Nach Razzia: Landrat warnt vor Generalverdacht gegen DRK

Stand: 27.08.2021 20:27 Uhr

Angesichts des Betrugsverdachts gegen das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hat Frieslands Landrat Sven Ambrosy (SPD) dazu aufgerufen, die DRK-Mitarbeiter nicht unter Generalverdacht zu stellen.

Der Verdacht wegen Abrechnungsbetruges richte sich gegen DRK-Angestellte "in verantwortlicher Position", sagte der Politiker am Freitag. Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch Ehrenamtliche und Mitglieder würden sehr unter den Vorwürfen leiden und seien auch Beschimpfungen ausgesetzt. "Das geht alles gar nicht", sagte Ambrosy.

Impfzentrum wird jetzt von den Johannitern betrieben

Nach den Durchsuchungen wegen eines vermuteten Abrechnungsbetrugs im Impfzentrum in Schortens hat der Landkreis Friesland dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) fristlos gekündigt. Der Betrieb des Impfzentrums wurde inzwischen vom DRK an die Johanniter übergeben. Für die DRK-Beschäftigten sollen laut Ambrosy nun Wege gefunden werden, dass diejenigen, die möchten, bei den Johannitern im Impfzentrum weiterarbeiten können.

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Es sollen noch 8.000 Menschen geimpft werden

Die Johanniter hätten bereits als mobile Impfteams erfolgreich für den Landkreis gearbeitet, sagte Ambrosy. Bis sich alles eingespielt habe, könne es zu Wartezeiten kommen. Ambrosy bat die Bürgerinnen und Bürger um Verständnis. Ein Weiterbetrieb des Impfzentrums sei wichtig, weil noch rund 8.000 Friesinnen und Friesen geimpft werden wollten.

Landrat spricht von Vertrauensbruch des DRK

Nach einer Razzia von Polizei und Staatsanwaltschaft in den Geschäftsräumen und im Impfzentrum hatte sich am Donnerstag der Verdacht gegen den bisherigen Betreiber, das DRK, erhärtet. Fünf Mitarbeitende sollen zwischen Februar und Juli mehr Arbeitsstunden von im Impfzentrum Schortens eingesetztem Personal abgerechnet haben als tatsächlich geleistet wurden. Erste Stichproben aus Stundenabrechnungen, die beim Landkreis Friesland eingereicht wurden, lassen den Angaben zufolge bereits auf einen Schaden im vierstelligen Bereich schließen. Die genaue Summe müsse nun ermittelt werden. Ambrosy sprach von einem Vertrauensbruch des DRK, zusätzlich zu dem Schaden und Ärger, der durch das Verhalten der seit April entlassenen Krankenschwester entstanden war. Die Frau hatte zugegeben, sechs Spritzen für Corona-Impfungen mit Kochsalzlösung aufgefüllt zu haben.

Impfskandal brachte Unregelmäßigkeiten ans Licht

Nach weiteren Zeugenaussagen kann nach Angaben des Landkreises und der Polizei nicht ausgeschlossen werden, dass die Mitarbeiterin weitere Spritzen mit Kochsalzlösung aufgezogen haben könnte. "Die Ermittlungen hierzu dauern an", so die Polizei am Donnerstag. Um die möglicherweise wirkungslosen Impfungen nachzuholen, sollen insgesamt rund 10.000 Betroffene als Vorsichtsmaßnahme nachgeimpft werden. Der Anwalt der Beschuldigten sagte zuletzt, dass die Tat seiner Mandantin am 21. April - die Manipulation von sechs Spritzen - ein Einzelfall gewesen sei. Während ihrer Ermittlungen gegen die frühere DRK-Mitarbeiterin waren der Soko "Vakzin" offenbar die weiteren Unregelmäßigkeiten im Impfzentrum aufgefallen.

Impfzentrum, Geschäftsräume und Wohnungen durchsucht

Um Beweise zu sichern, durchsuchten die Ermittler am Donnerstag sechs Gebäude, die meisten davon im Landkreis Friesland. Neben dem Impfzentrum in Schortens-Roffhausen seien Geschäftsräume der DRK-Kreisverbände Jeverland und Varel-Friesische Wehde, des DRK-Landesverbandes Oldenburg sowie Privatwohnungen von DRK-Mitarbeitenden überprüft worden, hieß es. Dabei seien unter anderem Aktenordner, Computer, Laptops, Tablets und Mobilfunkgeräte sichergestellt worden, die nun ausgewertet werden sollen. Die fünf Beschuldigten gehören nach Polizeiangaben zu den DRK-Kreisverbänden Jeverland und Varel-Friesische Wehde.

Komplexe Ermittlungen rund um den Impfvorfall

Die Ermittlungsgruppe "Vakzin" war erst vergangene Woche von der Polizei eingerichtet worden, um die Ermittlungen in dem Fall möglicher Impfungen mit Kochsalzlösung voranzutreiben. Der Oldenburger Polizei-Vizepräsident Andreas Sagehorn hatte erklärt, in den vergangenen Wochen und Monaten hätten sich der Umfang und die Komplexität dieser Ermittlungen deutlich erhöht.

Ist die Krankenschwester eine Impfgegnerin?

Zuletzt hatte der "Spiegel" berichtet, dass eine Mitarbeiterin des Impfzentrums bereits fünf Tage vor Bekanntwerden des Falles am 24. April ihre Vorgesetzten beim DRK vor der nun beschuldigten Krankenschwester gewarnt haben soll. Demnach soll die mutmaßliche Impfgegnerin der Zeugin in Chats Texte und Videos mit Verschwörungsfantasien geschickt haben. Laut "Spiegel" leitete die Zeugin diese Nachrichten an ihre Vorgesetzten weiter, diese sollen aber nicht reagiert haben. Die Polizei machte auf Anfrage dazu keine näheren Angaben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 27.08.2021 | 09:30 Uhr

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