Die Moschee des Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim. © Picture Alliance Foto: Holger Hollemann

Hildesheim: Wandel nach dem Moschee-Verbot vor vier Jahren

Stand: 22.02.2021 16:50 Uhr

Vor vier Jahren haben Spezialeinheiten in Hildesheim die Islamisten-Moschee gestürmt und der Innenminister den radikalen Verein "DIK" verboten. Seitdem hat sich in der Nordstadt einiges verändert.

von Angelika Henkel

Auf den ersten Blick wird das nicht unbedingt deutlich. Noch immer ist es ein Stadtteil, im dem viele Menschen unterschiedlicher Herkunft wohnen. Menschen, die oft eines gemeinsam haben: wenig Geld und wenig Chancen. Und doch: Die Nordstadt wird eine andere. Keiner weiß das so genau wie Frank Auracher. Im Auftrag der Stadt leistet er hier Gemeinwesenarbeit. Stolz zeigt er hinüber zum Familienzentrum Maluki, wo demnächst Bauarbeiten anstehen. "Es soll einen großen Vorplatz geben", berichtet Auracher im Gespräch mit dem NDR. "Er soll das Ganze einladend machen für alle, die das Familienzentrum nutzen werden, Eltern oder andere Interessierte."

Erneuerung des Stadtteils nach Moschee-Verbot

14 solcher Projekte stehen an, alle hier in Gehweite. Es soll mehr Raum für Begegnung geben, für Bildung und für gemeinsamen Sport. Nur fünfzig Meter weiter liegt die unscheinbare, ehemalige Drogerie, die Islamisten zu ihrem Zentrum ausgebaut hatten - bis der Moscheeverein 2017 verboten wurde. Den Stadtteil zu erneuern, diese Idee gibt es schon seit 2013. Doch seit dem Vorfall hat das Vorhaben an Fahrt aufgenommen - auch um Radikalisierern den Nährboden zu entziehen.

Sozialpolitik als Schlüssel zum Erfolg

Für Auracher ist Sozialpolitik der Schlüssel zu vielem, da diese total viel mit Prävention zu tun habe, wie er sagt: "Wir hatten hier im Vorfeld ein Defizit. Die normal ausgestatteten Schulen und Kitas konnten viele Eltern nicht erreichen, weil alle damit beschäftigt waren, ihren normalen Bildungsauftrag zu erfüllen." Angestellt ist Auracher bei der Lebenshilfe, die hier im Auftrag von Stadt und Landkreis viel auf die Beine stellt. Ein Modell, das es in anderen Ländern nicht gibt, sich aber in Deutschland bewährt hat.

Schule wird von Sozialarbeiterin unterstützt

Auch Elisabeth Junge arbeitet hier. Sie ist seit 22 Jahren Leiterin der benachbarten Johannnes-Grundschule. Und auch bei ihr hat sich etwas getan: Vor zwei Jahren wurde endlich eine Schulsozialarbeiterin bewilligt. Sie halte den Draht zu Familien, erläutert die Schulleiterin. "Sie hat Zeit, sich Eltern und Schülern intensiver zu widmen. Seitdem sie bei uns ist, läuft vieles deutlich besser." Junge und Auracher sind sich einig: Solche Unterstützung bräuchten auch die Kindertagesstätten.

Verfassungsschutz: Szene ist nicht mehr so auffällig

Vor dem Moschee-Verbot - also vor 2017 - waren Islamisten in szenetypischer Kleidung häufiger im Straßenbild zu sehen. Hunderte Menschen besuchten die Freitagsgebete, zu besonderen Festen reisten Anhänger aus ganz Deutschland an. Zum engeren Kreis zählte der Verfassungsschutz damals rund 50 Menschen. Mit dem Verbot des Vereins wurde ihnen die Basis entzogen, sagt der Präsident des niedersächsischen Verfassungsschutzes, Bernhard Witthaut, dem NDR: "Sie treffen sich jetzt an anderen Orten, in Privatwohnungen etwa. Sie sind nicht mehr so aktiv und nicht mehr so auffällig."

Beratungsstelle will Jugendliche stärken

Gleich hinter der Bahntrasse, die die Nordstadt von der Hildesheimer City trennt, hat die Caritas ein Büro bezogen. Es ist die Beratungsstelle gegen Radikalisierung und Demokratiefeindlichkeit "radius" - eine unmittelbare Reaktion auf das Vereinsverbot. Mit im losen Verbund sind Polizei, Sozialbehörden und ein Aussteigerprogramm. Jeder im Netzwerk hat eine andere Aufgabe. Bastian Kulus organisiert mit seinen Kollegen Vorträge und er bietet konkrete Jugendarbeit, die die Werte der Gesellschaft vermitteln sollen - wie Zusammenhalt, Gleichwertigkeit und Toleranz. "Wir wollen die Jugendlichen stark machen", sagt Kulus. "Und wenn sie mal durch die Stadt laufen und auf einen Stand treffen, wo irgendwas verkauft werden soll, dann kommt ihnen das vielleicht komisch vor und sie fragen nach, was das bedeutet."

Es ist Prävention, die kostet, ohne dass sie gleich Ergebnisse bringt. Es ist ein mühseliges Geschäft mit vielen Beteiligten und auch mit Rückschlägen. Und doch: Vier Jahre nach der Schließung der Problem-Moschee hat sich viel getan in Hildesheim.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Hallo Niedersachsen | 24.02.2021 | 19:30 Uhr

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