Stand: 21.11.2018 15:55 Uhr

Ex-Krankenpfleger zeigt sich im Prozess reumütig

Am zweiten Prozesstag hat sich der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel sich zu 26 der 100 angeklagten Morde geäußert. Einen Fall nach dem anderen gingen die Richter am Landgericht Oldenburg durch. Weil es so viele sind, wird der Angeklagte auch an den kommenden drei Verhandlungstagen zu den einzelnen Fällen befragt. An einige Taten konnte sich Högel noch gut erinnern, an andere eigenen Angaben zufolge nicht mehr. Er sei empathielos und eiskalt gewesen, beschreibt sich Högel selbst. Damals habe ihn der Tod von Patienten nicht berührt. Auf die Frage einer Anwältin der Nebenkläger, was er heute empfinde, sagte Högel: Er empfinde Scham und Ekel vor sich selbst. Er könne sich nicht erklären, wie er so werden konnte und was er für ein Mensch sei. Auch wenn es ihm niemand glaube, "jeder Fall tut mir heute unendlich leid", sagte der 41-Jährige, der wegen sechs anderer Taten bereits zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Jeder Fall wird einzeln entschieden

Zum Prozessauftakt Ende Oktober hatte Högel bereits eingeräumt, dass die Vorwürfe gegen ihn grundsätzlich zutreffen würden. Dies sei noch kein Geständnis zu jedem Tatvorwurf, erklärte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann. "Es ist wichtig, dass wir unvoreingenommen aufklären, was gewesen ist." Am Ende müsse das Gericht in jedem einzelnen Fall entscheiden, ob Högel schuldig sei oder nicht. Für den zweiten Prozesstag hatte Högel von Bührmann die Aufgabe bekommen, sich auf die ersten 30 Fälle vorzubereiten. Dazu durfte er einen speziell gesicherten Laptop mit in seine Gefängniszelle nehmen - mit Bildern und Patientenakten seiner mutmaßlichen Opfer. Die Taten liegen zum Teil mehr als 18 Jahre zurück.

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"Wer soll es denn sonst gewesen sein?"

Die Richter befragten Högel an diesem Prozesstag zu insgesamt 26 Fällen. An 15 Fälle konnte er sich erinnern und bestätigte vor Gericht, die Patienten "manipuliert" zu haben. Diese weisen in der Regel Besonderheiten auf. So konnte sich Högel gut an eine Patientin erinnern, bei der ein Arzt eine unsachgemäße Herzdruckmassage ausgeführt habe. In einem anderen Fall sei er von einer Kollegin beeindruckt gewesen, die Kontakt zur Tochter einer getöteten Patientin hatte. An zehn Fälle konnte sich Högel eigenen Angaben zufolge nicht erinnern. Er könne aber auch nicht ausschließen, dass er die Patienten "manipuliert" habe. Wieso er das nicht ausschließen könne, wollte der Vorsitzende Richter wissen. Darauf antwortete Högel: "Wer soll es denn sonst gewesen sein?" Er könne sich niemand anderen vorstellen, der so etwas mache.

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Einen Fall weist der Angeklagte von sich

In einem Fall war sich der Angeklagte dagegen sicher, nichts mit dem Tod des Patienten zu tun zu haben. "Das ist einer der wenigen Patienten, bei denen ich sagen kann, dass ich da keine Manipulation vorgenommen habe", sagte Högel. Er erinnere sich an eine herrische Schwester, die sich oft in der Nähe des Patienten aufgehalten und vor der er großen Respekt gehabt habe. Wieso dennoch bei der Obduktion Rückstände eines der bei anderen Taten verwendeten Medikamente gefunden wurden, wisse er nicht, so Högel. Außerdem war der Krankenpfleger bei der Reanimation dabei, obwohl er gar keinen Dienst hatte.

Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher

Die Dunkelziffer möglicher Mordversuche liegt vermutlich deutlich höher, als bisher angenommen. Zum Teil liegen zwischen den einzelnen angeklagten Taten mehrere Monate. "Ich habe keine Erinnerung daran, dass ich eine Pause gemacht hätte", sagte Högel. Es habe aber insgesamt mehr erfolgreiche Reanimationen gegeben als misslungene. Wie viele Taten der Krankenpfleger letztendlich beging, wird wohl ungeklärt bleiben. Viele Patienten, die starben, wurden eingeäschert, sodass die Ermittler keine Medikamenten-Rückstände mehr nachweisen konnten.

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Laut Anklage spritzte Högel zwischen 2000 und 2005 an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst Patienten im Alter von 34 bis 96 Jahren mit überdosierten Medikamenten zu Tode. Anschließend versuchte er, die Opfer zu reanimieren, was in zahlreichen Fällen misslang. Als Motiv wird Nervenkitzel bei den Wiederbelebungen und Geltungssucht vor den Kollegen angenommen. Högel sagte zum Prozessbeginn, er habe sich gut gefühlt und Anerkennung erfahren, wenn er Patienten erfolgreich reanimiert habe.

An der Strafe ändert sich nichts mehr

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft beging Högel die Taten heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen. An der bereits verhängten Höchststrafe für Högel wird der aktuelle Prozess nichts ändern. Allerdings könnte das Urteil Einfluss darauf haben, wann und ob er überhaupt jemals wieder auf freien Fuß kommt. Die rund 120 Nebenkläger erhoffen sich in erster Linie, dass Högel mehr Details zu den Todesumständen ihrer Angehörigen preisgibt und alle Fälle aufgeklärt werden. Der Prozess ist bis Mitte Mai 2019 terminiert.

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Hallo Niedersachsen | 21.11.2018 | 19:30 Uhr

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