheimische in diesen Zeiten vermehrt gegen Zugereiste. Einige Zweitwohnungsbesitzer versuchen sich zu wehren. Der erste hat bereits ein Eilverfahren gegen den Landkreis Aurich angestrengt, weil er in seinem Haus bleiben will. Das Verwaltungsgericht will am Freitag darüber entscheiden. Landrat Olaf Meinen (parteilos) hat Verständnis für die Kritik, will aber gleichzeitig hart bleiben. "Wir haben ganz bewusst diese Allgemeinverfügung erlassen, da waren wir uns auf der ostfriesischen Halbinsel einig", sagte er. Es gebe "unheimlich viele Zweitwohnungsbesitzer" und darauf sei das Gesundheitssystem vor Ort einfach nicht ausgelegt. Unter denjenigen, die gehen mussten, gebe es Härtefälle, räumte Meinen ein. Sie könnten Ausnahmen beantragen. Busker ist das inzwischen gelungen: Wegen einer dringenden medizinischen Behandlung, die nichts mit Corona zu tun hat, darf er bis Mitte April bleiben.

Bescheinigungen für Autos mit altem Kennzeichen

Für Zugezogene, die ihren Erstwohnsitz in Ostfriesland, aber ihr altes Autokennzeichen behalten haben, gibt es inzwischen in der Gemeinde Wangerland spezielle Bescheinigungen. "Wangerländer mit nachgewiesenem Erstwohnsitz" steht darauf. Mehr als 100 dieser Bescheinigungen hat die Gemeinde bereits ausgestellt. Autobesitzer sind angehalten, diese sichtbar hinter die Windschutzscheibe zu legen. Hintergrund ist, dass Autohalter seit mehreren Jahren ihr altes Kennzeichen am neuen Wohnsitz behalten dürfen. Laut Wangerlands Bürgermeister Björn Mühlena (parteilos) hatten sich zuletzt Anzeigen und Anfeindungen gehäuft, weil hinter diesen Personen Gäste aus Nordrhein-Westfalen vermutet wurden, die dem Abreisegebot nicht nachkommen wollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 26.03.2020 | 17:00 Uhr

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