Einsam in die Depression: Mehr Betroffene seit Corona

Stand: 06.10.2020 06:00 Uhr

Seitdem die Corona-Pandemie ausgebrochen ist, leiden mehr Menschen unter Depressionen. Nicht selten trifft es ältere Menschen, die allein sind - wie die 80-jährige Hanna.

von Marlene Kukral

"Mir geht es wieder besser", sagt sie, während sie in einem Sessel sitzt und strickt. Hanna ist seit einem Monat in der Psychiatrischen Klinik in Lüneburg in Behandlung. "Meine Seele ist krank", erzählt sie. "Das sage ich auch ganz deutlich, denn dafür muss ich mich nicht schämen." Hanna hat eine schwere Depression. Die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie haben diese ausgelöst. "Plötzlich war alles weg. Mein Vereinsleben, meine Treffen im Bücher-Club, überall war Abstand angesagt. Dabei brauche ich doch die Nähe zu Menschen, habe ich gemerkt."

"Ältere leiden besonders unter Maßnahmen"

Hanna ist damit nicht allein. In der Klinik werden seit den Einschränkungen deutlich mehr Patienten mit Depressionen behandelt als zuvor. "Uns ist aufgefallen, dass wir viele Patienten mit schweren depressiven Syndromen in schweren suizidalen Krisen behandelt haben. Das heißt, Menschen, die den kompletten Lebensmut verloren haben, oder tatsächlich auch versucht haben, sich das Leben zu nehmen", erklärt Katharina Knüpling. Sie ist die leitende Ärztin der Abteilung Gerontopsychiatrie und Psychotherapie.

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Viele Faktoren führen zur Depression

"Ältere Menschen leiden besonders unter den Maßnahmen", sagt sie. Viele fühlten sich einsam, andere hätten Angst vor dem Virus, wieder andere wollten bloß keine Last für andere sein. "Das sind alles Faktoren, die zu einer Depression führen können", sagt Knüpling.

Studie: Fünf Prozent der Deutschen mit schweren Leiden

Dass Depressionen seit Beginn der Corona-Pandemie zugenommen haben, bestätigen inzwischen auch erste Studien. Youssef Shiban, Professor an der Privaten Hochschule Göttingen, hat 2.000 Personen in Deutschland dazu befragt. Das Ergebnis seiner Studie: Fünf Prozent der Deutschen - jung und alt - geben an, dass sie schwere Symptome einer Depression haben. Studien vor Corona ließen erwarten, dass ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist.

Ältere holen sich seltener Hilfe

Laut Bundespsychotherapeutenkammer gehören ältere Menschen zu den psychisch gefährdetsten Personen während der Corona-Pandemie. "Dabei unterschätzen ältere Menschen oft die psychischen Belastungen und holen viel zu selten Hilfe", sagt Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer.

Viele Hilfs-Angebote trotz Corona

Hilfe holen, darum geht es auch der Lüneburger Ärztin Knüpling. "Wenn die Patienten zu uns kommen, ist es eigentlich schon viel zu spät." Sie hofft, dass das Thema Depression auch bei älteren Menschen kein Tabu bleibt. Auch hier gelte das "No-wrong-door-Prinzip" - es gebe keine falsche Tür, bei der man um Hilfe bitten kann. Auch in Zeiten der Pandemie seien die Kliniken und Arztpraxen sichere Orte. "Wir haben hier ein strenges Hygienekonzept, davor braucht keiner Angst haben", so Knüpling. Viele Therapeuten bieten zudem Videosprechstunden an.

"Das lohnt sich auch mit 80 Jahren"

Hanna hat ein guter Freund geholfen. "Der Freund, der mich hierhergefahren hat, hat zu den Schwestern und zu der Ärztin gesagt: 'Ich nehme sie nicht wieder mit zurück.' Das fand ich ja irgendwie toll." Hanna war am Boden, als sie in die Klinik kam. "Man hat mich aufgenommen. Und da habe ich gedacht: Ein Glück, du wirst gerettet."

Nach einem Monat in der psychiatrischen Klinik blickt Hanna positiv in die Zukunft. "Das lohnt sich auch mit 80 Jahren", sagt sie heute. Vor wenigen Wochen war das noch ganz anders.

Depression: Diese Stellen bieten Hilfe an

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung zu jeder Tages- und Nachtzeit unter den bundesweiten Telefonnummern (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222. Die Telefonseelsorge bietet auch eine Mail- und eine Chat-Beratung an.
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: erreichbar montags, dienstags und donnerstags von 13 bis 17 Uhr sowie mittwochs und freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr unter (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet auch einen Selbsttest sowie Informationen und Adressen rund um das Thema Depression an.
  • Diskussionsforum Depression: Erfahrungsaustausch für Betroffene und Angehörige
  • Hilfe für Kinder, Jugendliche und Eltern: Eine Anlaufstelle in Krisensituationen kann die "Nummer gegen Kummer" sein. Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter 116 111 erreichbar, immer von montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr. Die Nummer des Elterntelefons lautet (0800) 111 05 50, erreichbar montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr und dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 06.10.2020 | 06:00 Uhr

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