Stand: 29.10.2018 06:42 Uhr

"Glory Amsterdam": Noch kein Abschlussbericht

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Die Havarie der "Glory Amsterdam" liegt am 29. Oktober 2018 genau ein Jahr zurück.

Sorgfalt geht vor Schnelligkeit - und beim Abschlussbericht zum Unfall des Frachters "Glory Amsterdam" ist höchste Sorgfalt gefragt. Denn vom Bericht der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) hängt einiges ab. Forderungen nach mehr Sicherheit sind nach dem Unfall am 29. Oktober 2017 gestellt worden, verschiedene Stellen haben sich gegenseitig Versagen vorgeworfen. Der Untersuchungsbericht soll offene Fragen klären. Doch er ist aufwendig und dauert. Laut EU-Vorgabe sollte er spätestens ein Jahr nach dem Unfall vorliegen - diese Frist lief am Montag ab. Die BSU hat sie jedoch nicht eingehalten.

"Ziel ist es, auf allen Ebenen mehr Sicherheit zu schaffen"

Die Jahresfrist sei eher ein Richtwert, erklärte BSU-Direktor Ulf Kaspera im Gespräch mit NDR.de: Das Entscheidende sei - auch aus Sicht der EU - dass der Bericht gründlich und vollständig ist. "Ziel ist es ja, auf allen Ebenen mehr Sicherheit zu schaffen", so Kaspera zu NDR.de. Deshalb werde die Bundesstelle am Montag erst einmal einen Zwischenbericht vorlegen.

Bürgermeister über Aufarbeitung enttäuscht

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Langeoogs Bürgermeister Garrels ist mit der Aufarbeitung der Havarie unzufrieden.

Langeoogs Bürgermeister Uwe Garrels (parteilos) kann das nicht nachvollziehen. "Die ostfriesischen Inseln wollten eine zügige Untersuchung, damit die Ursachen der Havarie aufgeklärt und schnell Konsequenzen für die Zukunft gezogen werden", sagte er im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Doch eine zügige Aufklärung gibt es bisher offensichtlich nicht." Garrels befürchtet, dass sich eine Havarie wiederholen könne und fordert deshalb die Stationierung von ausreichend starken Notschleppern in der Deutschen Bucht. Außerdem müssten auf Tankern und Frachtern Notschleppgeschirre vorgeschrieben sein.

Fall "Glory Amsterdam" ist "sehr unüblich"

Der Unfall der "Glory Amsterdam" war "etwas ganz Besonderes" und sehr unüblich, betonte BSU-Direktor Kaspera. Es handele sich nicht um ein einzelnes Ereignis wie etwa die Kollision zweier Schiffe, sondern um "ein Unfallgeschehen, dass sich über Tage hingezogen hat". Allein die Vielzahl der Beteiligten mache den Vorfall äußerst komplex. Die Schiffsbesatzungen, das Havariekommando, die Bundespolizei und viele mehr hätten mit der Havarie zu tun gehabt, die Handlungen der verschiedenen Gruppen auf vielfache Weise aufeinander eingewirkt, vieles sei parallel gelaufen. All das gelte es für den Abschlussbericht auseinanderzusortieren.

Frachter konnte tagelang nicht geborgen werden

Was am 29. Oktober 2017 geschah: Während eines Sturms riss sich die "Glory Amsterdam", unter der Flagge Panamas unterwegs, von ihrem Ankerplatz vor Helgoland los und trieb rund zwölf Stunden über das Meer. Mehrere Abschleppversuche scheiterten. Zwei Kilometer vor Langeoog strandete das Schiff auf einer Sandbank. Geladen hatte der Frachter zwar nichts, doch an Bord waren fast 2.000 Tonnen Treibstoff, überwiegend Schweröl. Vor Ort wuchs die Angst vor einer Ölpest. Tage später pumpte das Bergungsteam etwa 16.000 Tonnen Ballastwasser aus dem Schiff ab. Auf diese Weise konnte es aufschwimmen und ins Tiefwasser gezogen werden. Danach wurde die "Glory Amsterdam" schließlich nach Wilhelmshaven geschleppt.

Vieles ging schief - doch wer ist verantwortlich?

Nach dem langwierigen Einsatz mussten sich die Verantwortlichen einiges anhören. Es gab Kritik am Umgang der Behörden mit der Havarie, Vorwürfe gegen das Havariekommando - diese wurden von dort entschieden zurückgewiesen. Es gab Spekulationen über Pannen, sogar über eine mögliche Sabotage der Rettungsarbeiten durch die Besatzung des Frachters - eine Rettung ist für die Reederei deutlich teurer als eine Strandung. Ein Verfahren gegen den Kapitän der "Glory Amsterdam" wurde aber eingestellt. Die Frage, wer Schuld hatte am Debakel, wurde bislang nicht beantwortet.

"Spekulationen den Boden entziehen"

Der Zwischenbericht soll dem BSU-Direktor zufolge auch dazu beitragen, Vermutungen wie den oben genannten den Boden zu entziehen. So werde etwa festgestellt, dass es keine Anhaltspunkte für "mutwillige Zuwiderhandlungen" gebe - also zum Beispiel auch nicht dafür, dass jemand die Leine durchtrennte, die den Frachter mit einem Schlepper verbinden sollte. Der Zwischenbericht sei ausführlicher als üblich. Denn wie groß das Interesse an den Erkenntnissen ist, das ist den Seeunfall-Experten bewusst. Der Bericht stelle das Unfallgeschehen dar und enthalte Vorschläge für Verbesserungen. Untersuchungsergebnisse dazu, an welchen Stellen es Fehler gab, seien ebenfalls aufgeführt: Missverständnisse hier, Kommunikationsprobleme dort. Was aber weder der Zwischen- noch der Abschlussbericht liefern werden, ist die Benennung von Schuldigen: Das sei nicht Aufgabe der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung, betonte Kaspera.

Ministerium will Bericht abwarten - Nordsee-Anrainer warnen

Interessant wird sein, ob der ausführliche Zwischenbericht der BSU der Bundesregierung erst einmal genügt, um bereits über konkrete Veränderungen zu entscheiden. Das Bundesverkehrsministerium hatte im September auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion mitgeteilt, man wolle zunächst den Abschlussbericht abwarten. Das Havariekommando in Cuxhaven solle mehr Personal bekommen, so viel wurde zugesichert, ohne allerdings Details zu nennen. Die Ungeduld wächst, vor allem an der Nordsee, wo man eine erneute Havarie fürchtet. Denn der nächste Herbst ist da. Die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste warnt: Die Herbststürme kommen und mit ihnen die Gefahr von Schiffsunfällen in der Deutschen Bucht. Die Nordsee-Anrainer forderten Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) im September auf, jetzt zu handeln - unabhängig vom Ergebnis des Untersuchungsberichts.

Inselbürgermeister fordern Verbesserung des Notfallkonzepts

Auch wenn die befürchtete Ölpest ausblieb, ließ der Unfall vor allem die Menschen auf den Ostfriesischen Inseln tief verunsichert zurück. Deren Bürgermeister forderten Aufklärung und die Erhöhung der Schiffssicherheit in der Deutschen Bucht - schon im November 2017. Sie fragten den für das sogenannte Sicherheitskonzept Deutsche Küste zuständigen Bundesverkehrsminister: Was kann am Konzept verbessert werden für den Fall, dass ein noch größeres, voll beladenes Schiff bei starkem Sturm auf die Küste zutreibt? Im Mittelpunkt ihrer Kritik stand der fehlgeschlagene Versuch des Notschleppers "Nordic", eine stabile Schleppverbindung zu dem manövrierunfähigen Havaristen aufzubauen. Gebe es keine Garantie für eine sichere Notschleppverbindung, dürften Schiffe nicht mehr außerhalb der Häfen ankern oder bei schwerem Sturm fahren, so die Bürgermeister in einer gemeinsamen Erklärung. Der Landkreis Wittmund schloss sich den Forderungen an.

30 Tage Anhörungsphase für Havarie-Beteiligte

Beschließt die Regierung, nichts zu unternehmen, bevor der endgültige Untersuchungsbericht auf dem Tisch liegt, dann müssten sich die Menschen an der Nordsee wohl noch ein paar Monate gedulden. Zwar sind die Ermittlungen Kaspera zufolge abgeschlossen und der Bericht soll im November fertig werden. Dann steht allerdings erst einmal eine sogenannte Anhörungsphase an: 30 Tage haben die Beteiligten Zeit, Stellung zu nehmen. Meldet sich niemand, könnte der Bericht direkt danach veröffentlicht werden. Kaspera rechnet nicht damit - insbesondere angesichts der großen Zahl Beteiligter im Fall "Glory Amsterdam". Zu erwarten ist, dass beteiligte Stellen die Geschehnisse aus ihrer Sicht darstellen, dass möglicherweise mithilfe von Anwälten gefordert wird, Passagen zu ändern - dass also höchstwahrscheinlich der Bericht in Bezug auf erhobene Einwände überprüft und gegebenenfalls überarbeitet werden muss. Sicher ist wohl, dass die Herbststurm-Saison längst vorbei ist, wenn das Verkehrsministerium den Abschlussbericht bekommt.

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Hallo Niedersachsen | 29.10.2018 | 19:30 Uhr

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