Der Dom Mariä Himmelfahrt zu Hildesheim ist bei Sonnenschein hinter einem Torbogen zu sehen. © dpa-Bildfunk Foto: Moritz Frankenberg

Verletzte, Vertuschungen und eine kontaminierte Kirche

Stand: 14.09.2021 19:10 Uhr

Eine unabhängige Kommission hat ihre Untersuchung zu den Misbrauchsvorwürfen im Bistum Hildesheim vorgelegt. Damit ist der verstorbene Bischof Heinrich Maria Janssen demontiert.

Ein Kommentar von Florian Breitmeier

Bischof Janssen hat zahlreiche Missbrauchstäter geschützt und seine bischöfliche Fürsorgepflicht eklatant verletzt. Denn er unternahm nichts für die Betroffenen sexualisierter Gewalt. Kaltherzig überließ er diese Kinder und Jugendlichen ihrem Schicksal. Gänzlich tatenlos blieb er gleichwohl nicht. Mit brennender Fürsorge agierte er für die Brüder im Priesteramt. Sie wurden einfach versetzt, in eine andere Gemeinde, in ein anderes Bistum, oder, wenn es sein musste, auch nach Lateinamerika, wenn Janssen die Staatsanwaltschaft im Nacken saß.

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
NDR Redakteur Florian Breitmeier kommentiert die Untersuchung zum massenhaften Missbrauch im Bistum Hildesheim.
Emotionale Konflikte in den Familien, Spaltungen in den Gemeinden

Verschweigen, vertuschen, versetzen. Mit dieser "Personalpolitik" nahm der Bischof billigend in Kauf, dass Missbrauchstäter an anderen Orten des Bistums erneut Kinder missbrauchten. Es galt vor allem, den öffentlichen Skandal zu vermeiden. Seine Kirche wollte er dadurch schützen, den schönen katholischen Schein wahren. Der Bischof hat aber die Kirche durch sein Verhalten nicht geschützt. Er hat der Kirche sogar massiv geschadet. Weil Bischof Janssen und die damalige Bistumsleitung die Verbrechen in den Gemeinden nämlich nicht thematisierten, schufen sie Gräben zwischen denen, die vielleicht eine Ahnung von den Taten hatten und jenen, die unbeirrt am Pfarrer festhielten. Viele Gemeinden im Bistum Hildesheim wurden so sozial kontaminiert. Die Folge waren häufig emotionale Konflikte in betroffenen Familien und Spaltungen in den Gemeinden.

Der ehemalige Bischof Heinrich Maria Janssen. © picture-alliance
AUDIO: Kommentar zu Missbrauchsvorwürfen: Verstörende Doppelmoral (3 Min)

Pervertierung des Hirtenamtes

Aufgabe und Anspruch eines Bischofs muss es aber sein, für die Einheit in einem Bistum und seiner Gemeinden einzustehen. Er soll Menschen und Begabungen zusammenführen, er soll sich um das Seelenheil der Gläubigen kümmern, auch Konflikte lösen. Dem kam Bischof Janssen nicht nach. Er hat im Falle des Umgangs mit sexualisierter Gewalt eine Pervertierung des Hirtenamtes betrieben. Denn er hat die Schwächsten nicht geschützt und durch seine "Personalpolitik" zahlreiche Gemeinden gespalten.

Es herrschte eine Unrechtskultur

Die Studie ist auch die Demontage eines Denkmals. Eines Mannes, der im Bistum Hildesheim nach wie vor unter vielen Gläubigen hohes Ansehen genießt. Die Untersuchung offenbart: Es brauchte gar keine Täternetzwerke im klassischen Sinne, um damals im Bistum Hildesheim Kinder sexuell auszubeuten. Es herrschte eine Unrechtskultur, die es Tätern erleichterte, sich an Kindern zu vergehen. Und die Täter konnten sich der brüderlichen Fürsorge des mächtigen Mannes am Domhof gewiss sein, falls doch mal etwas bekannt wurde.

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Verstörende Doppelmoral am Domhof

Das weltliche Recht scherte Bischof Janssen in diesen Fragen ebenso wenig wie das Kirchenrecht oder klassische Moralvorstellungen. Die katholische Sexuallehre hat er offiziell streng verteidigt, bei Kindesmissbrauch durch Kleriker aber schaute er weg. Am Hildesheimer Domhof herrschte eine Doppelmoral, die verstört. Wie ein absolutistischer Monarch missbrauchte der Bischof seine Macht, verletzte seine Fürsorgepflicht, offenbarte eine frostig-schroffe Verantwortungslosigkeit. Das hat Menschen verletzt und auch das Bistum als Institution.

Weitere schonungslose Aufklärung nötig

Die Wunden sind bis heute vielerorts nicht geheilt. Ohne weitere schonungslose Aufklärung kommt das Bistum nicht aus der Krise. Denn nur durch sichtbare und konkrete Konsequenzen sind Betroffene sexualisierter Gewalt auch bereit, sich an schwierigen Aufarbeitungsprozessen zu beteiligen. Diese Zeit hat im Bistum Hildesheim gerade erst begonnen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 14.09.2021 | 08:00 Uhr

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