Stand: 30.10.2018 19:47 Uhr

Prozessauftakt: Högel gesteht 100 weitere Morde

Der frühere Krankenpfleger Niels Högel hat zu Beginn des wohl größten Mordprozesses der Nachkriegszeit den Mord an 100 weiteren Patienten gestanden. Bereits zum dritten Mal muss sich der 41-Jährige am Landgericht Oldenburg wegen der Tötung von Patienten verantworten. Wegen sechs Taten sitzt er bereits lebenslang in Haft. Auf die Frage des Gerichts, ob die gegen ihn erhobenen Vorwürfe größtenteils zuträfen, antwortete Högel mit "Ja". Die Staatsanwaltschaft wirft Högel vor, in den Jahren 2000 bis 2005 an Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg 100 Patienten im Alter von 34 bis 96 Jahren tödliche Medikamente gespritzt zu haben. Der Vorwurf lautet: heimtückische Tötung aus niedrigen Beweggründen.

Angeklagter, der sich eine Mappe vor das Gesicht hält.

Ex-Krankenpfleger Högel räumt 100 Morde ein

Hallo Niedersachsen -

Zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Oldenburg hat der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel die ihm vorgeworfenen Morde an 100 weiteren Patienten gestanden.

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Ex-Krankenpfleger beteuert, die Wahrheit zu sagen

Der Angeklagte wurde am ersten Prozesstag umfangreich befragt. Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann hatte bereits die zwei vorausgegangenen Prozesse gegen den ehemaligen Krankenpfleger geleitet. Gleich zu Beginn sagte er in Richtung des Angeklagten: "Sie kennen mich. Ich kenne Sie." Bührmann fragte Högel dann auch, ob dieser nun wirklich alles gesagt habe. Auch die Anwälte der Nebenkläger und ein Gutachter bohrten nach, warum Högel bei dem Prozess vor drei Jahren vehement bestritten habe, dass er am Klinikum Oldenburg Menschen umgebracht hat. Högel sagte dazu, dass er die Taten am Klinikum Oldenburg zunächst verdrängt und sich geschämt hätte. Nach vielen Therapien habe er sich aber damit befasst und was er jetzt wisse, das sage er auch. Das sei auch die volle Wahrheit, so Högel.

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Angeklagter berichtet über eigenen Medikamenten-Missbrauch

Um die einzelnen Mordfälle, die ihm vorgeworfen werden, ging es zum Auftakt des Mammut-Prozesses am Dienstag noch nicht. Högel wurde zunächst ausführlich zu seinen beruflichen Anfängen und seinen privaten Verhältnissen befragt. So berichtete er etwa, dass er Pfleger geworden sei, weil sein Vater und seine Großmutter in diesem Beruf gearbeitet hätten. Schon kurz nach dem Berufsstart habe er auf der Intensivstation in Oldenburg unter Druck gestanden und angefangen, Schmerzmittel zu nehmen. "Es war der Stress." Er hätte bereits damals erkennen müssen, dass die Arbeit nichts für ihn war. Eine weitere Belastung sei sein Privatleben gewesen: Als seine Freundin ihn 1999 verließ, sei das traumatisch für ihn gewesen. Im Jahr darauf beging Högel laut Anklage den ersten Mord - am 7. Februar 2000.

Högel wollte zum "harten Kern" der Station gehören

Die Arbeit habe ihn abstumpfen lassen, sagte Högel. Es sei nur darum gegangen, die Werte der an Schläuche und Maschinen angeschlossenen Patienten auf der Intensivstation stabil zu halten. Sie zu pflegen oder zu waschen sei in den Hintergrund getreten. "Man entpersonifiziert sie", sagte Högel. Die Patienten habe er manipuliert, um seine Fähigkeiten zu beweisen. Seiner Aussage zufolge wollte er zum "harten Kern" der Intensivstation gehören. Wenn er Patienten erfolgreich reanimierte, habe er sich gut gefühlt und Anerkennung erfahren.

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Hatte der Klinikdirektor einen Verdacht?

Am 23. September - zweieinhalb Jahre nach dem ersten Högel zur Last gelegten Mordfall am Klinikum Oldenburg - habe er damit gerechnet, aufgeflogen zu sein. Klinikdirektor Professor Andreas Weyland habe ihn in sein Büro gerufen und ihn vor die Wahl gestellt, vom nächsten Tag an als Hausmeister zu arbeiten oder die Klinik zu verlassen, wie Högel vor Gericht schilderte. Angeboten habe Weyland ihm ein gutes Zeugnis und eine Freistellung von drei Monaten bei vollen Bezügen. Darauf sei er eingegangen und habe sich im Klinikum Delmenhorst beworben, wo er kurz darauf angefangen habe, so Högel. Ob Weyland einen Verdacht hatte, wird sich erst nach dessen Aussage im weiteren Prozessverlauf zeigen.

Anklage-Verlesung dauert zwei Stunden

Die Anklageschrift war angesichts der zahlreichen Tatvorwürfe so umfangreich, dass Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann zwei Stunden brauchte, um sie zu verlesen. Dabei nannte sie Namen und Geburtsdaten aller mutmaßlichen 100 Opfer, deren Fälle in diesem Prozess verhandelt werden, und schilderte deren Krankenhausaufenthalte. Aus Langeweile und Geltungssucht habe Högel bei Patienten Herz-Kreislauf-Stillstände auslösen wollen, um sich beim Wiederbeleben zu beweisen. Die Staatsanwaltschaft benannte 23 Zeugen sowie elf toxikologische und rechtsmedizinische Sachverständige, die die Vorwürfe während des Prozesses belegen sollen.

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Krankenpfleger hätte früher gestoppt werden können

Högels damalige Kollegen schöpften angesichts der zahlreichen Reanimationen zwar früh Verdacht, schwiegen aber meist. Der Pfleger wurde zunächst nicht einmal gestoppt, nachdem man ihn 2005 auf frischer Tat am Klinikum Delmenhorst ertappt hatte. Zwei Tage später konnte er einen weiteren Mord begehen. Erst im Laufe von mehr als zehn Jahren entdeckten die Ermittler das Ausmaß von Högels Taten. Dafür wurden mehr als 130 Leichen exhumiert und auf Medikamentenrückstände untersucht. Es gibt zahlreiche weitere Verdachtsfälle. Weil viele mögliche Opfer jedoch eingeäschert wurden, ist eine komplette Aufklärung nicht mehr möglich.

Nächster Prozesstag am 21. November

Der ehemalige Krankenpfleger gab am ersten Prozesstag an, dass er sich nicht an einzelne Namen der Opfer erinnern könne, aber an deren Krankengeschichte. Deshalb konnte er im Vorfeld des Prozesses einen speziell gesicherten Laptop in der JVA Oldenburg benutzen, um die Krankengeschichten nachzulesen und sich besser an die einzelnen Fälle erinnern zu können. Am nächsten Prozesstag in drei Wochen wollen die Richter den Angeklagten dann zu den einzelnen ihm zur Last gelegten Mordfällen befragen. Zwischen den anberaumten 23 Prozesstagen sind jeweils längere Pausen vorgesehen, damit die Beteiligten ausreichend Zeit haben, die Gutachten zu lesen. Eine laute Verlesung, wie eigentlich während einer Verhandlung üblich, sprengt laut Oberstaatsanwältin Schiereck-Bohlmann den Rahmen.

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Högel bereits zu lebenslanger Haft verurteilt

Wegen sechs weiterer Taten war Högel bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Dabei wurde auch eine besondere Schwere der Schuld festgestellt. Eine Erhöhung der Haftstrafe ist zwar rechtlich nicht möglich. Aber lebenslänglich bedeutet nicht zwingend, dass der Verurteilte für den Rest seines Lebens im Gefängnis bleibt. Deshalb hängt von dem jetzigen Prozessausgang auch ab, wann und ob Högel jemals wieder aus der Haft entlassen wird. Darüber hinaus geht es dem Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann um Aufklärung für die Angehörigen der Opfer. Mit Blick auf Högel sagte er: "Ich werde mit Ihnen fair verhandeln, ich werde mit Ihnen offen verhandeln in guten Sachen wie in schlechten Dingen."

Schweigeminute im Gedenken an die Toten

Richter Bührmann hatte zu Prozessbeginn zunächst um eine Schweigeminute für die Toten gebeten. Den Verhandlungsauftakt in der Weser-Ems-Halle begleiteten neben 80 Medienvertretern auch Dutzende Angehörige. Der Richter wandte sich direkt an sie: Es müsse ein "furchtbares Gefühl" sein, Jahre nach dem Tod eines geliebten Menschen erfahren zu müssen, dass womöglich alles anders gewesen sei. Er verspreche, dass das Gericht nach der Wahrheit suchen werde und die Taten lückenlos aufklären wolle. Alle hundert Fälle sollen laut Bührmann einzeln verhandelt werden.

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Richter entschuldigt sich für "harte Sprache"

Mehr als 120 Hinterbliebene treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. 70 von ihnen verfolgten den Prozessauftakt. Richter Bührmann wandte sich an sie mit den Worten: "Passen Sie wirklich auf sich auf und überfordern Sie sich nicht." Er entschuldigte sich für die "harte Sprache" des Gerichts. Diese sei nötig, "soll aber niemals despektierlich sein", so Bührmann. Betreut werden die Angehörigen während des Verfahrens von Experten des Weißen Rings.

Angehörige wollen Antworten von Högel

Die Angehörigen hoffen laut ihrem Sprecher Christian Marbach auf Antworten - auch vom Angeklagten selbst. "Wir haben vier Jahre für diesen Prozess gekämpft und erwarten, dass Högel wegen weiterer 100 Morde verurteilt wird." Ziel sei, dass Högel so lange wie möglich in Haft bleibt, so Marbach, dessen Großvater von Högel getötet worden war. Als übergeordnetes Ziel des Prozesses geht es Marbach zufolge auch darum, zivilrechtliche Ansprüche künftig durchsetzbarer zu machen.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 30.10.2018 | 19:30 Uhr

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