Stand: 09.10.2018 19:39 Uhr

Pflegenotstand ruft Ministerin auf den Plan

Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) nimmt die Vorwürfe des leitenden Oberarztes der Kinderintensivstation der MHH nach eigener Aussage sehr ernst. Wegen des Pflegenotstands muss die Station der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) Recherchen des NDR Fernsehmagazins Hallo Niedersachsen zufolge immer wieder schwer kranke Kinder abweisen. Allein in diesem Jahr bereits 300, berichtete Michael Sasse, der leitende Oberarzt. Davon mehr als 100 Patienten aus dem Intensivnetzwerk, also lebensbedrohlich erkrankte Kinder. "Mit den Folgen, dass die dann nicht nach unseren Möglichkeiten behandelt werden können und unter Umständen sterben", sorgt sich Sasse.

Eine Expertin spricht über den Notstand in der Pflege.

Pflegenotstand: Schwerkranke Kinder abgewiesen

Hallo Niedersachsen -

Es muss etwas passieren! Das ist die Reaktion auf den Pflegenotstand, der besonders auf der Kinderintensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover das Leben von Kindern gefährdet.

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Ministerium will Aussagen nachgehen

Das Ministerium habe keine Erkenntnisse darüber, dass Kinder möglicherweise nicht versorgt werden können, will den Aussagen aber nachgehen. Intensivstationen seien in einer besonderen Situation, weil sie besonders viele hochqualifizierte Pflegekräfte bräuchten. "Hier zeigt sich der Fachkräftemangel dann als erstes und auch in einer sehr drastischen Form", sagte Reimann Hallo Niedersachsen. Pflege müsse laut Reimann attraktiver werden und "für mich bedeutet das, dass es eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen geben muss".

"Es wurden viele Fehler gemacht"

Von der Opposition kommt unterdessen Kritik. "Ich glaube, da sind viele Fehler gemacht worden", sagte Anja Piel, Grünen-Sprecherin für Soziales, "wir wissen, dass seit den 1990er-Jahren jede fünfte Kinderabteilung zugemacht worden ist und vier von zehn Kinderbettenplätzen abgebaut worden sind." Und die FDP will Aufklärung darüber, wie lange das Sozialministerium schon von den Zuständen weiß.

Zwei Zimmer stehen seit einem Jahr leer

Auf der MHH-Station werden in der Regel schwer kranke Kinder behandelt. Manche seien herzkrank, andere litten an Krebs oder hätten schwerste Infektionen. Die Kinderintensivstation der MHH ist die größte ihrer Art in Deutschland, sie hat Platz für 18 Kinder. Weil es aber nicht genug Pfleger und Schwestern gibt, können laut Sasse zwischenzeitlich bis zu 30 Prozent der Betten nicht belegt werden. Zwei Zimmer der Intensivstation stehen dem Stationsleiter zufolge bereits seit einem Jahr dauerhaft leer.

Lange Ausbildung, kaum Mehrverdienst für Pfleger

Warum das so ist, liegt für Oberarzt Sasse auf der Hand: Der Pflegeberuf sei unattraktiv geworden. Für die Arbeit auf der Kinderintensivstation ist eine zweijährige Weiterbildung nötig. Mehr Lohn gebe es dafür später aber kaum. Hinzu kommen demnach viele Nachtschichten und Wochenenddienste. Außerdem sei die Arbeit auch psychisch belastend. Für den Stationsleiter ist der Pflegenotstand das große Problem des Gesundheitswesens der kommenden Jahre, "weil viele Kliniken die Patienten nicht mehr betreuen können. Ich kenne keine Klinik, die nicht das gleiche Problem hat." In anderen Klinken sei die Situation teilweise noch schlimmer als an der MHH. Sasse fordert die Politik auf, für die Intensivpflege mehr Geld bereitzustellen.

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Große Nachfrage, wenig Fachkräfte

Die Forderung nach einer Verbesserung der Situation erhebt auch Annegret Hesemann, Pflegedirektorin des Kinderkrankenhauses auf der Bult in Hannover. Seit Beginn der 2000er-Jahre seien viele Pflegestellen gestrichen worden, so Hesemann. Pflegefachkräfte seien gerade in der Kinderintensivmedizin in ganz Deutschland kaum verfügbar, heißt es vom Kinderkrankenhaus. Das beschreibt eine Sprecherin des Christlichen Kinderhospitals in Osnabrück genauso. Zwei Drittel der neu zu besetzenden Stellen entfallen ihr zufolge auf die Intensivpflege. Die Nachfrage ist groß, das Angebot an Fachkräften zu klein.

Kritische Lage auf Frühchen-Stationen

Nahezu alle Intensivstationen in Niedersachsen seien vom Personalmangel betroffen, teilt die niedersächsische Krankenhausgesellschaft mit. Kritisch sei die Lage insbesondere auf Stationen für früh geborene Babys. "Frühchen versorgen können überhaupt nur noch 19 Krankenhäuser in ganz Niedersachsen", sagt Verbandsdirektor Helge Engelke. Als Betreuungsschlüssel werde dort eine Pflegekraft für ein Frühchen empfohlen - das sei oft nicht zu leisten. Schwangere müssten deshalb abgewiesen werden.

Ausbildung wird reformiert

Die Krankenhausgesellschaft beteiligt sich an einem Bündnis aus Gemeinden und Verbänden, das an einer Verbesserung der Situation arbeitet: In Niedersachsen soll es künftig eine übergreifende Ausbildung geben, bei der sich ein angehender Pfleger ab dem zweiten Lehrjahr entscheiden kann: Macht er im dritten Jahr die EU-weit anerkannte generelle Pfleger-Ausbildung oder spezialisiert er sich als Kinderkranken- und Altenpfleger? Vom Land gibt es eine Starthilfe von 600.000 Euro für die Ausbildungsreform, die ab 2020 umgesetzt werden soll.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 09.10.2018 | 18:00 Uhr

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