Stand: 05.09.2019 15:16 Uhr

Lügde: Hohe Haftstrafen für "abscheuliche Taten"

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Im Prozess um Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lüdge sind am Donnerstag lange Gefängnisstrafen verhängt worden.

Im Prozess um den massenhaften Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde (Nordrhein-Westfalen) nahe Bad Pyrmont hat das Landgericht Detmold die beiden Hauptangeklagten zu langen Haftstrafen mit Sicherungsverwahrung verurteilt. Der 56-jährige Andreas V. muss 13 Jahre ins Gefängnis. Mario S. aus Steinheim wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sich die beiden Angeklagten in 271 Fällen des teils schweren sexuellen Kindesmissbrauchs schuldig gemacht haben.

271 Einzeltaten nachgewiesen

Laut Urteil haben Andreas V. und Mario S. über mehrere Jahre insgesamt 32 Kinder sexuell missbraucht. Einige der Opfer waren dem Gericht zufolge noch im Kindergartenalter. Den Angeklagten konnten vom Gericht 271 Einzeltaten, darunter Vergewaltigungen, nachgewiesen werden. Die Staatsanwaltschaft hatte den beiden Männern in ihrer Anklageschrift mehr als 450 Einzeltaten vorgeworfen. Einige der Gewalttaten sollen sie zudem gefilmt haben. Die Parzelle von Andreas V. auf dem Campingplatz war einer der Tatorte. Eine Gutachterin hatte beide Männer im Prozess als voll schuldfähig eingestuft.

Richterin nennt Taten "abscheulich"

"Nach wie vor fällt es schwer, das Geschehen in Worte zu fassen", sagte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda in der Urteilsbegründung. Worte wie "abscheulich, monströs, widerwärtig" reichten nicht aus, das Geschehen zu beschreiben. "Auch nach zehn Verhandlungstagen bleibt die Fassungslosigkeit", so die Vorsitzende Richterin. Die beiden seien für Taten an 32 Kindern verurteilt worden. Die Zahl der Opfer sei vermutlich viel höher. Die Richterin sprach die Verurteilten mehrfach direkt an: "Sie haben 32 Kinder und Jugendliche zu Objekten ihrer sexuellen Begierden degradiert und 32 Kindheiten zerstört." Die Kammer habe leider nicht den Eindruck gewinnen können, dass die beiden auch nur ansatzweise verstanden hätten, welche Schuld sie auf sich geladen hätten.

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Nebenklage-Anwältin: Aufarbeitung muss weitergehen

Eine Vertreterin der Nebenklage sagte, dass jetzt zwar die Täter verurteilt worden seien, die juristische Aufarbeitung aber weitergehen müsse. Sie spielte damit auf die Rolle mehrerer Behörden an, die in den Fall involviert waren. Die Anwältin sprach von einem Versagen. Man hätte bereits vor Jahren die Taten aufdecken können, damit wäre den Opfern viel Leid erspart worden, so die Juristin. Der Prozess gegen die Hauptangeklagten hatte vor rund zehn Wochen Anfang Juni begonnen. Aus Opferschutzgründen wurde in weiten Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Am Rande des Prozesses hatten die Nebenklagevertreter von schweren Traumata ihrer Mandanten berichtet.

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Staatsanwaltschaft: Geständnisse strafmildernd

Die Staatsanwaltschaft hatte in den Plädoyers für V. 14 Jahre, für S. zwölfeinhalb Jahre Haft gefordert. Für beide hatte die Anklagebehörde eine anschließende Sicherungsverwahrung beantragt. Die Geständnisse seien strafmildernd berücksichtigt worden, zudem seien sie nicht vorbestraft, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Plädoyers wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehalten. Der Verteidiger von Andreas V. plädierte für eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren für seinen Mandanten. Der Verteidiger von Mario S. stellte keinen konkreten Strafantrag.

Bewährungsstrafe für Beteiligten aus Stade

Der 49-jährige Heiko V. aus Stade, der sich den Missbrauch über Videochats angeschaut haben soll, war vom Landgericht Detmold in einem separaten Prozess bereits zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Die Kammer befand ihn der Anstiftung und Beihilfe zum schweren sexuellen Missbrauch von Kindern für schuldig. Die Staatsanwaltschaft Detmold hat Revision gegen das erste Urteil im Fall Lügde eingelegt.

Was bedeutet Sicherungsverwahrung?

Die Sicherungsverwahrung ist eine freiheitsentziehende Maßregelung mit dem Zweck, die Allgemeinheit zu schützen und gefährliche Täter zu bessern. Sie wird bei Personen verhängt, bei denen nach Einschätzung des Gerichts der Hang besteht, auch zukünftig erhebliche und für die Allgemeinheit gefährliche Straftaten zu begehen. Laut Strafgesetzbuch betrifft dies insbesondere Taten, die sich gegen das Leben, die körperliche Unversehrtheit, die persönliche Freiheit oder die sexuelle Selbstbestimmung richten. Die Sicherungsverwahrung schließt sich an die Verbüßung einer Haftstrafe an und ist grundsätzlich nicht zeitlich begrenzt. Ihre Fortdauer wird in regelmäßigen Abständen von der zuständigen Strafvollstreckungskammer überprüft. Sie kommt erst ab einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren in Betracht. Die Sicherungsverwahrung muss sich deutlich vom Strafvollzug unterscheiden und räumlich getrennt vollzogen werden.

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Hallo Niedersachsen | 05.09.2019 | 19:30 Uhr

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