Nach Gröning-Prozess: Nebenklägerin veröffentlicht Buch

Stand: 29.08.2022 20:58 Uhr

Judith Kalman verlor ihre Halbschwester in Auschwitz. 2015 sagte sie in Lüneburg gegen den ehemaligen SS-Mann Oscar Gröning aus. Der Prozess gab ihr den Anstoß zu einem Buch über ihre Familie.

von Christina von Saß

Toronto in Kanada, an einem warmen Sommerabend. Rund 100 Menschen versammeln sich zu einer Buchvorstellung in einem kleinen Stadtteilzentrum. Fast schüchtern steht die 68-jährige Autorin Judith Kalman auf der Bühne und hält ihre Memoiren in der Hand: "Dieses Buch ist das Ergebnis einer tiefgreifenden Erfahrung: meiner Aussage beim Gröning-Prozess in Lüneburg". Und tatsächlich - ohne das wegweisende Verfahren im fernen Niedersachsen wäre das Buch vielleicht nie geschrieben worden.

Eine von mehr als 70

Judith Kalman und Christina von Sass (NDR) sitzen auf einer Haustreppe. © NDR Foto: Christina von Sass
NDR Moderatorin Christina von Saß hat Judith Kalman in Kanada getroffen.

Im Sommer vor sieben Jahren war Judith Kalman eine von mehr als 70 Nebenklägerinnen und -klägern, die extra nach Lüneburg reisten, um beim Prozess gegen Oskar Gröning ihre Geschichte auszusagen. Einige von ihnen hatten selbst das Konzentrationslager Auschwitz überlebt, andere hatten ihre Angehörigen dort verloren. Vor Gericht stand der ehemalige SS-Mann Gröning, der zwischen 1942 und 1944 das Geld aus dem Gepäck der Deportierten gezählt und weitergeleitet hatte. 70 Jahre später wird er deshalb wegen Beihilfe zum Mord verurteilt.

Sechsjährige Halbschwester unter den Opfern

Mehr als eine Million Menschen wurden in Auschwitz ermordet - eine von ihnen war die sechs Jahre alte Evika, die Halbschwester von Judith Kalman. Einen Tag nach der Buchvorstellung sitzen wir im Haus der Familie Kalman in Toronto und Judith zeigt Fotos, die sie hütet wie einen Schatz. Fotos von Familienmitgliedern, die sie nie kennengelernt hat: von Onkeln, Tanten, Cousine, Großeltern und von der kleinen Evika. Sie wurde 1944 mit ihrer Mutter in Auschwitz ermordet.

Neuanfang in Kanada

Halbschwester Evika und ihre Mutter auf einer Schwarz-weiß-Fotografie. Sie wurden in Auschwitz ermordet. © NDR Foto: Christina von Sass
Halbschwester Evika und ihre Mutter auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie. Beide wurden in Auschwitz ermordet.

Der Vater überlebte und gründete nach dem Holocaust wieder eine Familie, aus der zwei Töchtern hervorgingen. Eine von ihnen Judith Kalman. Die Familie wanderte nach Kanada aus, weit weg von Ungarn und dem Holocaust. Doch auch dort waren die Verstorbenen ein Teil der Familie und prägten die Kindheit von Judith Kalman und ihrer Schwester: "Schon als sie ganz klein war, sah meine Schwester die Familienfotos an und sagte dann: das ist Großmutter, das ist der Onkel, das ist Evika! Sie hat die Namen regelrecht auswendig gelernt, fast wie einen Katechismus, ein Glaubens-Handbuch. Sie konnte die Namen richtig aufsagen, sie wurden ganz früh ein Teil von ihr."

"Es schmerzt mich, das zu sehen"

Evika, die Halbschwester von Judith Kalman. Sie starb mit sechs Jahren in Auschwitz. © NDR Foto: Christina von Sass
Evika und der Teddybär

Ein Foto von Evika erfüllt Judith Kalman mit besonderem Schmerz. Es zeigt das kleine Mädchen mit ernstem Gesicht, einen Teddybären fest umklammert: "Auf vielen anderen Fotos sieht sie fröhlich und unbeschwert aus, aber auf diesem ist ihr Gesicht ernst und unruhig. Die Art wie sie den kleinen Teddy hält und ihr besorgtes Gesicht: es schmerzt mich, das zu sehen, denn dann denke ich - das Ende rückte näher."

Urteil als wegweisendes Signal

Auch vor dem Lüneburger Landgericht hat Judith Kalman 2015 über das berichtet, was sie über das kurze Leben ihrer Halbschwester weiß. Der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning, der sich freiwillig zur SS gemeldet hatte, wird am Ende zu vier Jahren Haft verurteilt. Dieses Urteil - und das ist das wegweisende Signal, das von Lüneburg ausgeht - wird später vom Bundesgerichtshof bestätigt. Zum ersten Mal wird damit jemand, der Teil der SS-Wachmannschaft in einem Konzentrationslager war, wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, ohne an einzelnen Mordtaten direkt beteiligt gewesen zu sein.

6.500 SS-Helfer in Auschwitz - nur 49 werden verurteilt

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Die niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza ordnet das Urteil heute so ein: "Jeder, der an dem Tötungsapparat mitgewirkt hat und wusste, was da abläuft, ist Beihelfer. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass man das schon früher auf entsprechende juristische Gleise gesetzt hätte und dann auch mehr Leute hätten belangt werden können." Denn auch wenn das mittlerweile fast unglaublich klingt: jahrzehntelang war die Haltung des Bundesgerichtshofs eben eine andere. Solange nicht eine konkrete Straftat an einem konkreten Tag nachgewiesen werden konnte - was oft unmöglich war - wurden Wachleute aus Vernichtungslagern nicht belangt. Im Fall des KZ Auschwitz führte das zum Beispiel dazu, dass von 6.500 Männern und Frauen, die allein in Auschwitz für die SS im Einsatz waren, nur 49 in Strafprozessen für ihre Taten verurteilt wurden.

Gröning-Gnadengesuch: Havliza schweigt

Oskar Gröning war 93 Jahre alt, als ihm schließlich doch noch der Prozess gemacht wurde. Nachdem der BGH das Urteil aus Lüneburg bestätigt hatte, musste Justizministerin Havliza über ein Gnadengesuch entscheiden. Kurz bevor sie ihre Entscheidung bekanntgeben konnte, starb Gröning, mittlerweile 94 Jahre alt. Bis heute erhält sie etwa einmal im Jahr Anfragen von Journalisten, ob sie mittlerweile darüber spreche, wie sie entschieden habe. "Doch diese Anfragen werden ohne Erfolg bleiben", sagt Havliza. Ihre Entscheidung über das Gnadengesuch will sie für sich behalten.

Wichtigste Strafe war das Verfahren an sich

Judith Kalman signiert ihr Buch. © NDR Foto: Christina von Sass
Judith Kalman signiert ihr Buch.

Dass Oskar Gröning am Ende nicht ins Gefängnis musste, macht für Judith Kalman und wohl auch viele andere Nebenkläger sowieso keinen Unterschied. "Die wichtigste Strafe war, dass er durch diesen Prozess durchgehen musste. Das war die Bestrafung. Dass er all den Menschen ins Gesicht sehen musste, die gelitten hatten und dass er ihnen und ihren Geschichten zuhören musste", sagt sie. Stunden sind vergangen, in ihrem gemütlichen Haus in einem Vorort von Toronto. Sie packt die Fotos zurück in die kleine Box, in der sie sie aufbewahrt, und wir sprechen noch über das Hier und Jetzt und die Gefahr durch populistische Entwicklungen, überall auf der Welt. "Weißt Du", sagt sie, "es braucht so lange, um eine Demokratie aufzubauen, und es braucht nur zwei Sekunden und du kannst sie zerstören…".

Die Familie von Judith Kalman musste einst die Folgen solcher Zerstörung von Demokratie und Menschlichkeit erleiden. Sieben Jahre nach dem Prozess im fernen Lüneburg hat sie diese Familiengeschichte nun aufgeschrieben und damit auch die Geschichte ihrer kleinen Halbschwester Evika.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 22.08.2022 | 19:30 Uhr

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