Stand: 16.04.2020 07:05 Uhr  - NDR Fernsehen

Bergen-Belsen: "Lichter auf Schienen" digitalisiert

von Christina von Saß
Am 15. April 1945 haben britische Streitkräfte das KZ Bergen-Belsen von den Nazis befreit. (Themenbild)

Elke von Meding hatte alles vorbereitet - für das diesjährige Gedenken "Lichter auf Schienen". Hunderte Kerzen wollte sie wieder aufstellen, an der sogenannten Verladerampe - ein paar Kilometer von der Gedenkstätte Bergen-Belsen entfernt. Und dann machte die Corona-Krise dem ganzen ehrenamtlichen Engagement einen Strich durch die Rechnung: "Erst waren wir alle sehr traurig", erzählt sie. "Aber dann hatten wir die Idee, das digital zu machen. Und ich freue mich, dass das zustande gekommen ist", sagt von Meding.

Gedenkfeier für Bergen-Belsen findet online statt

Hallo Niedersachsen -

Am 15. April 1945 wurde das KZ Bergen-Belsen befreit. Weil wegen der Corona-Pandemie die Gedenkveranstaltung ausfallen musste, wurden die Gedenk-Texte online vorgelesen.

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Lehrerin engagiert sich seit den 1990er-Jahren

Seit Mitte der 1990er-Jahre stellt die pensionierte Mathematik- und Physik-Lehrerin jedes Jahr im Umfeld des großen offiziellen Gedenkens zum Jahrestag der Befreiung eine kleine Feier auf die Beine, mit der sie an die ehemaligen Häftlinge erinnern möchte, die in Viehwaggons in das Konzentrationslager Bergen-Belsen transportiert wurden. Dazu versammeln sich Dutzende Menschen an den Schienen, um den angereisten Überlebenden zuzuhören. Außerdem lesen Jugendliche aus Zeitzeugenberichten vor.

Videos
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Aus der Not eine Tugend gemacht: Zeitzeugenberichte auf Video

In diesem Jahr musste von Meding aus der Not eine Tugend machen. Die Schüler und Schülerinnen des Christian-Gymnasiums aus dem nahe gelegenen Hermannsburg (Landkreis Celle), die mitmachen wollten, nahmen die Texte kurzerhand auf Video auf. Daraus sind kurze Clips geworden, die im Internet zu sehen sein werden: auf der Internetseite von "Lichter auf Schienen" und auf der Seite der Gedenkstätte Bergen-Belsen.

17-Jährige liest aus Erinnerungen einer Überlebenden

Die 17-jährige Henrieke Klein steht an der Rampe. Sie liest aus den Erinnerungen von Yvonne Koch vor. Einer Frau aus Düsseldorf, die das KZ als Kind überlebte: "Meine Eltern haben mich kaum erkannt. Ich habe sie nicht gedrückt und nicht geküsst - ich hatte nur den Wunsch, ein sehr langes Brot zu haben. Und auch wenn ich mir ein Stück abschneide, sollte es nicht weniger werden. Ich war zwölf Jahre alt und hatte fast alles, was ich vor dem KZ in der Schule gelernt hatte, vergessen."

"Schön zu sehen, dass auch wir jungen Leute daran denken"

Henrieke Klein ist froh, dass die Zeitzeugen und Zeitzeuginnen über die kurzen Videos mitbekommen, dass sich in Deutschland junge Menschen mit dem Thema beschäftigen: "Ich glaube, für viele Überlebende ist es schön zu sehen, dass auch junge Leute wie wir noch daran denken." Es zeige, dass sich ihre Generation mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust beschäftige.

Corona: Gedenken an Befreiung in kleinem Rahmen

Vor 75 Jahren haben britische Soldaten das KZ Bergen-Belsen befreit. Dieser Jahrestag sollte eigentlich in großem Rahmen begangen werden: mit insgesamt 5.000 Gästen und 120 Überlebenden des Lagers. Das Coronavirus hat allem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die großen Feierlichkeiten mussten abgesagt werden, das Gedenken findet jetzt nur in kleinem Rahmen statt. Am kommenden Sonntag wird Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) einen Kranz in Bergen-Belsen niederlegen - gemeinsam mit Michael Fürst (Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden) und Jens-Christian Wagner (Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten).

Schülerin kann Schlussstrich-Debatten nicht verstehen

Wie Henrieke ist auch die 18-jährige Janne Wollnik Mitglied der Geschichts-AG an der Schule. "Für mich ist unvorstellbar, was dort passiert ist", sagt sie. Als Kind sei sie oft an Bergen-Belsen vorbeigefahren und habe den Ort als schön empfunden - bis ihre Mutter ihr von der Geschichte des Lagers erzählt habe. "Das ist auch ein bisschen seltsam, wenn man durch die Gedenkstätte geht. Wenn man sich die Bäume anschaut, die Birken, Tiere, die dort leben ... man denkt sich eigentlich: Was für ein schöner Ort. Und rechts neben einem ist dann dieses Massengrab und da steht dann, dass in der Erde die sterblichen Überreste von 2.000 Menschen liegen." Schlussstrich-Debatten kann sie nicht nachvollziehen. Die Erinnerung aufrechtzuerhalten und dafür zu sorgen, dass das Leid der Menschen nicht in Vergessenheit gerät, ist für sie eine moralische Pflicht: "Das gehört sich einfach", sagt die Schülerin.

Lasker-Wallfisch: Erlebnisse überstiegen die Zumutbarkeit

Janne liest aus Texten der Holocaust-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch, die in diesem Jahr eigentlich die Rede bei der offiziellen Gedenkfeier halten sollte. Die 18-Jährige findet die Art und Weise, wie nüchtern Lasker-Wallfisch das Grauen schildert, tief beeindruckend: "Unsere Erlebnisse und Erfahrungen lagen außerhalb dessen, was normalerweise einem Menschen im Laufe einer langen Lebensspanne zugemutet wird. Plötzlich war das alles zu Ende. Wir waren befreit. Seit Jahren hatten wir für diesen Augenblick gelebt. Ich war 19 Jahre alt und ich fühlte mich wie 90."

Kerzen zum Gedenken

Als Elke von Meding vor mehr als 20 Jahren aus Hannover in die Heide-Region zog und jeden Abend Güterzüge hörte, die hinter ihrem Dorf vorbeifuhren, begann sie zur Geschichte der Verladerampe zu recherchieren, die heute noch militärisch genutzt wird. Mittlerweile ist der historische Teil der Rampe unter Denkmalschutz gestellt und mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern hat von Meding dafür gesorgt, dass ein Waggon als Mahnmal aufgestellt wurde. Am Mittwochabend, dem Jahrestag der Befreiung, wird sie wie jedes Jahr dorthin gehen und Kerzen anzünden - in Vertretung für alle, die nicht kommen können. Das sei ihr wichtig.

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Dieses Thema im Programm:

19.04.2020 | 13:00 Uhr

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