Stand: 11.04.2018 11:05 Uhr

Kiste zu, AKW weg: Rückbau von "Unterweser"

Wenn Stephan Thode seine Arbeit beginnt, darf er nichts aus der Welt mitnehmen. Kein Essen, keine Getränke, keine Straßenklamotten - nicht einmal seine eigene Unterwäsche bleibt ihm. Der 37-Jährige ist Leiter Strahlenschutz beim stillgelegten Kernkraftwerk Unterweser. Das wird zurzeit zurückgebaut - von innen nach außen. Gerade sind die Arbeiten an einem besonders kniffligen Abschnitt beendet, den Thode begleitet hat: Dabei ging es darum, die gefährlichen Brennelemente aus dem toten Reaktor-Körper zu holen. Regelmäßig hat sich der Strahlenschützer auf den Weg zu ihnen gemacht - tief in die Kuppel des alten AKW, in den inneren Sicherheitsbereich. Hier ist der Zugang strengstens überwacht.

Luftaufnahme vom Kernkraftwerk Unterweser im Landkreis Wesermarsch.

Ein Atomkraftwerk zurückbauen

Wie geht das? -

Die Dimensionen des Rückbaus des Kernkraftwerks Unterweser sind gigantisch: 675.000 Tonnen Abbruchmaterial müssen entsorgt werden. Besonders heikel sind die radioaktiv belasteten Anlagenteile.

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Einfach zur Toilette? Geht nicht

Stets dreht sich alles darum, eine Kontamination nicht wieder mit nach draußen zu nehmen: Dienstanzug statt privater Kleidung, nichts anfassen, bloß nicht Hände schütteln. Toiletten gibt es im Sicherheitsbereich auch nicht: "Man muss sich vorher entscheiden, ob man noch mal muss oder nicht", sagt Thode. Wie hoch die Strahlendosis ist, das sagt ihm ein kleines Dosimeter. Überschreitet die Menge den Tagesgrenzwert von 50 Mikrosievert, bekommt er ein Warnsignal. Doch er und der Rest des Personals bekommen meist deutlich weniger Strahlung ab: In der Regel weniger als fünf Mikrosievert. "Als Vergleich: Wenn Sie mit einem Flugzeug von Hamburg nach Mallorca fliegen, bringt das in etwa 10 Mikrosievert", sagt Thode.

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Hallo Niedersachsen

Der aufwendige Rückbau des AKW Unterweser

10.04.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Für den Rückbau des Kernkraftwerks Unterweser sind 13 Jahre angesetzt. Alles was das Kraftwerk verlässt wird vorher mehrfach auf gefährliche Strahlung überprüft. Video (02:47 min)

Gefährlichster Müll der Welt wird verpackt

Grundsätzlich läuft das so ab: Die alten Brennelemente werden innerhalb des Kraftwerks in Castoren verladen. Mit einem Gewicht von über 100 Tonnen werden sie langsam in das wassergefüllte Becken eingelassen, in dem die Brennelemente liegen. Zentimeter für Zentimeter - zwei Stunden dauert der Prozess. Dann dauert es noch einmal bis zu einer halben Stunde, bis nur ein einzelnes der eine Tonne schweren Brennelemente in die Castoren verladen wurde. Kein Wunder: Der gesamte Prozess passiert mit äußerster Präzision und unter Wasser - das Nass hält die gefährliche Strahlung zurück und kühlt die Brennelemente. Mit Argusaugen wird alles vom TÜV überwacht und zusätzlich von der europäischen Kontrollbehörde Euratom gefilmt - schließlich geht es um den gefährlichsten Müll der Welt.

Gigantische Kosten für Rückbau

Nach der Prozedur müssen die Castore fast zwei Wochen trocknen. Immer wieder wird währenddessen kontrolliert, wie viel Radioaktivität sie abgeben. Dann kommen sie wieder ins Zwischenlager, was allerdings nicht den Transport nach Gorleben bedeutet. Stattdessen lagern die Behälter auf dem Kraftwerksgelände. 39 sind es mittlerweile und sie bleiben hier, bis eines Tages ein Endlager gefunden ist. Fast alle Brennelemente sind inzwischen herausgeholt, einige Brennstäbe sind noch im AKW. Sie sollen bis Mitte nächsten Jahres geborgen werden. Doch die Brennelemente sind nur ein kleiner Teil des Rückbaus der Kraftwerksanlage, der insgesamt 13 Jahre dauern soll. Zwei Jahre kommen dann noch für den Abriss der ausgehöhlten Gebäude dazu. Die Kosten: rund eine Milliarde Euro - fast doppelt sie viel, wie beim Bau des Kraftwerks.

Kraftwerk war stets umstritten

Der Rückbau von Unterweser wurde im Februar von Umweltminister Olaf Lies genehmigt, nachdem der Antrag fast sechs Jahre geprüft worden war. Umstritten war das Kraftwerk allerdings von Anfang an: Bürgerinitiativen warfen den regionalen Behörden Geheimniskrämerei beim Bau in den frühen 70er-Jahren vor. Es gab zahlreiche Proteste von Atomkraftgegnern. Der Bremer Senat klagte sogar gegen das AKW. Die Inbetriebnahme verzögerte sich dadurch zwar, letztlich wurden aber alle Klagen abgewiesen und Unterweser ging trotzdem ans Netz.

Bürger fürchten Gefahren bei Rückbau

Die Kritik der Bürgerinitiativen, wie dem Arbeitskreis Wesermarsch und der Aktion Z, ist trotz des begonnenen Rückbaus noch immer nicht verstummt. Sie haben gegen die Pläne von PreussenElektra Klage eingereicht, weil sie Sicherheitsrisiken beim Rückbau fürchten: "Was passiert eigentlich mit den Materialien, die dort jetzt freigesetzt werden? Wo bleiben die?", fragt Jürgen Janssen von der Aktion Z. Er befürchtet eine Gefahr für die Bevölkerung. Hans-Otto Meyer-Ott vom Arbeitskreis Wesermarsch kritisiert, dass beim Rückbau die Grenzen der Genehmigung gesprengt würden. Betreiber PreussenElektra hält dagegen: Beim Rückbau halte man die Vorgaben aus Atomgesetz und Strahlenschutzverordnung penibel ein.

Ein AKW kommt in die Kiste

Das Ausmaß des Rückbaus ist gigantisch: Nach Berechnungen von PreussenElektra müssen insgesamt 675.000 Tonnen Abbruchmaterial entsorgt werden - davon rund 482.000 Tonnen Beton, Kabel und Stahl aus dem konventionellen Teil. All das muss bis auf die Grundmauern in 80-Zentimeter-Pakete zerschnitten und in Kisten verpackt werden. Nicht aller Abraum ist letztlich aber gefährlich. Der allergrößte Teil kann, nachdem er gereinigt und auf Strahlung überprüft wurde, wieder dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden. Etwa sechs Prozent des Mülls müssen verbrannt oder auf einer Deponie gelagert werden. Nur zwei Prozent sind radioaktiver Abfall. Bis dahin ist der Weg aber noch weit und die Strahlung allgegenwärtig für Experte Stephan Thode und die anderen Mitarbeiter. Eine Gefahr, die sie noch einige Jahre begleiten wird.

Dieses Thema im Programm:

Wie geht das? | 11.04.2018 | 18:15 Uhr

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