Stand: 19.07.2019 15:24 Uhr

"Estonia"-Untergang: Gericht entlastet Meyer Werft

Ein Gericht in Nanterre bei Paris hat Tausende Zivilklagen zum Untergang der Ostseefähre "Estonia" abgewiesen. Die französischen Richter gaben am Freitag den Schadenersatzklagen von Überlebenden und Angehörigen der 852 Toten nicht statt. Auch die Klagen gegen die französische Prüfgesellschaft Bureau Veritas ließen sie nicht zu. Die Kläger hatten insgesamt 40,8 Millionen Euro Schadenersatz gefordert. Die Meyer Werft wollte sich gegenüber NDR 1 Niedersachsen nicht äußern. "Wir kommentieren das Urteil aus Respekt vor den Angehörigen und Überlebenden nicht", sagte ein Sprecher.

Wer trägt Verantwortung für den Untergang?

Es ist fast 25 Jahre her, dass beim Untergang der Ostseefähre "Estonia" 852 Menschen starben. Für die rund 1.000 Kläger, darunter Überlebende und Angehörige der Opfer, standen die Schuldigen fest: die französische Klassifizierungsstelle Bureau Veritas, die die "Estonia" als seetüchtig eingestuft hatte, und die Papenburger Meyer Werft, die die Fähre 1980 baute. Das Gericht ist dieser Sichtweise nicht gefolgt.

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"Estonia"-Untergang: Prozess gegen Meyer Werft

Opfer des "Estonia"-Unglücks und Angehörige prozessieren in Frankreich gegen die Meyer Werft. Sie fordern Schadenersatz, weil ein Konstruktionsfehler zum Untergang geführt haben soll. (14.04.2019) mehr

Anwalt: Endlich urteilt ein Gericht

Der Prozess in Nanterre hatte erst im April dieses Jahres begonnen. Das liege am Gang durch die Instanzen, der sich über mehr als zwei Jahrzehnte hingezogen habe, erklärte Maxime Cordier, einer der Kläger-Anwälte. Endlich werde ein Gericht nun feststellen, "wer für die Nachlässigkeit bei Konzeption und Betrieb des Schiffes verantwortlich" sei, sagte Cordier vor dem Urteil. Der Richterspruch fiel letztlich anders aus, als seine Mandanten das erhofft hatten.

Meyer Werft verweist auf Abschlussbericht zum Unglück

Einige der Opfer und Angehörigen hatten schon vor Jahren Zivilklagen gegen die Meyer Werft und das Bureau Veritas angestrengt, allerdings erfolglos. Die Werft wollte sich vor dem heutigen Gerichtstermin nicht zu ihren Erwartungen in Bezug auf das Urteil äußern. Die Sichtweise des Unternehmens auf das Unglück und seine Ursachen sei ohnehin seit vielen Jahren bekannt durch einen Abschlussbericht aus dem Jahr 2000, den deutsche Experten, im Auftrag unter anderem der Meyer Werft, erstellt hatten. Diese Rechtsauffassung zum Fall habe sich nicht geändert, sagte ein Sprecher vor dem Urteil zu NDR 1 Niedersachsen.

Fähre sank innerhalb kürzester Zeit

Bei der größten Schiffskatastrophe der Nachkriegszeit war die "Estonia" in der Nacht zum 28. September 1994 auf der Fahrt von Tallinn nach Stockholm während eines Sturms innerhalb kürzester Zeit gesunken. Die Bugklappe, die die Zufahrt zu den Autodecks verschloss, hatte sich gelöst - ungeheure Mengen Wasser strömten rasend schnell ins Schiffsinnere. Von 989 Menschen an Bord überlebten nur 137. Es gibt allerdings sieben Personen, die zuerst als Überlebende gelistet wurden, wenig später aber verschwanden - eines der zahlreichen Mysterien im Zusammenhang mit dem Untergang der "Estonia".

Erstes Gutachten nennt Konstruktionsfehler als Ursache

Ein offizielles Gutachten im Auftrag von Schweden, Estland und Finnland ergab 1997, dass ein Konstruktionsfehler zum Unglück geführt habe. Die Verriegelung der Bugklappe sei zu schwach gewesen, deshalb habe sie dem starken Wellengang nicht standgehalten. Die Verantwortung trug demnach die Meyer Werft, die die Fähre gebaut hatte. Die Papenburger wiesen das zurück und legten ihrerseits den oben erwähnten Bericht vor. Demnach war das Schiff einwandfrei übergeben, dann aber schlampig gewartet worden. Darüber hinaus habe es an Bord Explosionen gegeben.

Zahlreiche Theorien und Spekulationen

Bomben auf der Fähre? Zeugen hatten laute Knallgeräusche gehört. Angeblich gibt es Löcher im Rumpf. Doch geklärt ist nichts. Mögliche Detonationen bleiben ebenso Spekulation wie viele andere Theorien. So wurden offenbar Waffen auf der "Estonia" nach Schweden transportiert. Vielleicht wurden aber auch große Mengen Drogen geschmuggelt? Ein Bombenanschlag könnte das Ziel gehabt haben, entsprechende Geschäfte zu zerschlagen. Oder ging es um Schutzgeld? Ein Exempel der Mafia? Diese und andere Szenarien machen seit dem Unglück die Runde. Viele kleine Details und Puzzleteile sind verbreitet und diskutiert worden, die diese oder jene These zu stützen scheinen. Viel Stoff für Verschwörungstheorien.

Explosion oder keine Explosion? Meinungen gehen auseinander

2006 untersuchten die Hamburgische Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA) und die Technische Universität Hamburg-Harburg (TUHH) die Unglücksursache. Ihren Erkenntnissen zufolge löste sich die Bugklappe, weil das Schiff in der stürmischen See zu schnell unterwegs war. Insgesamt kamen sie zu einem ähnlichen Ergebnis wie die Kommission 1997. Es habe keine Explosion gegeben. Weitere Experten teilen diese Ansicht - andere sind hingegen überzeugt davon, dass an Bord Sprengsätze detonierten. Es steht Gutachten gegen Gutachten. Was fehlt, ist ein endgültiges, einwandfrei belegtes Ergebnis zur Ursache der Tragödie.

So sank die "Estonia" Hamburger Experten zufolge

Misstrauen gegen Regierung: Soll etwas verschleiert werden?

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Die abgerissene Bugklappe wurde geborgen, doch das Wrack der "Estonia" liegt noch am Meeresgrund. (Archivbild)

Die gegensätzlichen Schlussfolgerungen der Fachleute dürften dazu beigetragen haben, dass so viel und vielfältig spekuliert wird. Ein Hauptgrund dafür, dass die ganze Sache vielen verdächtig erscheint, ist aber sicherlich das Verhalten der beteiligten Regierungen, insbesondere der schwedischen. Diese hat mehrfach den Eindruck vermittelt, sie wolle die Aufklärung verhindern. Sie ließ das Wrack nicht bergen. Es liegt noch immer nahe der finnischen Insel Utö in der Tiefe - und mit ihm mehr als 700 Leichen. Schweden plante vorübergehend sogar, das Schiffswrack mit einer Betonmauer zu umhüllen. Da schrillten bei manchem die Alarmglocken: Sollte hier etwas vertuscht, für immer versteckt werden? Die offizielle Begründung für die Betonhülle war der Schutz der Totenruhe. Das Betongrab wurde letztlich doch nicht geschaffen, das Misstrauen bei vielen aber blieb. Videoaufnahmen, die im Rahmen der Ermittlungen nach dem Unglück gemacht wurden, zeigen offenbar nicht die entscheidende Stelle am Bug - nämlich die, wo das Wasser zuerst ins Innere geströmt war. Weitere Aufnahmen sind schwierig: Es ist verboten, zur "Estonia" hinabzutauchen.

Schritt in Richtung Aufklärung?

Die Reederei EstLine hatte Überlebenden und Opferangehörigen nach dem Untergang insgesamt 130 Millionen Euro Entschädigung gezahlt. Die Kläger verlangen jetzt aber Schadenersatz für immateriellen, für psychischen Schaden, als Ausgleich für ihr erlittenes Trauma. Darüber hinaus ist da die Schuldfrage - hier könnte die Begründung des Urteils vielleicht ein weiteres Teilstück liefern. Anwalt François Lombrez hofft auf einen großen Schritt in Richtung Aufklärung: "Zum ersten Mal wird ein Gericht über den Sachverhalt entscheiden und die zivilrechtliche Haftung des Bureau Veritas und des deutschen Herstellers Jos L. Meyer Werft beurteilen", zitierte ihn die Zeitung "Le Monde" vor dem Urteil.

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Dossier: Der Untergang der "Estonia"

Die Ostseefähre "Estonia" sinkt am 28. September 1994 bei Sturm vor der südwestlichen Küste Finnlands - mit fast 1.000 Menschen an Bord. Nur 137 überleben. Zur Unglücksursache gibt es bis heute viele Spekulationen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 19.07.2019 | 17:00 Uhr