Stand: 05.05.2019 18:00 Uhr  - Hallo Niedersachsen

Lügde: Neue Vorwürfe gegen Hamelner Jugendamt

von Cathrine Lejeune und Marie-Caroline Chlebosch
Im Missbrauchsfall von Lügde erhebt der leibliche Vater eines heute achtjährigen Mädchens schwere Vorwürfe gegen das Hamelner Jugendamt. (Themenbild)

Im Missbrauchsskandal auf einem Campingplatz bei Lügde gibt es neue Vorwürfe gegen das Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont. Es steht bereits in der Kritik, ein damals sechsjähriges Mädchen trotz mehrfacher Hinweise auf Pädophilie in die Obhut eines arbeitslosen Dauercampers gegeben zu haben. Gegen den 56-jährigen Mann, Hauptverdächtiger im Fall Lügde, laufen Ermittlungen wegen des Verdachts, etliche Kinder tausendfach sexuell missbraucht zu haben. Im NDR äußert sich jetzt erstmals der leibliche Vater des Mädchens. Er sagte dem Fernseh-Regionalmagazin Hallo Niedersachsen, er habe von dem mutmaßlichen Missbrauch seiner Tochter erst aus den Medien erfahren. Vom Jugendamt habe er sich allein gelassen gefühlt.

Warum informierte Jugendamt leiblichen Vater nicht?

Der 25-Jährige, der in der Öffentlichkeit zum Schutz seiner Tochter anonym bleiben möchte, sagte dem NDR im Interview, das Jugendamt habe ihn nicht kontaktiert, als es von dem schwerwiegenden Tatverdacht erfahren hatte: "Ich kann das gar nicht in Worte fassen. Da kam telefonisch nichts, es kam per Post nichts, es kam per E-Mail nichts. Ich wurde auch nicht dazu befragt, wie es weitergeht."

25-Jähriger will Sorgerecht für Kind

Er war selbst noch Schüler, als die Tochter 2011 zur Welt kam. Er hat die Vaterschaft anerkannt, die Unterlagen liegen dem NDR vor. Das Sorgerecht lag von Beginn an nur bei der Mutter. Heute mache er sich große Vorwürfe, sagt der junge Mann. Er hätte seine Mitsprache mehr einfordern müssen, doch ihm habe in jenen Jahren selbst der familiäre Rückhalt gefehlt. Inzwischen hat er sich einen Anwalt genommen und bemüht sich, das Sorgerecht zu erhalten.

Reagierte Jugendamt nicht auf Anrufe?

2016 gab das Jugendamt das Kind auf Wunsch der Mutter dem Dauercamper nahe Lügde in Pflege. Der leibliche Vater habe zufällig davon erfahren und sagt im Interview, er sei erschrocken gewesen. Bei einem Besuch des Mädchens sei er von dem heute 56-jährigen Hauptbeschuldigten vom Campingplatz vertrieben worden. Die Schilderung des Vaters wird durch einen Zeugen bestätigt. Der Vater beteuert, er habe das Jugendamt danach mehrfach angerufen und seinen Protest auf dem Anrufbeantworter hinterlassen: "Ich sagte, wie kann es sein, dass ein Kind auf einem Campingplatz abgegeben wird? Ob die sich da mal umgeschaut haben, wie verwahrlost das ist? Ob das deren Ernst ist, auf die Wünsche der Mutter einzugehen?" Doch einen Rückruf habe er nie bekommen.

Behörde verweist auf Datenschutz

Das Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont verweist in einer Stellungnahme gegenüber dem NDR auf den Datenschutz: Es könne keine detaillierte Auskunft zu konkreten Personen geben. Grundsätzlich würden neben den Fachleuten des Amtes alle Entscheidungen unter Würdigung der Willensäußerung der sorgeberechtigten Person gefällt.

"Gravierender fachlicher Fehler"

Juristisch sei das zwar richtig, bewertet der Pflegschaftsforscher Professor Klaus Wolf von der Universität Siegen den Umgang des Jugendamtes mit dem Kindsvater. Dennoch sieht er einen "gravierenden fachlichen Fehler":  "Wenn man zu dem Vater sagt: 'Du bist unterhaltsverpflichtet, weil du die Vaterschaft anerkennst, aber ansonsten informieren wir dich nicht darüber, wie dein Kind lebt', dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn er das Gefühl eines unfairen Umgangs hat."

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen drei Verdächtige

Gegen den 56-jährigen Hauptverdächtigen ermittelt die Staatsanwaltschaft Detmold. Er soll zahlreiche Kinder sexuell missbraucht und dabei auch gefilmt haben. Er sitzt in Untersuchungshaft, ebenso wie zwei mutmaßliche Mittäter.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 05.05.2019 | 19:30 Uhr

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