Ein Tropfen hängt an der Nadel einer Spritze. © dpa-Bildfunk Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Vorzeitige Impfung: Klinikmanager entschuldigen sich

Stand: 06.02.2021 20:16 Uhr

Nach der Impfung von Mitgliedern des Geriatrie-Direktoriums des Klinikums Region Hannover (KRH) Langenhagen erwägt das Klinikum offenbar arbeitsrechtliche Konsequenzen.

von Christina Harland

Ein Sprecher des Klinikums bestätigte, der Sachverhalt werde seit den Recherchen des NDR geprüft. Dem NDR liegt ein internes Schreiben der drei betroffenen Direktoren vor, die sich bei der Belegschaft entschuldigen. Darin heißt es: "Wir als Direktorium der KRH Geriatrie Langenhagen haben Fehler gemacht. Dieser bestand darin, die Regelungen der Corona-Impfverordnung zu weit ausgelegt und Impfungen angenommen zu haben. (...) Mit dieser Stellungnahme möchten wir uns aufrichtig bei Ihnen entschuldigen - vor allem bei denjenigen, die mit ihrer täglichen Arbeit an den Patientinnen und Patienten bereit sind, in dieser sehr schwierigen Lage auch persönliche Risiken einzugehen."

Management ohne direkten Kontakt zu Patienten

Offenbar war der ärztliche Direktor und Chefarzt der Geriatrie davon ausgegangen, dass es statthaft sei, auch Kollegen aus dem Management zu impfen, die keinen direkten Patientenkontakt haben. Diese gehören allerdings nicht zur sogenannten Kategorie 1, die die Impfverordnung des Bundes definiert. In Kliniken gehören zu dieser Kategorie Ärzte, Intensivpflegepersonal, Personal der Zentralen Notaufnahme und Pflegepersonal auf den eingerichteten Covid-Stationen. Dazu kommt Personal aus der Diagnostik, welches im direkten Kontakt mit infizierten Patienten steht, wie in der Endoskopie und Radiologie. Auch das Reinigungs- und Servicepersonal auf Covid-19-Stationen zählt zur "Kategorie 1".

Auch Geschäftsführung des Klinikums Peine ließ sich impfen

Am Donnerstag hatte das KRH die Vorfälle offiziell in einer Stellungnahme eingeräumt und sein Bedauern geäußert. Es gibt weitere Fälle. Auch das Klinikum Peine bestätigte dem NDR auf Nachfrage, dass sich der Geschäftsführer und seine Assistentin vorzeitig impfen ließen.

Verwaltung im gleichen Stockwerk mit Covid-19-Patienten

Nach Auskunft der Kliniksprecherin hatte der Leiter des Peiner Impfzentrums das vorgeschlagen. Zur Begründung führte sie an, die Verwaltungsebene sei im gleichen Stockwerk angesiedelt, wie die Station mit Covid-19-Patienten. Aus Sicht der Geschäftsführung sei die Impfung nicht widerrechtlich erfolgt. Immerhin gehöre der Geschäftsführer zur Risikogruppe und habe sich kurz nach der ersten Impfung sogar mit dem Coronavirus infiziert. Eine schriftliche Stellungnahme wolle man am Montag abgeben.

Landkreis äußert sich zum Wochenbeginn

Das Klinikum Peine hat rund 700 Mitarbeiter. Es ging vor einem Jahr wieder in die öffentliche Hand, als Stadt und Landkreis Peine das hochverschuldete Klinikum vom privaten Mutterhaus AKH Celle übernahmen. Der Landkreis als Träger will sich erst zum Wochenbeginn zu den Impfungen für das Klinikmanagement äußern.

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Impfdrängler sollen bestraft werden

Vergangene Woche erst mussten sich der Chefarzt des Klinikverbunds Aurich-Emden-Norden und der Geschäftsführer des Wittmunder Krankenhauses für vorzeitige Impfungen rechtfertigen. Politiker zeigten sich parteiübergreifend verärgert und bezeichneten es als verwerflich und unsolidarisch, seine berufliche Position auszunutzen und sich beim Impfen vorzudrängeln. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Uwe Schwarz, fordert Strafen für Impfdrängler. "Das ist ein eigensinniges moralisches Verhalten und durch nichts zu rechtfertigen. Der Bund muss das in der Impfverordnung endlich als Ordnungswidrigkeit einstufen. Nur so können wir Verstöße ahnden."

Fassungslosigkeit bei der FDP

Auch Volker Meyer, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU, sagt: "Das darf nicht unbestraft bleiben." Er sieht Krankenhausmanager in besonderer Verantwortung, ihrer Belegschaft eine sensible Anwendung der Impfverordnung vorzuleben. Nach Strafen ruft die FDP nicht. Doch Susanne Schütz, gesundheitspolitische Sprecherin, macht es nach eigenen Worten fassungslos, wie wenig Sensibilität gerade bei denen vorhanden sei, die sich beruflich besonders intensiv mit der Impfverordnung des Bundes auseinandersetzen müssten. Der Bund müsse Grenzfälle klar regeln und noch besser nach außen kommunizieren, wer wann impfberechtigt sei.

Klare Vorgaben für Umgang mit Impfresten gefordert

Nach Auffassung von Meta Janssen-Kucz, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, hat das Land durchaus die Möglichkeit, Verstöße gegen die Impfverordnung mit einer eigenen Verordnung als Ordnungswidrigkeit zu klassifizieren. Sie erwartet dazu ein klares Zeichen und fordert ebenso klare Vorgaben für den Umgang mit Impfresten. So hätten schon jetzt einige Landkreise Listen angelegt, mit Kontakten zu Personen aus dem Einsatz- und Rettungswesen, also Menschen, die nach der Impfverordnung eigentlich erst in "Kategorie 3" fallen, aber ebenso dringlichen Impfbedarf hätten. Diese Möglichkeit solle das Land eröffnen und klar regeln.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 05.02.2021 | 13:30 Uhr

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